Blick auf die Freifläche der ehemaligen Garnisonskirche an der Breiten Straße in Potsdam (Quelle: imago images/Pemax).
Audio: rbbKultur | 19.08.2019 | Interview mit Philipp Oswalt | Bild: imago images/Pemax

Dauerstreit in Potsdam - Bürger starten Petitionen gegen Garnisonkirche

Gleich zwei Bürgerinitiativen wenden sich gegen die aktuellen Wiederaufbaupläne für die Potsdamer Garnisonkirche. Prominente Vertreter fordern deutliche Veränderungen an den Entwürfen und der institutionellen Begleitung des Projekts.

Zwei Bürgerinitiativen haben bundesweite Online-Petitionen gegen den Wiederaufbau die Potsdamer Garnisonkirche gestartet. So fordert ein Bündnis aus Wissenschaftlern, Kulturschaffenden sowie politisch, kirchlich und zivilgesellschaftlich Engagierten in einem am Montag veröffentlichten offenen Brief deutliche Veränderungen beim geplanten Neubau der Kirche. Adressiert ist das Schreiben an Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke, Potsdams Oberbürgermeister Mike Schubert (alle SPD) und Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU).

Unter dem Motto "Bruch statt Kontinuität" dringen die mehr als 100 Erstunterzeichner auf Veränderungen an dem bereits begonnenen Projekt. So soll das 1991 gestiftete Glockenspiel mit seinen "revisionistischen, rechtsradikalen und militaristischen Widmungen" abgerissen werden. Zudem verlangen sie den "Verzicht auf die Nachbildung jeglichen Waffenschmucks bei der Rekonstruktion des Gebäudes".

Menschenrechtsvereine sollen Träger werden

Außerdem sei eine veränderte Trägerschaft des Projekts sinnvoll, "welche nicht die Einheit von Kirche, Staat und Militär wiederbelebt. Anstelle der Repräsentanten aus Politik und Militär sollen zivilgesellschaftliche Initiativen treten, die sich für Menschenrechte und gegen Militarismus" einsetzen. Notwendig sei "ein Lernort anstelle eines Identifikationsorts", heißt es in dem Brief. Die bisherige "Abgrenzung nach rechts" bleibe "unzureichend und das vermittelte Geschichtsbild ausgesprochen problematisch".

Zu den namenhaften Unterzeichnern der Petition [change.org] gehören den Angaben zufolge unter anderem die Künstler Hans Haacke und Klaus Staeck, der Kunstsammler Harald Falckenberg, der Galerist Kasper König, der Historiker Manfred Gailus, der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik, der evangelische Pfarrer Friedrich Schorlemmer, der Galerist Kasper König sowie die Architekten Matthias Sauerbruch und Philipp Oswalt.

Oswalt kritisierte im rbb, dass sich die Stiftung sehr widersprüchlich verhalte. "Die Stiftung, die den Aufbau vertritt, spricht davon, ein Friedenszentrum zu schaffen, hält aber an einer völligen 1:1-Rekonstruktion des historischen Gebäudes fest", sagte der Initiator der Petition bei rbbKultur. Bei der benannten Stiftung handele es sich Oswalt zufolge um ein 2005 von Politik- und Kirchenfunktionären initiiertes Projekt, an dem unter anderem Brandenburgs Ex-Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) sowie der ehemalige Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) mitwirkten.

Zweite Initiative fordert Aufschub

Daneben fordert die "Bürgerinitiative für ein Potsdam ohne Garnisonkirche" in einer weiteren am Montag veröffentlichten Onlinepetition, die sich vor allem an Kulturstaatsministerin Grütters und Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) richtet, einen Förderstopp und ein Aufschub für das Bauprojekt Garnisonkirche. Bis Montagmittag hatten 29 Personen diese Petition unterzeichnet.

Um den Wiederaufbau der Garnisonkirche in Potsdam wird seit Jahren gerungen. Die Befürworter des Wiederaufbaus begründen das Bauwerk unter anderem mit der Bedeutung für das Stadtbild und mit einer Wiedergutmachung für den Abriss des Gotteshauses in der DDR. Kritiker verweisen dagegen auf die Geschichte der Garnisonkirche als preußische Militärkirche und ihre Nutzung zur NS-Inszenierung der Reichstagseröffnung im März 1933.

Hitler traf Hindenburg in Kirchengebäude

Die bis 1735 errichtete Garnisonkirche war einer der bedeutendsten Bauten des norddeutschen Barock. Bekannt ist sie auch durch den sogenannten Tag von Potsdam am 21. März 1933. Damals trafen sich Reichskanzler Adolf Hitler und Reichspräsident Paul von Hindenburg an den Grabstätten der preußischen Könige Friedrich Wilhelm I. und Friedrich des Großen und eröffneten in der Garnisonkirche den Reichstag. Der Barockbau wurde dann im Zweiten Weltkrieg im April 1945 bei einem alliierten Luftangriff auf den Potsdamer Hauptbahnhof weitgehend zerstört und 1968 in der DDR abgerissen.

Der Grundstein für den neuen Kirchturm wurde 2005 gelegt, die Bauarbeiten haben im Herbst 2017 begonnen. In den kommenden Jahren soll der Turm in seiner äußeren historischen Form wiederentstehen und ein Versöhnungszentrum aufnehmen.

Sendung: Antenne Brandenburg, 19.08.2019, 14 Uhr

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62 Kommentare

  1. 61.

    Des Herren "Helmut Krüger" abschließende Einschätzung zeigt doch nur das die Fans der der Attrappe der Garnisonkirche nicht fähig oder willens sind sich mit den guten Gründen welche gehen den Bonzenbaus sprechen auseinanderzusetzen. Herr "Helmut Krüger" macht nicht einmal den Versuch sachlich mit den Gegnern zu reden.

    - Die Mehrheit der Bürger will keine Garnisonkirche
    - Die Mehrheit der Stadtverordneten will keine Garnisonkirche
    - Wortbruch bei der Finanzierung
    - unklares Versöhnungskonzepts
    - Gelder für den Denkmalschutz werden für eine wertlose Attrappe verschwendet
    - passt nicht in das Umfeld
    - bislang keine Rückzahlung der zu DDR-Zeiten gezahlten üppigen Entschädigung für die über Jahrzehnte verfallene Ruine der Garnisonkirche

    sicher ist die Liste nicht vollständig

  2. 60.

    Der Begriff des Sich-Anschließens muss nicht neu definiert werden, wie sie meinen.
    Zitat: Die Stadtverordneten schließen sich dem Bürgerbegehren „Für ein Potsdam ohne Garnisonkirche“ an.

    https://www.morgenpost.de/brandenburg/article130735481/Streit-um-die-Garnisonkirche-geht-in-die-naechste-Runde.html

  3. 59.

    Sie gehen immer wieder vom falschen Startpunkt aus. Während ich darauf insistiere: Schon die Trennung von ihrer Entstehungsgeschichte dem ihr von Anfang an zugedachten Zweck, ist mindestens mit Skepsis entgegenzutreten. "Nazikirche" war bloß der Endpunkt. Das liegt am Gauland-Gedanken das Preussentum sei als Glorie zu erinnern. Sie tun so als sei es für einen republikanischen Spanier möglich im Grabmal Francos ein demokratisches Symbol zu sehen. Seine Sache. Die neben ihm sieht es halt anders. Alles schick. Das ist -mit Verlaub- eine Zumutung. Insofern Sie darauf bestehen nicht darüber zu sprechen, worüber zu sprechen ist. Der schönste Barock, die dollste Gotik, das beeindruckendste Schloss ist auch Skulptur gesellschaftlicher, sozialer Verhältnisse. Zumal als "authentische" Rekonstruktion. Nicht als Umgang mit Vorhandenem in der Diskussion. Es ist festzustellen: Mit oder ohne Garnisonskirche. Das Preussentum ist ein giftige Erbe. Wie üblich halt widersprüchlich.

  4. 58.

    Von meiner Warte aus hier eine abschließende Einschätzung:
    Nach Empfindung vieler Lesenden dürfte sich die Diskussion hier im Kreis drehen.
    Die einen - wie bspw. ich - setzen auf die Annahme einer Wandlungsfähigkeit der Menschen, die im besten Fall zur Versöhnung führt, andere schließen diese Wandlungsfähigkeit offenbar aus, weil es ihnen offensichtlich darum geht, auf der "einzig richtigen Seite" zu stehen.

    Menschen von einem analysierten Größeren her quasi deduktiv zu beurteilen - der oder die KANN folglich nur so und so - grenzt an Denunziation. Ich weiß, dass Einzelne immer "größer" sind als alle Schubladen, in die sie hineingesteckt werden sollen. Das gilt umstandslos für alle Zeiten. - Die Einladung, die Fronten aufzuweichen, bleibt.

  5. 56.

    Dissident hat recht. Die Stadtverordneten haben sich dem Bürgerbegehren „Für ein Potsdam ohne Garnisonkirche“ angeschlossen. Erst werden von ihnen Worte vollkommen aus dem Zusammenhang gerissen. Jetzt werden schon Fakten die ihnen nicht passen unterschlagen. Zur der Tatsache dass die Mehrheit der Bürger den Bonzenbau ablehnt schweigen sie ständig.

  6. 55.

    Der Wiederaufbau ist natürlich ein Problem, partiell als Reparatur (Kathedrale von Reims) wird er meist toleriert. Aber ganz neu in den alten Formen? Dafür gibt es nicht viele Beispiele; aber immerhin nicht nur das Warschauer Stadtschloss, sondern auch den Barcelona-Pavillon von Mies van der Rohe. Meist spielt es eine Rolle, ob man das Wiederaufbauprojekt als Teil eines größeren Kontextes sieht: Die verlorene Kirche als Teil eines beschädigten Stadtraums, so wie einen verlorenen Zahn in einem beschädigten Gebiss.

  7. 54.

    Es gibt keine andere Entscheidung des "zuständigen Gremiums" der Stadt Potsdam.
    OB Mike Schubert hat anders als sein Vorgänger Jann Jakobs entschieden, nicht selbst mit der eigenen Person die städtische Position zu vertreten. Das ist in der Tat auch nicht verlangt.

  8. 53.

    blöd nur dass das zuständige Gremium der Landeshauptstadt Potsdam sich jetzt anders entschieden hat. Fakten zu verschweigen ist nicht schön. Menschen welche nicht ihre Meinung haben als linke Querulanten zu diffamieren ist eine üble Verleugnung. Sagt aber viel über das was den Potsdamer mit der Nazikirche erwarten wird. Die Mehrheit der Bürger war schon immer gegen die Attrappe der Nazikirche. Dass die Walhalla des Militarismus in historischer Bauweise und mit authentischem Material errichten werden soll, wie sie meinen, ist mir neu.

  9. 52.

    Es grenzt an Metaphysik, ein Gebäude für dasjenige verantwortlich zu machen, was Menschen zu späterer Zeit ihm als Nutzung zudachten. Deshalb auch die grundsätzliche Idee der Wandlung des Inhalts, nicht aber der äußeren, für den Barock vorbildhaften Form.

    Es bleibt Menschen selbst überlassen, ob sie diese Einladung annehmen oder sich einer solchen Wandlung nicht öffnen und im Alten verbleiben wollen. Ebenso, wie dass erwachsenen Menschen nichts beigebracht werden kann, sondern nur ihre Neugierde entfacht werden kann.



  10. 51.

    Amoklaufen verbal weil andere eine Meinung haben welche nicht ihrer ideologischen Ausrichtung entspricht. Dass mit dem Versöhnunsgedanken ist nicht soweit her bei den Herrschaften von Garnisonkirche. Wenn Sie Besserwisser nicht die historischen Zusammenhänge kennen, sollten Sie sich erst einmal informieren. Nazis waren auch schon vor 1933 tätig in der Garnisonkirche. Der Name Nazikirche gibt dies vollkommen richtig wieder.

  11. 49.

    Wusste gar nicht, dass die Schulen abgeschafft wurden.
    "Helmut Krüger" Worte:
    Die Frage des Lernens und auch des Ortes, an dem gelernt wird, ist immer Angelegenheit des Einzelnen. Gesellschaften, die es anders hielten, sind glücklicherweise vergangen. ;-

  12. 48.

    Oje Herr Krüger - Sie versteigen sich. Der Einzelne bestimmt was in der Schule gelernt und gelehrt wird? Ihr Ernst?
    Jetzt verstehe ich den nationalkonservativen Ansatz, nachdem Schulen angeblich "neutral" sein sollen.
    Nur um dann ihre Vorstellung von "Familie, Wert, Gott und Vaterland" in ihrem inneren durchzusetzen. Sie liegen falsch. Ganz falsch. Ein Baukörper - zumal mit viel Geschichte - ist eine Organismus. Nichts in einer Stadt ist bloss eine Ecke, eine Kreuzung, eine Ansammlung von Architektur. Es ist ein sozialer, eine gesellschaftlicher Organismus. Ein Ort an dem umfassend das Leben tobt. Und selbstverständlich bestimmen und streiten wir uns Zeit unserer Existenz darum immer wieder neu. Schon gar nicht wenn Leute einfach nicht wahrhaben wollen: Ins Hohenzollerngrab wurden nicht die Gebeine des Königs überführt. Es waren bloß die Skelette seiner Hunde. Aus den fridericanischen Resten hatte sich SS-Führer Himmler einen Zaubertrank gemacht.

  13. 47.

    Erklären Sie mir bitte den Begriff "Einträgerin" Ich habe das Gefühl das soll eine Beleidigung oder Herabsetzung sein. Verstehe den Begriff im Unterschied zu "Leserbriefschreiberin" oder "Kommentatorin" aber nicht.
    Ihr Eindruck täuscht. Der Dialog ist die Schlacht von heute. So wie es heute und morgen der Alltag der Landtagsangestellten ist, in einem Büroraum mit Fensterloch für das demokratische Gemeinwesen des 21. Jahrhunderts Dienst zu tun. Damit die Fassadenherrlichkeit stimmt. Herrn Klaars nationaldeutscher Fahnenappell war nur der Start, der zur intensiveren Nachfrage drängte.
    Welcher Gott hat je im schönsten Barock der Garnisonskirche gewohnt? Was war drin hinter der Fassade, der damals modernsten Architektur? Wer hatte sie mit was tatsächlich finanziert? Weshalb sollte Gott nachträglich dort einziehen. Nun angeblich und doch mit schönstem Ziel? Würde nun ein Gemeindezentrum, eine Wohnung für Kirchenasyl entstehen? Was eine moderne christliche Gemeinde halt so braucht?

  14. 46.

    Die Frage des Lernens und auch des Ortes, an dem gelernt wird, ist immer Angelegenheit des Einzelnen. Gesellschaften, die es anders hielten, sind glücklicherweise vergangen. ;-

    Weshalb 88 Meter Höhe Überwältigungsarchitektur sein soll, 365 Meter in Berlin aber nicht, kann ich mir nicht erklären. Überwältigt fühle ich mich ausschließlich von solchen Bauten wie dem früheren Reichsluftfahrtministerium, dann Haus der Ministerien der DDR, heutiges Finanzministerium. Das ist Einschüchterungsarchitektur pur. Demgegenüber ist der viermal wie die Garnisonkirche hohe Berliner Fernsehturm mittlerweile verdientermaßen Sinnbild für viele Stadtzeitschriften in Berlin geworden, weil er eine hohe Aussagekraft hat und ebenso verhält es sich mit der stadtbildprägenden, künftig wieder errichteten Garnisonkirche in Potsdam. Bloß eben in der Formensprache sehr verschieden.

  15. 45.

    Alles, was Sie schreiben, Einträgerin Martina, betrifft den Zustand VOR dem Bruch mit Max Klaar. Noch einmal: Max Klaar ist aus dem Wiederaufbauvorhaben definitiv raus. Weil er es selbst auch so wollte und mit dem Gedanken der Versöhnung nichts anfangen kann.

    Die Wiederaufbauinitiative, hier eben namentlich die Stiftung, verzichtet gern auf die Millionen von Herrn Klaar, weil sie sich ihre Überzeugung nicht verbiegen lässt. Andere möchte ich sehen, die es analog täten. Nach meiner Beobachtung werden gerade von Seiten erklärter Gegner die Schlachten von gestern geschlagen, um den Dialog über das Heute zu vermeiden. Das empfinde ich als ausgesprochen schade.

  16. 44.

    Es ist keineswegs aus dem Zusammenhang gerissen, denn auch das vollständige Zitat gibt nichts anderes wieder als ein Teil davon: die Tatsache nämlich, dass nur "Dissident" allein glaubt, diese Erläuterung treffen zu können.

    Auf einer solchen Grundlage ist kein Dialog möglich. Aber er scheint ja auch garnicht gewollt zu sein.

  17. 43.

    An dem Lernort den Sie sich vorstellen möchte ich mich nicht weiterbilden. Das Mosaik das Sie verfrachten wollen und das Rechenzentrum das Sie abgerissen sehen, würden dann fehlen. An ihrem schönen Lernort würde einfach mal ein Epoche ausgelassen. Sie scheinen leider selbst dieses von Ihnen beschriebene "enge Geschichtsverständnis" zu haben.

    ps.: Mit uninspiriert meine ich die Geilheit auf 88 Meter hohe Überwältigungsarchitektur (Barock hin oder her). Ja, das ist nur meine Empfindung. Wenn dann aber noch plötzlich Steuergelder in dieses Projekt fließen, obwohl jahrelang das Gegenteil behauptet wurde, dann ist das betrügerisch. Das Projekt hätte sich mit Ehrlichkeit nie so weit entwickeln können. Am besten heute noch die Petitionen unterschreiben und teilen.

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