Die amerikanische Band Algiers auf ihrem Konzert in Kopenhagen (Quelle: dpa/Malthe Ivarsson)
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Inforadio | 18.09.2019 | Magdalena Bienert | Bild: dpa/Malthe Ivarsson

Konzertkritik | Algiers im Lido - Kein Platz für Schubladendenken

Die amerikanische Band Algiers hat in Europa noch eine eher kleine Fangemeinde. Dabei ist ihr vielschichtiger Sound aus Soul, Gospel und Postpunk eine echte Entdeckung. Und sie haben etwas zu sagen - gegen Polizeigewalt und Alltagsrassismus. Von Magdalena Bienert

Schon während des Soundchecks, gegen halb zehn, wabern psychedelische Klangwände durch tiefrotes Licht und lullen die Musikkenner im Berliner Lido ein. Es riecht nach Marihuana, als die Band loslegt - wow. In welche Schublade darf man das packen? In keine bitte.

Es klickt. Es zuckt. Es drückt. Es rauscht. Und alles in laut. Kaum ein Sound, den die anfänglich noch fünf Musiker nicht aus ihren vielen Instrumenten herausholen. Dabei scheint jeder tief in seinen eigenen Kosmos abgetaucht, der dennoch auch ein gemeinsames Universum schafft. Algiers bedienen sich bei kalten Industrial-Sounds genauso selbstsicher, wie bei Postpunk-Elementen, Soul, Gospel oder so gar Jazz. Post-Worldbeat nennen sie ihr Genre.

Post-Worldbeat mit Message

Diese Art der selbsternannten Weltmusik ist hochpolitisch. Algiers setzen sich mit Alltagsrassismus und Polizeigewalt auseinander und natürlich auch mit der aktuellen Trump-Regierung. Die Texte von Sänger Franklin James Fisher sind live zwar kaum zu verstehen, trotzdem sind Dringlichkeit, Schmerz und Wut bis in die letzte Reihe zu spüren. Dabei wird er von dem enorm kraftvollen Schlagzeugspiel des Neuzugangs der Band getragen: Matt Tong ist seit 2015 dabei und hat für die Algiers seine Kollegen von Bloc Party zurückgelassen. Im Lido fliegen seine langen Haare wild in alle Richtungen, wenn er seine Sticks davon galoppieren lässt.

Moderne Protestsongs

Bis auf Matt Tong kennen sich die anderen drei Bandmitglieder schon seit ihrer Kindheit in Atlanta, Georgia. Der Bassist und der Gitarrist gehören erst der Untergrund-Noiseszene an, als sie Fisher kennenlernen, bringt der seine Black Gospel-Tradition der Südstaaten mit ein. Völlig angstfrei vermengen die Drei sämtliche Stilrichtungen zu einem einzigartigen Sound. Ihre gemeinsamen Erfahrungen mit Rassismus und Gewalt schweißt sie schließlich auch in ihrem musikalischen Streben nach modernen Protestsongs zusammen.

Die sperrige Ausdrucksweise, die Algiers dafür gewählt haben, mag zwar wenig eingängig sein, aber dafür ist sie umso bemerkenswerter. Algiers sind eine ziemlich spannende Liveband - viel wilder, weitaus experimenteller noch, als aus der Konserve.

2020 gibt's endlich neues Material

Das letzte Album der Band erschien 2017. Eine neue Platte, die dritte, kündigt Fisher während des Konzertes für Januar 2020 an. Der Sänger dürfte ziemlich viel Text-Material in den letzten Jahren dafür gesammelt haben. Es gibt schließlich keinen Grund leiser zu werden.

Sendung: Inforadio, 18.09.2019, 8.00 Uhr

Beitrag von Magdalena Bienert

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