Archivbild: Greg Fox im Konzert. (Quelle: imago/Roland Owsnitzki)
Audio: Inforadio | 01.08.2019 | Jens Lehmann | Bild: imago/Roland Owsnitzki

Kritik | "A l'Arme"-Festival in Berlin - Bass-Gewitter im Säälchen

"Gewitter über Berlin" - als hätte das Wetter nur auf den Start des Noise- und Expertimental-Jazz-Festivals "A l'Arme" am Holzmarkt gewartet. Jens Lehmann hat einen gelungenen, wenn auch etwas langatmigen Festival-Auftakt erlebt.

Gerade zieht das Unwetter über die Stadt, ein Großteil des Publikums kommt klatschnass ins Säälchen gestolpert. Aber von Blitz und Donner kriegt man drinnen überhaupt nichts mit. Da ist Alarm angesagt! - Ja, schon klar: Geschrieben wie das französische "Zu den Waffen". Die Macher wissen schon, warum sie ihr "A L'Arme-Festival" so genannt haben. Und das merkt man auch beim amerikanischen Drummer Greg Fox, der die inzwischen siebte Ausgabe des Festivals eröffnet.

Der hat sein Schlagzeug an allen Ecken und Enden verkabelt, vom Rand seiner Snare bis hin zur Highhat. Die Kabel führen zu einem Synthesizer, der mal vorprogrammiert, mal per Zufallsprinzip Töne, Akkorde oder Samples ausspuckt. Der gute Mann hat also das Unmögliche möglich gemacht und sein Rhythmus-Instrument zu einem Melodie- und einem Harmonieinstrument ausgebaut - der feuchte Traum eines jeden Soundtüftlers. Wenn man jetzt noch umgekehrt Schlagzeug über seinen Laptop spielen könnte - die Weltherrschaft wäre ihm sicher.

Irre Melodieverläufe – aber keine Weltherrschaft

Und so ergießt sich an diesem Abend eine Mischung aus Bassdrum-Noise-Gewittern, irren Melodieverläufen, aber auch hymnischen Passagen über das immer noch etwas klamme Publikum. Greg Fox ist ein echt guter Drummer. Aber schon nach einer Viertelstunde scheint sein Material erschöpft zu sein. Doch keine Weltherrschaft. Sonst könnte er vielleicht auch etwas gegen die größte Gefahr auf solchen Festivals tun: die Umbaupause. Eine Dreiviertelstunde dauert es, bis die nächsten Künstler auf der Bühne stehen.

Insgesamt wird so aus dem Eröffnungsabend mitten in der Woche ein Vierstundenmarathon. Hmpf. In dessen Zentrum stehen Gurls. Ein norwegisches Trio aus Kontrabass, Saxophon und Gesang, das mich mit seiner Mischung aus Soul und Smooth Jazz auf dem falschen Fuß erwischt. Gilt doch das "A l'Arme" als Hort des Noise, des Avantgarde-Jazz, der Experimente. Da hatte ich etwas anderes erwartet als die Damen, die mit witzigen bis fiesen Texten über "porkchop lover" und "yodelling boys" und ihrem kristallklaren Gesang den Saal - Verzeihung, das Säälchen - zum Jubeln bringen. Zumal sie sich mit ihrer "Wir sind Gurls, Ihr seid Boys"-Attitüde auch nicht so furchtbar ernst nehmen.

Vierstundenmarathon endet mit Anguish

Es ist schon kurz nach 23 Uhr, als dann schließlich der Hauptact des Abends, Anguish, die Bühne am Holzmarkt betritt. Inzwischen hat sich der Saal merklich geleert. Dabei steht da doch eine echte Supergroup auf der Bühne: Krautrock-Urgestein Hans-Joachim Irmler von Faust hat sich dafür mit Will Brooks und Mike Mare von der Industrial-Hiphop-Gruppe Dälek - und Schwedens Freejazz-Berserkern Martin Werlin und Mats Gustafsson zusammengetan. Die sind seit ein paar Jahren meine Helden, weil sie mir mit ihrem ohrenbetäubenden, hirnexplodierenlassenden Fire! Orchestra ein total verschnarchtes Jazzfest gerettet haben.

Doch schnell wird mir klar: Damit haben Anguish wenig zu tun. Brooks ist das Sinnbild eines fetten, wütenden Rappers mit Basecap, der Beat ist tight, aber will mir nichts sagen. Auch wenn es ein paar wenige hypnotische Augenblicke gibt, krebsen Anguish auf Dauer doch im Niemandsland zwischen hohler Hiphop-Pose und Noise-Gewitter herum. Mats Gustafsson spielt am ganzen Abend vielleicht fünf Töne auf seinem Saxophon, auch Schlagzeuger Martin Werlin ist bis auf ein Solo chronisch unterfordert - und auf die heilsamen Freejazz-Einflüsse, die kreativen Ausbrüche meiner Idole warte ich vergebens.

Vielleicht sind ja Tristan Honsinger, DJ Illvibe, Nils Petter Molvaer oder Moormother besser drauf. Das Line-Up von A l'Arme kann sich wieder einmal sehen lassen. Nur schade, dass man dafür jetzt vom wirklich gemütlichen Säälchen ins benachbarte Radialsystem umzieht. Das ist ja leider ein echter Stimmungskiller.

Sendung: Inforadio, 01.08.2019, 7:55 Uhr

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