Teilnehmer der "Art Night" malen in einem Eiscafe in Berlin-Prenzlauer Berg (Quelle: rbb/Theodora Mavropoulos)
Audio: Inforadio | 03.09.2019 | Theodora Mavropoulos | Bild: rbb/Theodora Mavropoulos

Malen als Trenderlebnis - Berliner Start-up bietet Kunstworkshops an

In der einen Hand den Pinsel, in der anderen das Weinglas: Ein Berliner Start-up macht Malen zu einem besonderen Erlebnis. Angeboten werden Kunstworkshops, die als unterhaltsame Events aufgezogen sind und in angesagten Locations stattfinden. Von Theodora Mavropoulos

Letzte Pinsel und Schutzschürzen werden verteilt. Zwischen den Staffeleien stehen Eiskaffees, Weißweingläser und Bierflaschen. 15 Frauen und fünf Männer sind zum heutigen Kunstworkshop gekommen. Das Durchschnittsalter liegt bei Mitte 30. Geleitet wird der Workshop von der Künstlerin Taisia Dimitrievska. Die quirlige Frau mit den blonden, zum Pferdeschwanz hochgebundenen Haaren, ergreift das Wort und erklärt den Ablauf des Abends. Die "Art Night" beginnt.

Mehrmals in der Woche finden die meist ausverkauften Kunstworkshops statt. Dieses Mal ist der Treffpunkt in einem Souterrain eines Eiscafes in Prenzlauer Berg. Die Wände sind dunkel gekachelt. Ein paar Poster sind angeklebt worden. Eine Küchenzeile und ein angespecktes Ledersofa runden die Studentenwohnheim-Atmosphäre ab.

Die Künstlerin Taisia Dimitrievska zeigt eine Malvorlage (Quelle: rbb/Theodora Mavropoulos)
Taisia Dimitrievska zeigt die Malvorlage für die Teilnehmer der "Art Night" | Bild: rbb/Theodora Mavropoulos

Dimitrievska geht durch die Tischreihen und verteilt an alle Teilnehmer einen Vordruck, den sie zum Abpausen hinter ihre Leinwand schieben. Kleine, geschwungene Lampen lassen die nachzuziehenden Linien der Schablone durch die Leinwand hindurch scheinen. Danach tragen die Teilnehmer auf Anweisung der Kursleiterin nach und nach die Farben in die angegebenen Bereiche des Bildes auf. Das Thema heute: Van Goghs Weizenfelder. Workshopleiterin Dimitrevskaia ist unermüdlich in Bewegung, rückt hier und da noch ein Licht zurecht und beantwortet Fragen.

Unterschiedliche Teilnehmer kommen zusammen

"Ich hatte schon etwas Muffensausen, als ich hörte, dass es ein van Gogh wird", lacht Teilnehmer Daniel Lenz.  Auch das Malen nach Schablone hat seine Tücken. Zuviel oder zu wenig Wasser lassen die Farben unterschiedlich wirken. Das gewünschte Mittelmaß zu finden ist gar nicht so leicht. "Aber man weiß natürlich, dass man niemals an das Original herankommt, das nimmt den Druck", sagt Lenz und prostet seiner Sitznachbarin zu. Das Konzept Malen und Drinks sei witzig, deshalb habe er sich hier mit einigen Freunden angemeldet.

Viele der Teilnehmer kommen immer wieder zu den Workshops. Ekaterina Lutzschkina war schon fünf Mal dabei. "Das ist so ein Zusammengehörigkeitsgefühl, wenn man hier in der Gruppe malt", sagt die Fremdsprachenlehrerin. Sie mag es, selbst ab und zu mal wieder Schülerin zu sein. "Ich kann mich dabei komplett entspannen und mich voll auf das Bild konzentrieren - dann vergesse ich alles", schwärmt Lutzschkina und taucht ihren Pinsel in die Farbe.

Nicht allein vor einer Leinwand zu sitzen und beim Malen gleichzeitig neue Kontakte zu knüpfen - das gefällt den meisten hier. "Es ist eine schöne Mischung aus vielen verschiedenen Leuten, die hier zusammen kommen", sagt Jan Ludwinski und vertieft sich wieder in das Gespräch mit seinem Nachbarn.

Teilnehmer der "Art Night" malen in einem Eiscafe in Berlin-Prenzlauer Berg (Quelle: rbb/Theodora Mavropoulos)
Malen, neue Leute kennenlernen und Spaß haben - das ist das Prinzip der "Art Night" | Bild: rbb/Theodora Mavropoulos

Die Berliner Erfolgsgeschichte expandiert europaweit

Über 150.000 Teilnehmer haben inzwischen schon eine "Art Night" besucht. Die Workshops finden in insgesamt 84 Städten in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Frankreich, Großbritannien und den Niederlanden statt. Das Netzwerk umfasst mehr als 250 Künstler.

Im Oktober 2016 haben David Neisinger und Aimie-Sarah Henz das Start-up "Art Night" gegründet. Die Idee ist simpel: "Die 'Art Night' bietet eine gute Lösung zwischen Unterhaltungsprogramm und Gesprächen, denn im Restaurant muss ich mich unterhalten und im Theater konsumiert man ausschließlich", erklärt Neisinger das Erfolgsmodell. Es geht dabei auch um Entschleunigung. Während des dreistündigen Workshops bleibt das Smartphone der meisten Teilnehmer in der Tasche.

Man beschäftigt sich lieber mit den anderen Gästen und der Leinwand. "Wir sind da auch ein bisschen eine Gegenbewegung zur Digitalisierung", lacht Neisinger. "Außerdem bringen wir Menschen zusammen und das ist auch das, was mich antreibt.". Er selbst kommt nicht aus dem Kunstbereich, sondern ist von Hause aus Betriebswirt. Immer wieder nimmt auch er an einigen der Kunstworkshops teil. "Kunst wird oft mystifiziert und dadurch kompliziert gemacht", so der Wahlberliner. "Art Night" soll jeden mit ins Boot holen.

Auch die Kreativszene profitiert

Die Stimmung unter den Workshop-Teilnehmern ist ausgelassen. Hier und da wird ein Getränk nachbestellt, es wird viel gelacht. Leiterin Taisia Dimitrievskaa gibt immer wieder Tipps und kurze Informationen zum Künstler des Abends. Für sie ist die "Art Night" eine gute finanzielle Basis.

"Klar, als Künstlerin hast du es meistens schwer", sagt Dimitrievskaa. Man verkaufe einfach nicht genug Werke, wenn man noch nicht so bekannt ist, so die Berliner Künstlerin mit russischen Wurzeln.  Es sei hier eine gute Möglichkeit, sich neben dem Künstlerdasein ein bisschen was, dazuzuverdienen.

Nach guten drei Stunden werden die letzten Pinselstriche gesetzt. Hohe Kunst wird hier nicht vermittelt, doch darum geht es bei Art Night auch gar nicht. Die Teilnehmer betrachten glücklich die fertigen Kunstwerke, die sie mit nach Hause nehmen können. Hinzu kommt der eine oder andere neue Kontakt.

Sendung: Inforadio, 03.09.2019

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