Natalie Seelig, Michael Gerber, Markwart Müller-Elmau und Birgit Unterweger, v.l., während der Fotoprobe zu "Lear" im Deutschen Theater Berlin (Quelle: imago images/Martin Müller)
Audio: Inforadio | 31.08.2019 | Ute Büsing | Bild: imago images/Martin Müller

Theaterkritik | Uraufführung "Lear" im Deutschen Theater - Verkopfte spröde Inszenierung mit Wachmacher zum Schluss

Zum Saisonauftakt am Deutschen Theater Berlin nimmt sich Hausregisseur Sebastian Hartmann Shakespeares "Lear" vor und verknüpft ihn mit der Uraufführung von Wolfram Lotz Stück "Die Poltiker". Was dabei herauskommt, hat Ute Büsing gesehen.

Eine große Partnerschaft zwischen ihm und Shakespeare gab es bisher nicht, erzählt Regisseur Sebastian Hartmann im Programmheft. Für die Beschreibung von Gegenwart sei er "zu unterkomplex". Und so bleibt folgerichtig vom "Lear" und dem Ringen des greisen Königs mit seinen Töchtern ums Erbe in 2 Stunden 30 Totaltheater wenig übrig. Außer der Erkenntnis: Hartmann kann mit Shakespeare wirklich nichts anfangen. Mit diesem "Lear" zumal. Denn er amputiert den Stoff. Wo sich sonst zumeist ein alternder Schauspieler mit Aplomb in die Titelrolle wirft, setzt Hartmann bewusst eine Leerstelle.

Manuel Harder, Michael Gerber, Elias Arens, Peter Rene Lüdicke und Cordelia Wege, v.l., während der Fotoprobe zu "Lear" im Deutschen Theater Berlin (Quelle: imago images/Martin Müller)
Bild: imago images/Martin Müller

Er fesselt König Lear und den Grafen Gloucester im weißen Nachthemd als sieche Greise ans Krankenbett. Bis auf ein paar Urlaute sind die alten Erbwalter (Michael Gerber, Markwart Müller-Elmau) weitgehend sprachlos. Entseelt. Entmannt. Entmachtet. Was in Hartmanns wie gewohnt mit dem Ensemble erarbeiteten "Lear"-Textkorpos  übrig bleibt, sprechen die Töchter und Söhne, manchmal auch ein Chor. Das ziemlich quälende Gewese mit ein paar eher angedeuteten Fecht- und Sex-Szenen läuft auf eine Anklage der nächsten Generation gegen die Verwüstung und Zerstörung der Welt hinaus. Allein, dem entfachten Furor entbehrt die Dringlichkeit.

Gesampelte Fremdtexte und disparates Spiel

In den zunehmend gesampelten Fremdtexten und im disparaten Spiel sind Hartmanns im Vorfeld postulierte Motive für die Inszenierung: Klimakatastrophe, Ausrottung der Lebensgrundlagen und das Versagen der Politik kaum erkennbar. Wer nicht über die Absicht des Regisseurs informiert ist, wird allerdings noch verlorener sein.

Zwar flackert ein Schwarzweiß-Video mit Naturkatstrophen an verschiedenen Stellen der bis auf ein Riesenwindrad leeren Bühne auf und der "alles zerstörende Donner" aus "Lear" kommt chorisch zum Vortrag und deklamiert wird auch noch ein völlig aus dem Rahmen fallendes dröhnendes Pamphlet von 194 geschundenen und gequälten Vereinten Nationen. Doch dass es hier vorrangig um die Erbschaft kaputter und verbrannter Erde gehen soll, bleibt nebulös. Auch in einer drastischen, historisch schief klingenden Anklage gegen einen "Panzermann", der nicht nur jüdisches Leben zerstört hat.

Enttäuschte Erwartungen und bravouröser Schlussmonolog

Ein älterer Herr im Premierenpublikum hat schon vorher genug. Er kam, so wettert er vom Rang, "um Shakespeare zu gucken und nicht eine Horde von ignoranten Dummen", die "erstmal sprechen lernen" müssten. Er geht und andere, die Sebastian Hartmanns Arbeiten nicht kennen und eine herkömmliche texttreue Inszenierung erwartet hatten, tun dies auch.  Auf den Regisseur warten beim Premierenapplaus folgerichtig auch ein paar Buhs. Bevor es dazu kommt, klebt er seinem "Lear"-Korpos als Epilog noch den extra für ihn geschriebenen neuen Text des Dramatikers Wolfram Lotz "Die Politiker" an.

Cordelia Wege spricht diesen ausufernden poetischen Monolog voller kunstvoller Ticks entlang einer zeitgenössischen Timeline 30 Minuten lang bravourös. Sie legt ein umjubeltes Solo hin, während sich die anderen im Ensemble gegen starken Hall und anschwellende Elektrosounds bei dieser verkopften spröden Saisoneröffnungauf eine Weise verausgaben müssen, die ihnen kaum einer dankt. Aber der Schlussmonolog ist ein Highlight, ein Wachmacher und ein vitalisierender Motor für neues Denken. Rhythmus, Tempo, Komik, Dringlichkeit. Jetzt wird alles nachgereicht. Da leuchtet sogar das Windrad golden. Gedreht hat es sich aber nicht.

Beitrag von Ute Büsing

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