Eine Lesung mit Publikum bei Internationalen Literaturfestival Berlin (Quelle: AliGhandtschi )
AliGhandtschi
Audio: Inforadio | 11.09.25019 | Interview mit Ute Büsing | Bild: AliGhandtschi

Bis 21. September in Berlin - Literaturfestival setzt sich erneut mit Kolonialismus auseinander

150 Autorinnen und Autoren aus 50 Ländern sind noch bis zum 21. September beim Internationalen Literaturfestival in Berlin zu Gast. Der Fokus liegt erneut auf den verheerenden Folgen des globalen Kolonialismus. Ute Büsing stellt sechs Werke vor.

Mit dem Schwerpunkt "Decolonizing Worlds II" setzt das Internationale Literaturfestival Berlin seine 2018 begonnene Veranstaltungsreihe auch bei der 19. Auflage fort. Die Serie befasst sich erneut mit dem Kolonialismus und dem damit einhergehenden Rassismus.

Petina Gappah aus Zimbabwe

Bereits bei der Eröffnung am Mittwochabend im HAU 1 hatte Petina Gappah aus Zimbabwe einen entsprechenden Schwerpunkt gesetzt. Sie beschäftigte sich mit "Erzählungen vom gestrigen Europa und dem Afrika von heute". Im Laufe des Festivals stellt Gappah außerdem ihren neuen Roman "Aus der Dunkelheit strahlendes Licht" vor.

Petina Gappah, aufgenommen im Oktober 2016 (Quelle: dpa/Arno Burgi)
Petina Gappah | Bild: dpa/Arno Burgi

Dabei geht es um die auf Tatsachen beruhende Geschichte von 69 Begleitern des schottischen Afrika-Forschers und Missionars David Livingstone, die die Leiche des Mannes, der die Nilquellen entdecken wollte, in dessen Heimat rücküberführen. Mit abgründigem Witz erzählt Gappah ihre Kolonalisierungsvariante, in der sie die Klischees von Schwarz und Weiß  komplett umkehrt. Hier sprechen ehemals Entrechtete, Sklaven, und beschreiten einen einzigartigen Weg der Selbstermächtigung.

David Diop aus Frankreich

Auch der franko-senegalesische Schriftsteller David Diop feiert mit seinem Roman "Nachts ist unser Blut schwarz" Buchpremiere beim Internationalen Literaturfestival Berlin. Auch er hat einen historischen Roman geschrieben, basierend auf den Rekruten aus den Kolonien, die im Ersten Weltkrieg in der französischen Armee kämpften. Alfa Ndiaye, "Schokosoldat" genannt, beschreibt in diesem kraftvollen hypnotischen Text die Verwüstungen an Leib und Seele.

Alain Mabanckou aus Kongo

Schließlich stellt der auch bei uns längst bekannte Alain Mabanckou seinen neuen Roman "Petit Piment" beim Internationalen Literaturfestival vor. Aus Sicht des Titel gebenden Waisenjungen schildert er die Verhältnisse im Kongo Anfang der 70er Jahre: ethnische Zusammenstöße, von Gewalt geprägtes Straßenleben, die verordnete Abkehr vom christlichen Glauben und stattdessen die Hinwendung zum neuen Staatssozialismus. Ein Schelmenroman, angeführt von einem kongolesischen Robin Hood.

Tommy Orange aus den USA

In Amerika sorgte Tommy Orange mit "Dort Dort" bereits für Furore. Sein Debüt stürmte die "New York Times"-Bestsellerliste und ist für den Pulitzer Preis nominiert. Jetzt ist die außerordentliche Ausnahmezustandsbeschreibung des schlingernden Seelenlebens und der gefährdeten oder zerstörten Identitäten der "Native Community", einer Indianer-Gemeinschaft in Oakland, Kalifornien, auch auf Deutsch erschienen. Hier ist nichts ist mehr heil: Kinder mit unbekannten Müttern und Vätern, Alkohol und die Folgen von Alkoholabhängigkeit der Eltern bei den Nachgeborenen, Drogen und Drogenhandel, häusliche Gewalt und allseits gescheiterte Ehen bestimmen das packend beschriebene Leben von insgesamt 12 Menschen indianischer Herkunft - der immer noch diskriminierten und stigmatisierten ehemaligen Ureinwohner.

Ocean Vuong aus Vietnam

Ocean Vuong ist nicht nur Debütant auf dem Feld der Belletristik, sondern hat mit "Auf Erden sind wir kurz grandios" auch ein herausragendes Prosadebüt veröffentlicht. Hier schreibt ein in Saigon geborener, im tristen Hartford im amerikanischen Kernland Connecticut aufgewachsener Sohn an seine vietnamesische Mutter Rose, die nie lesen gelernt hat – aber immer schon voller Geschichten steckte, so wie Großmutter Lan. Grausames traditionelles Dorfleben, wo Lan als siebte Tochter nur "Sieben" gerufen wurde, mischt sich mit den noch grausameren Vernichtungsfeldzügen im Vietnamkrieg und der kolonialistisch und rassistisch konnotierten neuen Farbenlehre im Zufluchtsland Amerika, wo die Einwanderer ihr asiatisches Aussehen und ihren Unterschichtenstatus zu spüren bekommen.

Die Autorin Nora Bossong sitzt am 13.03.2017 im Rahmen des Literaturfestivals Lit.Cologne in Köln auf der Bühne (Quelle: dpa/Rolf Vennenbernd)Nora Bossong

Nora Bossong aus Deutschland

Auch die für den Deutschen Buchpreis nominierte Berliner Schriftstellerin Nora Bossong stellt ihren neuen Roman "Schutzzone" im Rahmen des Internationalen Literaturfestivals Berlin vor. Er handelt von der UN-Mitarbeiterin Mira, die im von den Massakern zwischen Hutu und Tutsi immer noch gezeichneten Burundi vergeblich versuchte, eine "Wahrheitskommission" zu etablieren. In Genf ist Mira wiederum am Verhandlungstisch darum bemüht, die verfeindeten türkischen und griechischen Parteien des Zypern-Konflikts zur Einigung zu bewegen. Als sie damit scheitert, wird sie nach Amman weiterziehen. Der Apparat UN, dem und dessen Missionen im Innen- wie im Außendienst sie durchaus kritisch, auch selbstkritisch, gegenübersteht, braucht sie so wie er sie gleichzeitig auffrisst. Denn sie ist eine, die Konfliktbeteiligte zum Sprechen bringen kann.

Sendung: Inforadio, 11.09.2019, 15:55 Uhr

Beitrag von Ute Büsing

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