Tanzperformance von Emanuel Gat und Awir Leon beim Tanzfestival Tanz im August (Quelle: dpa/Eventpress Hoensch)
Audio: Radioeins | 09.08.2019 | Tomasz Kurianowicz im Gespräch mit Frauke Oppenberg | Bild: Eventpress Hoensch

Berliner "Tanz in den August" - Ein bisschen Tanz muss sein

Von Breakdance bis Flamenco, vom Online-Dating bis zum irischen Bürgerkrieg: Das Festival "Tanz im August" zeigt alle Spielarten des modernen Tanzes und nimmt sich gleichzeitig wichtiger Themen der Gegenwart an. Von Tomasz Kurianowicz

"Turn your fucking head!": Drehe deinen Kopf - das ist der Satz, der wie kein zweiter die Kunst der Choreographin Deborah Hay beschreibt. Ändere die Perspektive. Frage dich, was dein Körper will. Fühle und sehe die Welt mit anderen Augen. Deborah Hay zeigt in ihrer Kunst, dass man eingeübte Bewegungen erfolgreich überwinden kann. In jedem ihrer Stücke verfolgt sie das gleiche Ziel, den Horizont mit dem Körper zu erweitern.

Wenn man die Tänzerin vor sich stehen sieht, will man kaum glauben, dass sie bereits 78 Jahre alt ist. Als sie in der Akademie der Künste über die Retrospektive spricht, die das diesjährige Festival "Tanz im August" unter dem Titel "Re-Perspective Deborah Hay" für sie organisiert, kann man die Energie der Tänzerin förmlich spüren. Unter dem Beton des Gebäudes wirkt sie schmächtig und doch energiegeladen, verletzlich und doch selbstbewusst. Wie eine gespannte Feder schlängelt sie übers Parkett.

Deborah Hay (Quelle: dpa/ Claudio Bresciani)
Deborah Hay | Bild: TT NYHETSBYRÅN

Die Symbiose aus Sanftheit und Radikalität prägt ihr Schaffen seit den 1960er Jahren. Selbst heute noch ist die Choreographin aktiv. Deshalb zeigt das Festival nicht nur ihre historischen Stücke wie "Animals on the Beach" im Hau 1, sondern auch völlig neue Interpretationen, bei denen Deborah Hay höchstpersönlich auf der Bühne stehen wird. Dann kann man erleben, was ihren Tanz ausmacht: unkonventionelle Bewegungen, die den menschlichen Körper herausfordern und immer wieder neu in Frage stellen.

Moderndes Tanztheater will unterhalten

Die Retrospektive ist nur einer von vielen Höhepunkten des diesjährigen Festivals. Darüber hinaus gibt es eine Hommage auf den Choreographen Merce Cunningham zu sehen, der in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre. Auch er ist eine wichtige Figur: Cunningham war nicht nur Deborah Hays Mentor und Lehrer, sondern auch einer der Wegbereiter des modernen Tanzes, der das Ballett reformiert und für neue Ausdrucksformen geöffnet hat. Drei seiner wichtigsten Stücke - "Sounddance", "Rainforest" und "Forest" - kann man ab dem 23. August in der Volksbühne erleben.

Doch nicht nur Tanz-Experten kommen auf ihre Kosten. Das Festival "Tanz im August" hat sich den Ruf erarbeitet, an erster Stelle ein Publikumsfestival zu sein. Das Programm ist kinderfreundlich, die Tickets sind preisgünstig, dieses Jahr werden sogar erstmals Performances mit Audiodeskriptionen für Blinde gezeigt. Die Hemmschwellen sind so niedrig wie möglich. Die Auswahl der Stücke spiegelt diesen Gedanken der Offenheit und Transparenz: Im Vergleich zum postmodernen Theater ist der zeitgenössische Tanz zugänglich und zeitgeistig, weil er kein Vorwissen bedarf und mit den Mitteln der Pop-Musik nicht nur die Bildungselite erreicht. Moderndes Tanztheater will unterhalten. Aber nicht nur: Das Programm ist auch dieses Jahr hochpolitisch ausgefallen. Die Stücke setzen sich mit den Problemen der Gegenwart auseinander, mit ethnischen Konflikten und der Marginalisierung von Minderheiten.

Genau diese Mischung war Annemie Vanackere bei der Organisation wichtig. Die Intendantin des Theaters Hebbel am Ufer betont, dass sie gemeinsam mit der Programmleiterin Virve Sutinen eine Brücke schlagen wollte zwischen politischem Anspruch und Unterhaltung. "Das Festival will die Freunde des Tanzes erreichen, als auch ein Thermometer für gesellschaftliche Missstände sein. Diese Mischung ist mit dem aktuellen Programm ziemlich gut gelungen", sagt die Intendantin.

"Eines der wichtigsten Festivals"

Die zeitgenössischen Stücke legen die Finger in die Wunden der Gegenwart. Zu sehen gibt es etwa ein Werk der Irin Oona Doherty, die in ihrer Performance "Hard to be soft - a Belfast Prayer" zeigt, wie sich der Glaubenskrieg im nordirischen Belfast in die Körper und Seelen der Menschen frisst. Ein weiteres Highlight ist das Stück "100% Pop / *N!GGA" der schwarzen Künstlerin Nora Chipaumire, die in den Sophiensälen erforscht, wie sich der Punk von Patti Smith mit der Rumba-Musik aus dem Kongo verbindet und dadurch eine ganz neue Technik der schwarzen Selbstermächtigung entsteht.

Kreativ ist auch die Idee der Australierin Nicola Gunn, die in ihrem Ein-Frau-Performance-Stück "Piece for Person with Ghetto Blaster" erforscht, wie moralisches Handeln funktioniert. Sie hat in den Niederlanden zufällig einen Mann dabei beobachtet, wie er aus purer Langeweile Steine auf eine Ente warf, die brütend auf ihren Eiern saß. Entstanden ist ein zweisprachiges Streitgespräch, das die Choreographin auf der Bühne unterhaltsam nachstellen will. Nicola Gunn bestätigt, welche Rolle das Festival in der Welt des Tanzes spielt: "Ich glaube, es ist eines der wichtigsten Festivals überhaupt. Und ich bin sehr stolz, dieses Jahr dabei sein zu dürfen."

Alan Lucien Öyen wiederum geht an sein Thema ganz lebensweltlich heran: In dem Stück "Story, story, die" stellt er sich die Frage, wie man mit dem Leben umgeht, wenn die große Liebe zu Ende geht. Nebenbei beschäftigt sich sein Werk mit den neuen Formen der Liebeskommunikation, insbesondere innerhalb der sozialen Medien, wo sich Narzissten als attraktiver Partner inszenieren. Ein weiteres Highlight ist die Installation "Haptic Installation" des Japaners Hiroaki Umeda: Besucher können sich in den Räumen des Kindl-Zentrums für zeitgenössische Kunst Multimediabrillen aufsetzen, die auf die geschlossenen Lider Videosequenzen projizieren. So entsteht eine unkontrollierbare Tanzinstallation, welche die Grenzen des Bewusstseins sprengt.

Ein bisschen Luft nach oben

Das diesjährige Programm ist vielschichtig. Von Breakdance über Modern Dance bis hin zu Flamenco sind alle Stile vertreten. Trotzdem gibt es einen Wermutstropfen: Dieses Jahr ist das Haus der Berliner Festspiele als Veranstaltungsort nicht dabei, weil das Gebäude renoviert werden muss. Ein geeigneter Ersatz wurde nicht gefunden. Das bedauert Festivalleiterin Annemie Vanackere, denn nun fehle eine große Bühne, um aufwendige und voluminöse Produktionen zu zeigen. "Wir sind mit der Komischen Oper fürs nächste Jahr im Gespräch", sagt die Intendantin. "Wir haben jetzt eine vierjährige Förderung bekommen. Das ist einmalig in der 31-jährigen Geschichte des Festivals, darüber freuen wir uns. Trotzdem hat Berlin keine Bühne für die großen Formate. Hier ist noch ein bisschen Luft nach oben", sagt die Festivalleiterin.

Über weitere Förderungsmöglichkeiten wird die Berliner Tanzszene nach dem Festival diskutieren. Jetzt aber steht der Genuss im Vordergrund: Bis zum 31. August treffen sich an zehn Spielorten auf dem Festival die besten Formationen des internationalen Tanzes. Im Hebbel am Ufer geht es am Freitagabend los - unter anderem mit Deborah Hays Performance "Animals on the Beach". Dann kann jeder selbst erleben, was es heißt, wenn sich der Körper plötzlich von seinen einstudierten Bewegungen löst – und ganz neue Einsichten ermöglicht.

Sendung: Radioeins, 09.08.2019, 10:00 Uhr

Beitrag von Tomasz Kurianowicz

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1 Kommentar

  1. 1.

    Hey,
    toller Artikel:)
    Für Tanzbegeisterte ist dieses Festival genau das Richtige!
    Ich persönliche liebe ja Paartänze, wie sexy Bachata zum Beispiel, was ich mittels eines Online-Kurses erlernt habe.
    Kann ich wirklich jedem nur empfehlen!
    Wer Lust und Laune hat, kann es ja auch mal ausprobieren:)
    >> https://bit.ly/2MUT4nV

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