Anna Netrebko (Quelle: dpa/Sergei Fadeichev)
Audio: Inforadio | 05.09.2019 | Maria Ossowski | Bild: dpa/Sergei Fadeichev

Anna Netrebko an der Deutschen Oper - Aufschlag Netrebko

Ihre Fangemeinde in Berlin musste zittern, ob sie diesmal tatsächlich kommt: Denn ihren letzten Berlin-Auftritt hatte die Starsängerin abgesagt. Nun hat es doch noch geklappt mit ihrem Auftritt. Und mit was für einem! Von Maria Ossowski

Erst kamen die Kleider, und dann kam sie. Nach all den Absagen in Berlin, in Salzburg und Bayreuth zwitscherten die Opernspatzen es seit drei Tagen vom Dach: die teuren Roben sind gelandet, dann ist die Diva nicht mehr fern. Und in was für Gewändern spielt und singt Anna Superstar die Adriana Lecouvreur,  eine historische Gestalt aus dem 18 Jahrhundert, eine große Schauspielerin und unglücklich Liebende.

Auftritt eins: Anna rauscht auf die Bühne, dort sitzt das Orchester und gibt ihre erste Arie, ein Credo auf die Kunst als Sinn des Lebens, in schillernder, wehender grüner Seide mit Chiffonmantel und Strasskaskaden auf dem edlen Stöffchen, das hochgesteckte dunkle Haar gebändigt von einem funkelnden grünen Stirnband.

Deutsche Oper, Bismarckstraße, Charlottenburg, Berlin
Bild: imago images / Schöning

Dramatisch, verzweifelt, erschüttert

Auftritt zwei: Als Sultanin in langem rotem Kleid mit samtbesetztem weiten Diorausschnitt auf den zauberhaft gebräunten Schultern und roten Seidenschuppen auf den Hüften, ebenfalls glitzernd und glimmernd. Schließlich Auftritt drei als Sterbende, die Nebenbuhlerin hat Adriana Lecouvreur einen vergifteten Veilchenstrauß geschickt. Anna trägt glamouröse anthrazitfarbene Seide, auf den erschlankten Leib geschneidert, mit tiefem Ausschnitt und legendär schlichtem Faltenwurf.

Und seit der Callas erklang dieser Abgesang auf das verblühte Leben und die erloschene Liebe nie mehr so wahrhaftig und dramatisch, verzweifelt und erschüttert wie an diesem Abend in der restlos ausverkauften Deutschen Oper. 2.200 Gäste schienen den Atem anzuhalten.

Die atemberaubende Präsenz

Die Netrebko liebt diese Partie, diese einzige berühmte Oper des süditalienischen Komponisten Francesco Cilea, 1902 uraufgeführt. Caruso sang damals die männliche Hauptrolle, den Maurizio. Den übernimmt in den konzertanten Aufführungen mit der Netrebko ihr Ehemann, Yusif Eyvazov. Der Tenor aus Aserbaidschan passt wunderbar nicht nur zu ihrer Stimme, sondern auch zu ihrem Temperament, ihrer Spielfreude und ihrer atemberaubenden Präsenz.

Archivbild: Anna Netrebko singt am 02.02.2018 in Moskau (Quelle: imago/Itar-Tass)
Bild: imago/Itar-Tass

Die Handlung der Oper ist unendlich wirr. Fest steht: Eine leidenschaftliche Schauspielerin aus kleinen Verhältnissen liebt einen adligen Kriegshelden und stirbt ausgerechnet dann, wenn er sie heiraten will.

Die echte Adrienne Lecouvreur spielte in der Comedie francaise und soll, so will es die Legende, in Voltaires Armen gestorben sein. Anna Netrebko dreht sich zum Orchester und verweilt still, während sie ihr Leben aushaucht. Der alte Regisseur der Schauspieltruppe, Michonnet, den Alessandro Corbelli herzergreifend spielt, hat sie immer geliebt und verliert sie, ohne dass sie ahnt, welches Herz sie brach.

Erwähnen sollten wir auch noch die Fürstin von Bouillon, die böse Vergifterin, Olesya Petrova heimst nach der Netrebo den größten Applaus ein. Standing Ovations nach drei Stunden für die Solisten, das Orchester unter Michelangelo Mazza und vor allem für die Königin der Opernbühne und der allerschönsten Kleider für die Diva Anna Netrebko. 

Beitrag von Maria Ossowski

Sendung: Inforadio, 05.09.2019, 08:12 Uhr

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3 Kommentare

  1. 3.

    Liebe Frau Ossowski, ich hätte gern I H R E fachliche Meinung als Kulturjournalistin zu Stimme/Gesang/Musik in Erfahrung gebracht. Dass es bei einer konzertanten Wiedergabe keine Inszenierung gibt, weiß ich. Danach hatte ich auch nicht gefragt. Lesen Sie also bitte auch meinen Text. Offenbar haben Sie auch die Passage mit den anderen Künstler*innen nicht richtig gelesen. Doch auch hier erfahre ich eher Nebensächliches (wer wie viel Applaus bekam, wer mit wem wunderbar zusammenpasste) und wenig Fundiertes. Mit Verlaub: Wenn Sie allgemein Ahnung von Stimmen haben, dann spricht nichts dagegen, dieses Wissen für einen Beitrag auch einzusetzen. Beide Vorstellungen waren/sind nicht ausverkauft. Das können Sie auf der Website der Deutschen Oper zumindest für die übermorgige Aufführung einsehen. Und das war gestern Abend nicht anders. Nichts für ungut, denn ich schätze ihre Kommentare sehr. Herzlich, N.

  2. 2.

    Lieber Nachtwandler, es sind mehrere Künstler außer Frau Netrebko und ihrem Mann erwähnt, bitte lesen Sie den Text. Die Oper war ausverkauft, ich war an der Kasse. Es handelte sich um eine konzertante Aufführung, zur Inszenierung war nichts zu sagen, denn die gab es nicht. Frau Netrebko ist ein Superstar mit einem großen Faible für Kleider. Es gibt eigene Seiten in den sozialen Medien nur für Netrebkos Modeaccessoires. Ein bisschen bunt zu beschreiben, wie sie in diesen Gewändern wirkt, das gehört zum Radiohandwerk. Die Stimmen können Sie gut im Beitrag hören. Herzlich, Maria Ossowski

  3. 1.

    Also, werte Frau Ossowski, folgendes habe ich in Ihrer Rezension gefunden: Frau Netrebko ist angekommen, aufgetreten, hat sich mehrmals umgezogen, liebt ihre Partie und ist verheiratet. Dann ein bissl Blabla über den Handlungsinhalt und die historische Figur (www.wikipedia.de). Schließlich wird noch erwähnt, dass neben Netrebko und ihrem Mann auch andere Künstler auf der Bühne standen. Aha. Und wie hat sie gesungen? Ich meine, gehts in einer konzertanten Oper nicht auch um die Musik und den Gesang? So einen Artikel hätte ich in der GALA erwartet ... aber nicht von Ihnen. Abschließend noch ein Hinweis: Die Deutsche Oper war gestern NICHT restlos ausverkauft.

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