Bettina Pousttchi (Quelle: Norman Konrad)
Audio: rbbKultur | 10.09.2019 | Andrea Handels | Bild: Norman Konrad

Berlin Art Week | Porträt Bettina Pousttchi - "Ich denke nach - mit den Mitteln der Kunst"

Bettina Pousttchi ist eine der herausragenden Künstlerinnen, die bei der Berlin Art Week ausstellen: Ab Mittwoch zeigt sie in der Berlinischen Galerie Metall-Skulpturen und Fotoarbeiten. Andrea Handels hat die 48-Jährige in ihrem Studio in Berlin-Mitte besucht.

Wer eine chaotische Metallwerkstatt in einem Hinterhof erwartet, hat sich getäuscht. Bettina Pousttchis Studio in Berlin-Mitte besteht aus einem sehr großen Raum im ersten Stock eines Wohnhauses. Alles dort ist schwarz-weiß, Bettina Pousttchi inklusive: schwarze lange Haare, akkurat in der Mitte gescheitelt, weiße Bluse, schwarze Hose. Mitten im Raum steht ein riesiger Plotter, denn ihre Arbeiten bestehen zu einem wesentlichen Teil aus Fotos. "Ich ändere viel mit den Mitteln der Fotografie", sagt die Künstlerin, "Gebäude - das ist das, was mich sehr interessiert, oftmals im Maßstab eins zu eins."

Die Fassade der Temporären Kunsthalle in Berlin, die Fotoinstallation "Echo", aufgenommen am 17.09.2009 (Quelle: dpa/Arno Burgi)
Die digital verfremdeten Darstellung des ehemaligen Palastes der Republik der Berliner Künstlerin Bettina Pousttchi sollte die bisherige Fassade, die "gepixelte Wolke", ersetzen. | Bild: dpa/Arno Burgi

Realistische Illusionen mit Fotos erzeugen

Ihren Durchbruch als Künstlerin hatte Bettina Pousttchi 2009 mit "Echo": Da hat sie die temporäre Kunsthalle, die zeitweilig auf dem Berliner Schlossplatz stand, mit dem Bild des abgerissenen Palastes der Republik verkleidet. "Ich nenne 'Echo' immer ein Nachbild des Palastes, weil das war eigentlich der Effekt, der da passierte als man am Schlossplatz stand. Das Gebäude war weg, da war dieses Nichts und gleichzeitig hatte man diese ganzen Bilder noch im Kopf."

Mit Fotos realistische Illusionen erzeugen - dieses Konzept hat sie weiter an vielen Orten verfolgt: An der Schirn Kunsthalle in Frankfurt, dem Wolfsburger Schloss, dem Neuen Museum Nürnberg - und jetzt an der Glasfassade der Berlinischen Galerie, wo sie transparente Folien angebracht hat, die sich zu einem Muster zusammenfinden.

"Das Muster habe ich aus Fotografien entwickelt, die ich gemacht habe von Fachwerkhäusern, also etwas sehr Deutschem, Europäischem", erklärt Bettina Pousttchi. "Ich ordne das in einer Art und Weise an, dass man es einem anderen Kulturraum zuordnen könnte, zum Beispiel dem vorderasiatischen." Dabei interessiere sie, eine Verbindung zwischen den Kulturen zu schaffen. "Ich nenne das immer ein transnationales Muster - um zu zeigen, wie stark wir eigentlich miteinander verbunden sind."

Ein Mann sitzt am 09.09.2019 in der Berlinische Galerie zwischen dem Werk "World Time Clock" (Quelle: dpa/Paul Zinken)Das Werk "World Time Clock" ist Bestandteil der Ausstellung "Bettina Pousttchi. In Recent Years" in der Berlinischen Galerie

Bettina Pousttchi stammt aus Mainz und hat einen persischen Vater, ist also selbst auch irgendwie transnational. Sie hat in New York, Düsseldorf, Köln, Bochum und Paris studiert, nicht nur Kunst, auch Philosophie. Jetzt ist sie 48 und auch international gefragt. Die Künstlerin hatte diverse Ausstellungen in den USA. Ihre Arbeiten haben immer auch etwas mit Architektur und mit Philosophie zu tun, sind nicht nur "l’art pour l’art", sondern auch eine Auseinandersetzung mit urbanen und gesellschaftlichen Situationen. "Ich denke nach - mit den Mitteln der Kunst - über das, was im Stadtraum uns umgibt. Ich nenne es einen Kommentar. Das kann Protest sein, das kann auch ein Augenzwinkern sein, je nach Situation", erklärt die 48-Jährige.

Straßenpoller werden zu ineinander verschlungenen Pflanzen

Das gilt auch für ihre Skulpturen: Pousttchi sammelt Gegenstände, die sie auf Straßen findet und verbiegt sie zu großartigen, farbigen Ensembles. "In der Beschäftigung mit dem Stadtraum kam ich nicht umhin, mich umzugucken, was da so passiert. Und mir ist aufgefallen, dass immer mehr so rumsteht, von dem man gar nicht so genau weiß, was das eigentlich soll", so Pousttchi. Bei ihren Beobachtungen seien ihr beispielsweise Poller und Straßenpfosten aufgefallen. "Die werden immer mehr, überall stehen sie. Und dann habe ich angefangen, damit Skulpturen zu machen."

So werden Straßenpoller zu ineinander verschlungenen grünen Pflanzen, verbogene Leitplankenstücke zu knallorangen Ausrufezeichen, Fahrradständer zu äußerst ästhetischen, hochaufragenden Skulpturen. Solche Metallarbeiten lässt Bettina Pousttchi in einer Werkstatt in Lichtenrade anfertigen.  

Skulpturen von Bettina Pousttchi stehen in der Berlinischen Galerie (Quelle: Norbert Miguletz)Aus Leitplanken oder Straßenpollern fertigt Bettina Pousttchi Skulpturen an

Zwei Ausstellungen gleichzeitig in Berlin

Ihr bisher langwierigstes Projekt war ihre Weltzeit-Uhr: Dafür ist sie durch alle Zeitzonen gereist und hat jeweils eine prägnante städtische Uhr genau um fünf vor zwei fotografiert  - in Rio, Taschkent oder Hongkong. "Beim Thema von Zeit ist man ja ganz schnell bei philosophischen Gedanken, darüber wie wir Zeit wahrnehmen, wie jeder sie anders wahrnimmt, aber auch die Frage: Wie kommen wir eigentlich zu diesem Zeitsystem, das wir heute haben. Das ist ja vom Menschen gemacht und versucht ein Naturphänomen zu erklären, was schon vor uns da war."

Bettina Pousttchis "World Time Clock", 24 großformatige Schwarz-Weiß-Fotografien, war schon in Washington zu sehen und ist jetzt in der Berlinischen Galerie zum ersten Mal in Deutschland ausgestellt. Gleichzeitig hat sie in der Neuköllner Kindl Brauerei mit der Installation "Panorama" im Kesselhaus eine weitere ortsspezifische, großflächige Arbeit realisiert, mit Fotobahnen auf Textil. Zwei Ausstellungen gleichzeitig in der Stadt, in der sie seit 15 Jahren wohnt, das freut Bettina Pousttchi sehr: "Es ist was sehr, sehr besonderes, auch in seiner eigenen Stadt mal diese Möglichkeit zu bekommen."

Sendung: rbbKultur, 10.09.2019, 11:10 Uhr

Beitrag von Andrea Handels

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