Judith Richter, Niklas Korth, Katrin Hauptmann und Buerger Lars Dietrich bei einer Fotoprobe zur Komödie "Zuhause bin ich Darling" am Schillertheater (Bild: imago-images/Ralf Mueller)
Audio: Inforadio | 05.08.2019 | Ute Büsing | Bild: imago-images/Ralf Mueller

Theaterkritik | "Zuhause bin ich Darling" - Fifties-Revival im Wohnzimmer ohne Witz und Würze

Im Mittelpunkt von Laura Wades "Zuhause bin ich Darling" steht ein Paar von heute, das ganz im Stil der 1950er Jahre lebt. Die englische Erfolgskomödie erfuhr am Sonntag im Berliner Schiller-Theater ihre deutsche Erstaufführung - mit mäßigem Erfolg. Von Ute Büsing

Eine emanzipierte moderne Frau gibt ihre Selbständigkeit auf und reüssiert als perfekte Hausfrau im Stil der 1950er Jahre, Doris-Day-Appeal eingeschlossen. In einem liebevoll und detailgetreu in Mintgrün, Mattgelb und Altrosa ausgestatteten Haus lässt Judy ihren Fifties-Fantasien freien Lauf. In weit schwingenden Kleidern und Röcken in den Farben der Einrichtung rückt sie in der Küche mit dem anachronistischen, ständig reparaturbedürftigen Kühlschrank und im Nierentisch-Ambiente des Wohnzimmers alles so zurecht wie die perfekte Ehefrau ihrer nostalgischen Vorstellung. Gatte Johnny, im eng sitzenden Anzug mit Schlips und Hut, scheint es zu gefallen, wenn ihm nach seiner Arbeit als Immobilienhändler Drink und Hausschuhe und Abendessen bereitgestellt werden. Die Idylle des ganz im Gestern lebenden Paares scheint perfekt. Jedenfalls versichern sich die beiden, wie toll sie sich in der Vergangenheit eingerichtet haben.

Perfekte Wahn- und Wohnwelt der 50er Jahre

Doch nach und nach bröckelt die Fassade, so wie das hoch mit Hypotheken belastete Haus als sicheres Heim in Frage steht. Judy versucht das finanzielle Desaster, das sich auch auf ihre Nur-Hausfrau-Existenz gründet, vor dem alleinverdienenden Johnny zu verbergen. Ihre Fantasie von der perfekten 1950er-Jahre-Existenz will sie nicht aufgeben. Dabei macht ein befreundetes Paar mit stylischem Tanzvergnügen vor, wie die Fifties-Faszination nur als Hobby ausgelebt werden kann. Johnnys neue Chefin, die ihn befördern soll, versteht die verkehrte Welt nicht - und Judys Mutter erst recht nicht. Sie will nicht umsonst in einer Kommune gegen genau die Konventionen gekämpft haben, die ihre Tochter jetzt, auch als fehlgesteuerte Rebellion gegen die Mutter, wiederbelebt.

Endlose Sofagespräche

Soweit der Komödienstoff in Laura Wades in England mit dem Laurence-Olivier-Award 2019 ausgezeichnetem und hoch gelobtem Stück. Doch in der von Philippe Besson besorgten deutschsprachigen Erstaufführung zündet der im englischen Original vielleicht deutlicher angelegte und ausgedrückte Konfliktstoff nicht. Die endlosen Tisch- und Sofagespräche bieten jedenfalls nicht die von der Kudamm-Komödie im Schiller-Theater erhoffte und erwartete Spritzig- und Witzigkeit. Es fehlen Schärfe, Würze und Zuspitzung. Die ganze Konstruktion des Stückes will sich nicht erschließen.

Unlogische Hinwendung zu untergegangener Epoche

An den Darstellern liegt das nicht. Judith Richter und Niklas Kohrt geben diesem in den 1950ern sein Glück suchendes Paar durchaus Kontur. Sie versuchen die komplette Unlogik der Hinwendung zu einer untergegangenen Epoche immer ein Stück weit mit zu spielen. Das schafft eine gewisse Distanz, mutet dann aber mitunter künstlich an. Gekonnte Tanzeinlagen des zweiten Paares (Bürger Lars Dietrich, Katrin Hauptmann) in wechselnden Rock-'n'-Roll-Outfits zu entsprechender Musik aus der Konserve von Buddy Holly oder Bill Haley dienen als kleine Umbaupause. Aber sie verlängern auch das mit fast drei Stunden ohnehin viel zu lange Unterfangen.

#Metoo-Debatte schärft keine Konfliktlinien

Dass gegen Ende auch noch die #Metoo-Debatte in Gestalt des befreundeten Mannes und eines unterstellten sexuellen Übergriffs auf seine Sekretärin auf das heimische Sofa gezerrt wird, macht die Sache nicht besser. Statt Konfliktlinien zu schärfen, wirkt dieser Schlenker aufgesetzt. Es gibt nur einen starken überzeugenden Moment, wenn nämlich Beatrice Richter – vielen im Publikum noch bestens von ihren "Sketchup"-Fernsehauftritten in den 1980er Jahren in Erinnerung - hier als ernsthaft hippie-bewegte Mutter mal so richtig auf den Putz haut wider den Fifties-Wahn der unwissenden Nachgeborenen. Mehr solcher Paukenschläge hätten dieser deutschsprachigen Erstaufführung von "Zuhause bin ich Darling" gut getan.

Sendung: Inforadio, 05.08.2019, 9 Uhr

Kommentar

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2 Kommentare

  1. 2.

    Genau! Es ist nämlich schade, dass viele dieser in der vorTwitterÄra gebräuchlichen Wörter völlig verschwunden sind. Und wer die Bedeutung nicht kennt - einfach guugeln.

  2. 1.

    "Reüssieren" welch ein herrliches Fremdwort !!!
    Für das Allgemeinverständnis brauchen wir davon noch viel mehr....

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