24.08.2019, Berlin: Menschen verfolgen auf der Straße des 17. Juni das Konzert der Berliner Philharmoniker unter der Leitung des neuen Chefdirigentenr Kirill Petrenko (Quelle: dpa/Paul Zinken)
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Audio: Inforadio | 25.08.2019 | Bruno Dietel | Bild: dpa

Konzertkritik | Berliner Philharmoniker open air - Eine andächtige, europäische Fanmeile

Es war ihr erstes Konzert vor dem Brandenburger Tor: Vor 35.000 Zuhörern spielten die Berliner Philharmoniker am Samstagabend unter der Leitung ihres neuen Chefdirigenten Kirill Petrenko. Auch Bruno Dietel hat sich auf die Straße des 17. Juni gesetzt und zugehört.

Es war Kirill Petrenkos ausdrücklicher Wunsch, möglichst vielen Menschen in der Hauptstadt zu zeigen: Seid umschlungen! Hier bin ich, der neue Mann am Pult der Berliner Philharmoniker. Dass es dann wirklich 35.000 Menschen werden würden, die auf der Straße des 17. Juni sitzen und ihm und dem Orchester in ehrfürchtiger Stille zuhören – das hat sämtliche Erwartungen übertroffen.

Die Leute strömen schon zwei Stunden vor Konzertbeginn vor das Brandenburger Tor, haben Decken und Picknick mitgebracht, spielen Karten, Eltern füttern ihr Baby. Touristen, Berlinerinnen und Berliner sind gleichermaßen gekommen, Menschen, die vielleicht vorher noch nie mit klassischer Musik in Berührung kamen. Bis zum Sowjetischen Ehrenmal sitzen Leute auf der Straße, zwei große Videoleinwände übertragen das Konzert.

Aufmerksame, andächtige Ruhe im Publikum

Als das Orchester und Kirill Petrenko die Bühne betreten, schwappt der Applaus wie eine große Welle den halben Kilometer Straße entlang. Auch zwischen den vier Sätzen von Beethovens 9. Sinfonie wird geklatscht – das darf heute sein. Während der Musik herrscht eine aufmerksame, andächtige Ruhe – ein seltener Moment in Berlin.

Zwei Jahre lang haben die Philharmoniker an diesem Open-Air-Konzert gearbeitet. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte spielen sie am Brandenburger Tor und wollen damit auch ein Zeichen für ein tolerantes Europa setzen. Dieses Zeichen könnte größer nicht sein: Ein so fundamental wichtiges Werk wie die 9. Sinfonie von Beethoven mit der Europahymne "Ode an die Freude" an einem so historisch aufgeladenen Ort wie dem Brandenburger Tor – und das im Jahr 30 nach dem Mauerfall.

Zuschauer auf der "Fanmeile" beim Open-Air-Konzert der Philharmoniker am Brandenburger Tor. (Quelle: rbb/Christian Titze)
Rund 35.000 Zuschauer kamen zum Open-Air-Konzert | Bild: rbb/Christian Titze

Ein bewegendes Signal

"Die Neunte enthält alles, was uns als Menschheit auszeichnet, das Gute und das Böse", sagt Petrenko über Beethovens Sinfonie, deren Originalpartitur durch die Berliner Mauer geteilt wurde. Bis zur Wende lagen die zwei Hälften in Bibliotheken in Ost- und West-Berlin.

Die Gemeinschaft Europa als ein verletzliches Konstrukt, als fragiles Projekt – diesen Gedanken hat man insbesondere in den leisen Momenten der Sinfonie. Die Straße des 17. Juni ist an diesem Abend eine andächtige, europäische Fanmeile, nicht nur der Dirigent selber zutiefst gerührt, beseelt, beglückt.

Die Geste der "Ode an die Freude" vor dem Brandenburger Tor – Kirill Petrenko hat damit nicht nur einen grandiosen Einstand geliefert, sondern mit den Philharmonikern ein bewegendes Signal gesendet, das weit über die Hauptstadt wirken könnte.

Beitrag von Bruno Dietel

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9 Kommentare

  1. 7.

    This truly was an amazing event, in an one of a kind setting that made classical music available to a large multigenerational and multiethnic audience. One hopes that this will be an annual event that will become a highlight of the Berlin summer season. Congratulations!

  2. 6.

    Wunderbar, charmant und genüsslich, ein toller Sommerabend mit geschenkter Kultur im Hochgenuss für alle! Was für eine Geste. Berlin kann so positiv sein. Jetzt muss nur noch die Landespolitik nachziehen und endlich auch den Weltcharme verbreiten, den Berlin verdient hat.

  3. 5.

    So schön. Für alle, die Menschen waren trotzdem sehr ruhig und involviert, das war große Klasse. Und selbst diejenigen, die es nur von weit weg hörten, waren berührt. Endlich mal wieder ein schönes Bild, das Berlin da zeichnete. Ich sage DANKE!

  4. 4.

    gut das Petrenko die Partitur dabei hatte, so wußte wenigstens er welches Stück gespielt wurde... also mal im Ernst - auch interpretatorisch sehr fremd geradezu unpassend für Beethoven

  5. 3.

    Ich bin eigentlich kein Freund der klassischen Musik, aber das war unglaublich. Ich war mit meiner Tochter und meinem Mann dort. Danke für diesen wundervollen Abend.

  6. 2.

    Bravissimi a tutti...
    Super Idee!

  7. 1.

    Ach, Berlin kann so schön sein :-)

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