Bianca Del Rio vor der London SSE Arena in Wembley vor ihrer Tour im September 2019 (Quelle: dpa/matrixpictures.co.uk)
Audio: Inforadio | 28.08.2019 | Magdalena Bienert | Bild: dpa/matrixpictures.co.uk

Kritik | Drag-Star Bianca Del Rio im Admiralspalast - Beleidigungen am Fließband

Die amerikanische Dragqueen Bianca Del Rio ist als Komikerin auch über die Szene hinaus bekannt. Dienstagabend war sie mit ihrer Comedy-Show im ausverkauften Admiralspalast zu Gast - und teilte ohne Rücksicht auf Verluste aus.Von Magdalena Bienert

Bianca Del Rio betritt unter tosendem Beifall als eine Art pink-glitzernde Fledermaus die Bühne, Arme und Beine stecken in einem weiten Paillettenanzug, dazu passende High Heels mit Pom Poms und auf dem Kopf perfektioniert eine knallorangene Perücke das schillernde Outfit. Der Dragstar startet mit einem Pimmelwitz und entschuldigt sich, dass sie zu spät auf die Bühne gekommen sei (21.05 Uhr), aber sie hätte Backstage eine Krise bekommen, weil: "I got my dick caught in the zipper - I am never wearing those Zipperboots again!" Also: Sie käme zu spät auf die Bühne, weil sie ihr bestes Stück  im Reißverschluss eingeklemmt habe - daher nie wieder Stiefel mit Reißverschluss, ist die Pointe und der volle Saal brüllt. Dass die Dragqueen über sich selber Witze macht, kommt ab jetzt eher selten vor. In einem irren Tempo arbeitet sie sich die nächsten 60 Minuten an allen Randgruppen ab und danach noch 15 Minuten höchstpersönlich am Publikum, das ihr Fragen stellen konnte.

Missbrauch, Suizid oder Abtreibung - alles geht

Neben Seitenhieben über Schwule, Lesben, Schwarze, Asiaten, Behinderte oder Juden scheut Bianca Del Rio auch nicht davor, sich bitterböse auch über familiären Missbrauch ("Wenn du nicht von deinem Onkel gevögelt wurdest, warst du wahrscheinlich sehr hässlich"), über Suizid und Abtreibung lustig zu machen. Manchmal geht ein Raunen durch den Raum und leise Buhrufe untermalen den Applaus. Hat sie das wirklich gerade gesagt?

Ungläubigkeit ihrer treuen Anhängerschar kontert die 44-Jährige nonchalant: Dafür hätten die Leute ja wohl bezahlt - und sie hat sicherlich Recht. Zudem relativiert sie als Running Gag jede Beleidigung mit dem Satz, dass ihr "Best Friend" ja auch schwul, lesbisch, hetero oder schwarz sei  - oder eben das Down Syndrom hätte. "Ich liebe dieses Mädchen, wir haben so viel Spaß zusammen, wenn wir weggehen und egal, wie betrunken ich werde, ich finde immer, wirklich immer ihr Gesicht in der Menge wieder." Dazu rollt die Dragqueen ihre dramatisch geschminkten Augen.

"Queen of Mean" schafft es bis ins Wembley Stadion

Das junge, überwiegend aus der LGBT-Community stammende Publikum feiert jeden Gag der schillernden Alleinunterhalterin lautstark. Viele sind extra angereist für den einzigen Deutschlandauftritt der selbsternannten "Queen of Mean" ("Königin der Gemeinheiten"), die diesem Namen alle Ehre macht.

Nachdem sie 2014 bei der international erfolgreichen Show "RuPaul's Drag Race" (sowas wie "Americas next Drag-Superstar") mitmachte und dort als erste Dragqueen mit hispanischen Wurzeln gewann, tourt sie mit ihren eigenen Shows durch die Welt. Letztes Jahr machte sie dreimal am Stück die Londoner Veranstaltungshalle Hammersmith Apollo voll (jeweils knapp 9.000 Menschen) und wird am 21. September in der legendären Wembley Arena zu Gast sein. Damit bestreitet sie die größte Drag-Show, die es jemals in Großbritannien gab.

Hauptsache politisch unkorrekt

Mit nichts als einem Mikrofon, einem Glas Wasser und einer Puderquaste als Requisit, witzelt sich Bianca Del Rio routiniert von einem, mal mehr, mal weniger flachen und bösen Gag zum nächsten: "Der Unterschied zwischen schwulem Sex und Heterosex? Heterosex ist wie schwuler Sex, nur mit besseren Klamotten." Es folgt noch eine angewiderte Tirade auf das weibliche Geschlechtsorgan ("Pussys makes me nervous. Pussys are nasty. It looks like it might lick me back"), sowie lesbische Pärchen. Und nach sechzig Minuten, in denen die Schauspielerin und Comedian gefühlt pro Minute auf einen Lacher hingearbeitet hat, werden noch schriftliche Fragen des Publikums beantwortet.

In diesen (fast) spontanen Reaktionen und Interaktionen ist die Wahl-New Yorkerin wirklich gut und ehrlich witzig. Alles andere ist meist nur wahnsinnig plakative Comedy. Für einen politisch unkorrekten Witz würde die Dragqueen sicher ihre eigene Perücke verkaufen. Aber okay, genau dafür haben ihre Fans bezahlt.

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3 Kommentare

  1. 3.

    Erstens hat sie kein Wasser getrunken, sondern Wein und zweitens lebt sie in L.A. und nicht in New York. #Recherche

  2. 2.

    ... oder muesste die Uebersetzung vielleicht heissen: "Heterosex ist [...] besser angezogen"? Dann wuerde auch bei mir der Groschen fallen.

  3. 1.

    Fr Bienert, ich glaub (ohne Ironie etc.), bei der Antwort auf den Unterschied zw Homo- und Hetensex haben Sie in der Textfassung von 08:24 die Pointe verdreht. Oder ist mir die zu hoch?

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