Das Innere des Pierre Boulez Saals (Quelle: Pierre Boulez Saal/Volker Kreidler)
Audio: Radioeins | 05.08.2019 | Sarah Steinert | Bild: Pierre Boulez Saal/Volker Kreidler

Ausstellung im Pierre-Boulez-Saal - Kollektive Meditation mit "Gold Projections"

Der Pierre Boulez Saal gilt mit seiner ellipsenhaften Form als einer der aufregendsten neueren Kammermusiksäle. Dort findet nun ein Kunstspektakel statt, das eher mit dem Gegenteil von Musik zu tun hat: der absoluten Stille. Von Cora Knoblauch

Zwei riesige vergoldete Holzscheiben, jede mit einem Durchmesser von etwa 2,5 Meter, hängen sich im Pierre-Boulez-Saal in Berlin-Mitte gegenüber. Pünktlich zum Sonnenuntergang wird der Raum verdunkelt und dann beginnt das stille Licht- und Filmspektakel des kalifornischen Künstlers Joe Ramirez.

Auf die beiden goldenen Scheiben werden abwechselnd Stummfilmszenen von Ramirez projiziert. Die einzelnen Filmszenen verschmelzen dabei ganz langsam miteinander. Es entsteht der Eindruck von sich bewegenden Bildern, beinahe Gemälden, die sich gegenseitig ablösen: Eine Frau wandert durch eine bergige Landschaft, ein Mann stapft durch dunkles Wasser. Da die Goldscheiben nicht komplett glatt sind, sondern leicht strukturiert und zudem konkav, entsteht dabei ein 3D-Effekt.

Der US-amerikanische Künstler Joe Ramirez spricht auf der Pressekonferenz am 09.02.2017 in Berlin (Quelle: dpa/Bernd Settnik).
Der Künstler Joe Ramirez bei der Pressekonferenz zu "Gold Projections". | Bild: dpa/Bernd Settnik

Absolute Ruhe

Glitzerndes Wasser schimmert wie Mondlicht, wenn es auf einen goldenen Hintergrund projiziert wird, anstatt auf einen weißen. Das Publikum reagiert erstaunlich brav auf die Stille. Das anfängliche Gekruschtel und Gehüstel endet nach wenigen Minuten und das Publikum ergibt sich der absoluten Ruhe.

Es wird so leise, dass jedes heimliche Gähnen zu hören ist. Wo sonst die Musiker im Kammermusiksaal spielen, darf auf dem Boden gesessen oder gelegen werden. Eine Art kollektive Meditation tritt ein. Doch die gerät manch einem wohl etwas lang und zäh. Allein der erste Film dauert mehr als zwei Stunden.

Entscheidendes Element fehlt

Bereits vor der ersten Pause ist beinahe die Hälfte des Publikums still und leise gegangen. In diesem Saal, der bekannt ist für seine hervorragende Akustik, fehlt es an eben dem Element, für das der Raum von Star-Architekt Frank Gehry erschaffen wurde: Musik.

"The Gold Projections" ist ein Berliner Kunst-Happening. Die Schuhe müssen ausgezogen und gegen schwarze Socken an der Garderobe eingetauscht werden. Das Mobiltelefon muss in Taschen gesteckt und versiegelt werden.

Für alle mit genügend Sitzfleisch

Obwohl im Saal die Sonne nicht zu sehen ist, beginnt die Veranstaltung exakt zum Sonnenuntergang - also jeden Tag etwas früher. All diese kleinen Extras arbeiten an der Aura dieses "Ich nehme hier an einer ganz besonderen Veranstaltung teil"-Events. Leider lenken sie auch ab von dem, worum es tatsächlich geht: der Kraft der Filmbilder von Joe Ramirez. Die gleiten mitunter ab in eher profane Meditationsästhetik, beispielsweise wenn minutenlang Wellen einen Felsen umspülen.

Entspannend und ästhetisch ist der Abend trotzdem. Zumindest für die, die genug Sitzfleisch mitbringen und sich gerne mal in eigenen Gedanken verlieren. Das Kunstevent lockt vielleicht auch ein Publikum an, das bislang wenig mit Kammermusik am Hut hatte und nun erstmals diesen besonderen Saal erlebt.

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Beitrag von Cora Knoblauch

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