Die Schauspieler Vidina Popov, Maryam Abu Khaled, Kendar Hmeidan und Elena Schmidt (l-r) spielen bei der Fotoprobe des Theaterstückes "Herzstück". Quelle: dpa/Annette Riedl
Audio: inforadio | 19.08.2019 | Ute Büsing | Bild: dpa/Annette Riedl

Theaterkritik | "Herzstück" - Container-Love im Maxim-Gorki-Theater

Mit Heiner Müllers "Herzstück" eröffnet das Maxim-Gorki-Theater nicht nur die neue Spielsaison, sondern auch einen neuen, temporären Spielort: den "Container". Zum Saisonauftakt hat es 200 Zuschauer in den neuen Raum gezogen. Von Cora Knoblauch

"Wir taufen Dich auf den Namen Container!", es klirrt und da sind sie auch schon zerplatzt, die zwei Sektflaschen mit denen Shermin Langhoff, Intendantin des Maxim-Gorki-Theaters, und Berlins Kultursenator Klaus Lederer die neue Spielstätte des Gorki einweihen.  

"Alles aus Zucker", zwinkert Langhoff. Die beiden Sektflaschen entpuppen sich als geniale Theaterrequisiten. Der große, graue lackierte Container, der da nun für anderthalb Spielzeiten neben dem Gorki thront, ist natürlich viel mehr als ein Container. Knapp 200 Zuschauer haben Platz, ausgestattet mit modernster Bühnentechnik und vollklimatisiert sieht er eher aus wie eine solide Probe- oder Studiobühne. Von muffiger, stickiger Container-Atmosphäre keine Spur. 

Heiner Müllers "Herzstück" ist nur 14 Zeilen lang

"Der ist außerdem voll-ökologisch", sagt Kultursenator Klaus Lederer. Die Ersatzspielstätte sei nachhaltig gebaut und restlos recyclebar, geheizt wird mit Erdwärme. Diese Container-Bühne sei ein Experiment, so der Kultursenator. Wenn der Container sich als tauglicher Spielort erweise, dann könne so ein Miet-Container vielleicht auch eine Lösung für andere Häuser sein, die temporär auf ihre Bühnen verzichten müssen, sagt Lederer.

Obwohl der Kultursenator, der sichtlich stolz auf die Containerlösung ist, an dem Abend eigentlich längst für einen Termin in die Waldbühne muss, will er sich die feierliche Einweihung des Gorki-Containers nicht nehmen lassen. Die Premiere und Saison-Eröffnung verpasst er aber. Gorki-Hausregisseur Sebastian Nübling hat sich nach "Hamletmaschine" für den Saisonauftakt ein weiteres Mal einen Text von Heiner Müller vorgenommen. Nur 14 Zeilen lang ist das "Herzstück". Von einem Theaterstück könne man eigentlich kaum sprechen, so Nübling. Schon Heiner Müller selbst bezweifelte, dass man aus dem kurzen Dialog was machen könne.

Sieben deprimierte Clowns

Nübling schickt für "Herzstück" sieben Clowns auf die Bühne. Es sind traurige, versehrte, deprimierte und überdrehte Figuren in farbigen Ganzkörpertrikots und roten Clowns-Nasen. Sie verbringen die erste Hälfte des Abends damit, die Bühne für das eigentliche Stück vorzubereiten. Wie die Pausenclowns im Circus hantieren und turnen sie sich durch Slapstick-artige Szenen und scheitern in allem, was sie anpacken. Clowns eben. Ist ihr Rumgehampel auf der Bühne Theaterkunst? Und ist so eine Kunst überhaupt Arbeit?

"Ja, ihr habt Geld bezahlt für diesen Abend", ruft ein Clown ins Publikum, "ihr wollt unterhalten werden für euer Geld. Das habt ihr auch verdient!" Und da sind wir beim Kern, dem Herz, dieses Stückes angekommen: der Arbeit von Künstlern. "Arbeiten und nicht verzweifeln", sagt der Clown bei Heiner Müller. Aber das ist nicht so einfach mit dem Nicht-verzweifeln. Jede und jeder spürt den Druck, die Konkurrenz ist groß und es warten jederzeit andere Talentierte auf ihre Chance: Jeder ist schnell ersetzbar. "Dank an meine Intendantin Shermin Langhoff, dass ich heute hier auf der Bühne stehen darf! Danke!" ruft einer der Clowns fröhlich. Das Publikum lacht, manch einem bleibt da das Lachen aber vielleicht im Halse stecken. Dieses sich von Saison zu Saison hangeln, von Jobangebot zu Jobangebot und dabei immer überzeugend performen, in diesem Zustand sind schließlich nicht nur Schauspieler gefangen. 

Liebeserklärung des Künstlers an sein Publikum

Ein Eimer voll bunter Flummis rollt über die Bühne, die sieben Clowns lassen sie im Takt des Herzschlags auf der Bühne hüpfen. Bei Heiner Müller ist das Herz, das der eine Clown dem anderen vor die Füße legt, ein Ziegelstein. Im Gorki ist es ein Mannshohes Herz aus Holz, es hängt von der Bühnendecke, blinkt und leuchtet.

"Aber das ist ja ein Ziegelstein. Ihr Herz ist ein Ziegelstein", sagt der Beschenkte bei Müller. "Aber es schlägt nur für Sie", ist die Antwort. Mit diesem Satz endet der gut einstündige Abend im Container. Es ist die Liebeserklärung des Künstlers an sein Publikum, der Abend für Abend sein Herz auf die Bühne legt. Mit mehr Liebe kann ein Theater seine Saison wohl kaum eröffnen.

Sendung: Inforadio, 19.08.2019, 9.55 Uhr

Beitrag von Cora Knoblauch

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1 Kommentar

  1. 1.

    Besser als in Verrichtungsboxen.

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