Archiv: Öffentliche Probe vom Straßenchor Berlin
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Audio: Inforadio | 17.09.2019 | Gespräch mit Stefan Schmidt | Bild: Eventpress Hoensch/dpa picture alliance

Zehn Jahre Straßenchor - "Mit Klavierspielen könnte ich das nicht schaffen"

Für viele Obdachlose ist der Berliner Straßenchor ein musikalisches Zuhause geworden – und noch viel mehr. 2009 ist der Initiator und Pianist Stefan Schmidt fast unfreiwillig zum Chorleiter geworden – und hat mittlerweile triftige Gründe, weiterzumachen.

rbb: Es gibt einen Song, den man immer in Zusammenhang mit eurem Chor hört: "Wunder geschehen" von Nena.

Stefan Schmidt: Das ist eigentlich unsere Hymne, so fing alles an. In den ersten Proben wurde das geprobt, dann im ersten Konzert aufgeführt. Es gibt ein wunderbares Video darüber.  Die Leute lieben es und wollen es immer wieder hören.

Ist es ein Wunder, dass es diesen Straßenchor jetzt zehn Jahre gibt?

Dass es den Straßenchor zehn Jahre gibt, ist vielleicht kein Wunder. Aber was in der Zeit mit vielen Leuten passiert ist, geht auf jeden Fall in diese Richtung.

Stefan Schmidt (Quelle: privat)
Chorleiter Stefan Schmidt ist auch Pianist | Bild: privat

Du hast einfach Menschen auf der Straße angesprochen: Habt ihr Lust, im Chor mitzusingen?

Es hatte einen wahnsinnig langen Vorlauf, bis die erste Probe stattgefunden hat. Ich bin 2002 nach Berlin gekommen, habe damals ein Mädchen in der U-Bahn singen hören und gedacht: Mein Gott, dieses Mädchen ist so begabt, aber da wird nie etwas Besseres draus werden. Und ich habe gedacht, dass es wahrscheinlich sehr viele Leute in Berlin ohne Geld, ohne Wohnung gibt, die gern singen, für die aber ein Chorbeitrag zu teuer ist. Die vielleicht auch nicht in einen Kirchenchor wollen, weil das zu viel Kirche ist. Dann habe ich überlegt, sowas aufzubauen. Ich habe an den Senat und verschiedene Institutionen geschrieben. Ich brauchte einen Raum. Über Umwege kamen irgendwann Leute von der UFA auf mich zu und sagten, sie versuchen, so ein Projekt auf die Beine zu stellen. Das fand ich wahnsinnig toll. Dadurch hatten wir erst mal einen Raum, Unterstützung, alles was man für ein Vierteljahr erstmal braucht.

Die UFA, eine Filmproduktionsfirma, hat eine Doku über euch gedreht: Wie du Menschen auf der Straße ansprichst, wie ihr zusammen singt – und nach ein paar Monaten gebt ihr sogar eine CD raus. Hat es Dich überrascht, dass es so schnell geht?

Diese Zeit war er vielleicht die stressigste Zeit in meinem Leben: Denn für diese Dokusoap hätten sie auch alles aufgenommen, wenn es nicht funktioniert hätte. Ich war irgendwie ständig von der Öffentlichkeit überwacht – oder fühlte mich so – das Projekt erstmal zum Erfolg zu bringen. Dann hieß es plötzlich: Wir machen auch eine CD – das wusste ich am Anfang nicht. Ich hab erstmal geschwitzt – und dann gedacht: Wir versuchen es jetzt einfach. Wir müssen einfach arbeiten. Wir haben dann viel häufiger geprobt als heute, mindestens zweimal in der Woche. Auch morgens um elf Uhr, weil ich dachte, vielleicht können sie den Pegel zumindest bis elf Uhr auf null halten und danach das erste Bier trinken.

Haben sie es geschafft, den Pegel auf Null zu halten?

Nicht alle. Aber je stärker der Chor wuchs oder je stärker die Kraft des Chores auf die Leute gewirkt hat, desto klarer waren die Regeln. Wir haben am Anfang gesagt: keine Gewalt, keine Drogen oder Alkohol vor oder in der Probe. Wir hatten natürlich ein paar Trinker, die einen gewissen Pegel haben mussten. Aber es gibt keine Regel ohne Ausnahme – insofern war das am Anfang ein kompliziertes Spiel. Ich war unerfahren. Ich bin Pianist und hatte überhaupt nichts mit Sozialarbeit zu tun. Unterrichten – sicherlich immer. Aber diese Art war mir total fremd. Und ich glaube, das war auch das Gute daran.

Ich habe eine Probe besucht und war erstaunt über diese Energie, die von Euch ausgeht. Ich habe den Eindruck, ihr begegnet euch ganz normal: Chorleiter und Sänger ohne große Ambitionen sozialer Art. 

Ich habe mir am Anfang gesagt, es kann nur funktionieren, wenn ich meine Sänger nicht als Klienten sehe, sondern als Laiensänger, so wie jedem anderen Chor. Sie haben gespürt, dass sie  ernstgenommen werden, dass sie keine Klienten sind, sondern zum Singen kommen. Genau darum geht es: Dass diese ganzen Probleme nicht behandelt, sondern mal für zwei Stunden vergessen werden. Wenn irgendeiner wirklich ein Problem hätte, würden sie sich gegenseitig helfen. Und diese Kraft in diesem Chor – die hab ich noch an keinem anderen Ort gespürt.

Stefan Schmid Leiter Berliner Straßenchor (Bild: rbb/ Anke Burmeister)Chorprobe 2009

Ist es das Singen oder sind es die Menschen?

Es ist eine Kombination aus allem. Ich glaube, die Menschen haben Probleme mit unserer Gesellschaft, dem Leistungsdenken. Dieses Leistungsdenken hab ich im Chor genauso, aber wahrscheinlich bringe ich es anders rüber. Ich mache das mit Spaß und Freude. Ich will ein Superergebnis haben, aber weiß auch, dass es eben nicht so schnell geht. Das muss man akzeptieren, und dann kann man von den Leuten alles erwarten. Mit der Zeit wachsen auch die Ansprüche der Sänger. Am Anfang war auch wichtig, dass sie hören: Was ist richtig, was ist falsch? Also früher hat wirklich jeder gesungen, wie er wollte – aber mit Spaß.

Sind Leute ausgestiegen?

Es ist nicht so, dass jeder, der in den Chor kommt, automatisch anschließend wunderbare Erfolgsaussichten hat. Wir haben Leute zu Grabe getragen und Leute abstürzen sehen. Aber jetzt sind doch viele jahrelang bei der Arbeit – auch wieder im ersten Arbeitsmarkt. Im Schichtdienst können sie nicht immer zur Probe kommen und haben gesagt, okay, dann bleibe ich jetzt erst mal weg. Sie kommen dann aber immer wieder zu unseren Festen.

Warum machst Du das?

Es gibt sehr verschiedene Gründe. Zum einen glaube ich fest daran, dass unsere Gesellschaft mehr Solidarität braucht. Ich habe keine Kinder, und es ist mir wichtig, die Zeit, die ich dadurch habe, in etwas zu bringen, was den Menschen dann auch wieder was Gutes tut. Sicherlich auch aus einer humanistischen Grundüberzeugung heraus. Ich habe auch immer Musik gemacht, um Leute zu erfreuen. Es ist mir egal, ob ich auf einer großen Bühne stehe oder auf einer kleinen für eine Oma spiele, die sich freut, oder für Nachbarn. Ich finde es schön. Es ist unsere Aufgabe, damit Leute zu erreichen, und nicht nur zu denken, wie toll wir sind. Denn darum geht es eigentlich nicht in der Musik.

Wann hast du gesagt: Ich mach das weiter, ich mach das länger?

Ich habe gerade am Anfang immer wieder überlegt: Was mach ich hier halt? Ich habe Besseres zu tun, gerade wenn ich mich vielleicht geärgert habe. Da habe ich gedacht: Es ist so schwer, sowas allein auf die Beine zu stellen. Aber es gibt auch tolle Erfolgsmeldungen, etwa als eine Sängerin, die auf der Straße lebte, Abitur gemacht hat. Neulich hat sie gepostet, dass sie demnächst anfängt zu studieren. Sie hat Drogen genommen, man weiß nie, wie es ausgegangen wäre. Ja, ich kann einfach nicht aufhören. Oder als Mats mit gesagt hat, dass ihm der Chor das Leben gerettet hat. Das war eine wichtige Sache, wo ich dachte: Wow. Mit Klavierspielen könnte ich das nicht schaffen. Das war wirklich toll.

Mit Stefan Schmidt sprach Anke Burmeister, Inforadio.

Dieser Text ist eine gekürzte und redigierte Version. Das vollständige Gespräch können Sie sich anhören, wenn Sie im oberen Bild auf das Abspielsymbol klicken.

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1 Kommentar

  1. 1.

    Klasse - Stefan Schmidt, was Sie machen! Sie geben diesen Menschen etwas - Selbstbewußtsein und ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Musik verbindet. Livemusik ist immer etwas tolles, gerade wenn sie nicht professionell perfekt ist. Ich kenn´ das aus eigenem Erleben in meiner Jugend.
    Allen Mitwirkenden alles Gute und weiterhin Erfolg!

    Beim Singen wird das Gehirn besser durchblutet. Das steigert die Denkleistung. Wäre auch für viele Schulkinder wichtig.

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