Regisseurin und Drehbuchautorin Nora Fingscheidt bei der Deutschland-Premiere von "Systemsprenger" am 09.09.2019 in Hamburg (Quelle: dpa)
Audio: Inforadio | 12.09.2019 | Interview mit Nora Fingscheidt | Bild: dpa

Interview | "Systemsprenger"-Regisseurin Nora Fingscheidt - "Meine Haltung zum System hat sich schnell verändert"

Was, wenn ein Kind ständig ausrastet und selbst die Jugendfürsorge nicht weiter weiß? Dieser Frage widmet sich Nora Fingscheidt im Film "Systemsprenger". Über die Recherche und ihre Einstellung zum System der Jugendhilfe spricht die Regisseurin im Interview.

rbb: Ist "Systemsprenger" wirklich ein so gängiger Begriff im Bereich der Jugendfürsorge? Was ist damit gemeint?

Nora Fingscheidt: Es ist ein inoffizieller Begriff, der auch sehr umstritten ist. Aber trotzdem weiß jeder, der in der Branche arbeitet, was damit gemeint ist. Man beschreibt damit Kinder oder Jugendliche, für die das Hilfesystem keinen festen Platz finden kann. Also wenn ein Kind von einem Kinderheim ins nächste geschickt wird, überall rausfliegt und irgendwann so ein Kreislauf entsteht und das Kind nur noch hin und her zu wechseln scheint. Das nennt man "Systemsprenger".

Wann sind Sie diesem Begriff oder so einem Kind das erste Mal begegnet?

Das war vor inzwischen sechseinhalb Jahren. Da haben wir für die Caritas in Stuttgart einen Dokumentarfilm über ein Heim für wohnungslose Frauen gedreht. Dort zog eines Tages ein 14-jähriges Mädchen ein. Das hat mich so geschockt, weil ich mich gefragt habe, warum ein Teenager hierher kommt? Die Sozialarbeiterin meinte nur, dass keine Institution weit und breit sich mehr traut, dieses Mädchen aufzunehmen. Das war der Moment, wo ich dachte, was ist das für ein Wort und was ist das für ein Mädchen. Damit ging es los.

Sie haben etwa fünf Jahre für diesen Film recherchiert. Wie hat diese Arbeit ausgesehen? Sind Sie in die Institutionen reingegangen? Haben Sie sich mit "Systemsprengern" unterhalten? Haben Sie sie begleitet und auch wissenschaftliche Arbeiten nachgelesen?

Alles davon so ein bisschen. Diese vielen Jahre waren nie nonstop nur Recherche, sondern es war immer ein Hin und Her zwischen recherchieren, schreiben, recherchieren, schreiben. Wenn ich recherchiert habe, hab ich meistens versucht, wirklich ein oder zwei Wochen in den Institutionen, im Idealfall auch zu wohnen oder auf jeden Fall mitzuarbeiten, mit den Kindern zu spielen. Damit wollte ich ein Gefühl für die Tonalität, also eher für die kleinen Details, bekommen: Wie reden die Leute miteinander, was für eine Stimmung herrscht da? Wie unterscheiden sich die Institutionen voneinander? Aber ich hab nebenbei natürlich auch Fachgespräche geführt. Ich habe fiktionale Bücher und Sachbücher gelesen. Also alles, was ich irgendwie kriegen konnte.

Ist Ihr Film "Systemsprenger" echt und alles genau so nachvollziehbar im realen Leben?

Alles, was im Film passiert, basiert schon auf der Realität. Die Menschen sind inspiriert von realen Menschen. Viele Situationen gab es so wirklich, oder Menschen haben mir davon erzählt. Und trotzdem haben wir das auf eine Art und Weise zusammengebaut, wie es dann wieder nicht dokumentarisch ist. Es ist ganz klar ein Spielfilm. Er folgt auch einer bestimmten Dramaturgie für den Zuschauer. Viele Dinge wurden zum Teil dramatisiert, beschönigt oder vereinfacht, damit man auch als Mensch, der jetzt nicht vom Fach kommt, das alles nachvollziehen kann.

Wie war Ihr Weg in diesen fünf Jahren Auseinandersetzungen mit dem Phänomen "Systemsprenger", mit der Tatsache, dass es so etwas überhaupt gibt. Haben Sie eine klare Haltung oder hat sie sich verändert?

Als ich das erste Mal davon gehört habe, hat es mich schon ziemlich schockiert. Das ging lange so weiter. Eigentlich hat mich jede Recherche nur noch mehr bestürzt. Irgendwann habe ich gemerkt, mein Weltbild verdüstert sich. Nach drei Jahren Recherche hab ich nur noch Fälle von Kindesmisshandlung gesehen. Das hat zur Folge gehabt, dass sich das sehr negativ auf meinen Alltag ausgewirkt hat. Daraufhin habe ich ein Jahr pausiert und mich mit einem ganz anderen Projekt beschäftigt.

Meine Haltung "Systemspringern" gegenüber hat sich nicht verändert. Meine Haltung zum System hat sich relativ schnell verändert. Am Anfang dachte ich, das böse System. Doch schon ab dem ersten Tag der Recherche hab ich gemerkt, ich begegne eigentlich nur Menschen, die es richtig gut meinen, die mit Idealismus in diesem Beruf gestartet sind und die zum Teil unter Umständen arbeiten müssen und sich um zehn Kinder kümmern müssen. Hinzu kommt, dass noch der Bürokratie-Kram erledigt werden muss. Die können Kindern wie Benni [Anm.d.Red: Die neunjährige Hauptfigur des Films, gespielt von Helena Zengel] kaum gerecht werden und leiden selber darunter. Da würde ich mich natürlich freuen, wenn der Film es schafft, nicht nur für Benni Verständnis zu wecken, sondern auch Menschen in sozialen Berufen ein bisschen Respekt zu zollen.

Wie haben Sie es geschafft, überhaupt ein Mädchen dazu zu bringen, so etwas spielen zu können?

Mit ganz viel Zeit. Gefunden haben wir Helena Zengel schnell, dank unserer Kinder-Casterin Jacqueline Rietz aus Potsdam. Helena war bei der ersten Casting-Runde das Mädchen Nummer sieben. Es war für mich ein totaler Schock. Ich habe jahrelang dieses Buch geschrieben und gedacht, ich werde nie ein Mädchen finden, das diese Rolle spielen kann. Und die Eltern werden es bestimmt auch nie erlauben. Plötzlich stand Helena vor uns und sie hatte so einen Spaß daran, auch mal ausrasten zu dürfen. Sie selber ist ein sehr gut erzogenes Kind, mag Pferde, spielt Klavier, ist super in der Schule und macht Eiskunstlauf. Aber irgendwie hatte sie keine Berührungsängste mit der Aggression. Sie hat das Drehbuch gemeinsam mit ihrer Mama gelesen und wollte den Film immer noch machen. Als wir uns für sie entschieden haben, haben wir vor Drehbeginn über sechs Monate die Rolle erarbeitet, um die Unterschiede zwischen Benni und ihr herauszuarbeiten. Denn sie sollte die beiden Menschen nicht durcheinander bringen.

Wenn man den Film sieht, hat man den Impuls, Benni retten zu wollen. Auf der anderen Seite fragt man sich, was kann man tun? Sind Sie dieser Antwort ein Stück näher gekommen, wie das System dafür sorgen könnte, dass es einen Ausweg gibt?

Das ist nicht so einfach zu beantworten. Bei "Systemsprengern" geht es eher um Systemprozesse, die miteinander scheitern. Das funktioniert im Fall von manchen Kindern einfach nicht richtig gut. Es gibt ganz viele Kinder, die von klein auf bis zum 18. Lebensjahr in einer Wohngruppe leben und denen es dort gut geht. Aber es gibt eben auch diese Einzelfälle, etwa ein bis fünf Prozent aller Kinder, die in der Jugendhilfe sind, für die diese Systeme nicht so richtig greifen. Deshalb ist auch der Begriff "Systemsprenger" ein bisschen irreführend. Denn nicht das Kind macht ein System kaputt, sondern das System findet für dieses Kind nicht den Rahmen.

Das Interview mit Nora Fingscheidt führte Alexander Soyez für Inforadio. Das Gespräch ist eine gekürzte  und redigierte Fassung – das gesamte Interview können Sie hören, wenn Sie auf das Abspielsymbol im Titelbild klicken.

Sendung: Inforadio, 12.09.2019, 10:45 Uhr

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3 Kommentare

  1. 3.

    Oscar-reif: Helena Zengel in "Systemsprenger" -
    https://de.euronews.com/2019/09/17/oscar-reif-helena-zengel-in-systemsprenger

  2. 2.

    Alle Achtung vor dem Mut, die Kindes-Problematik derart aufrichtig darzustellen.

  3. 1.

    Es ist so schön aktuell immer wieder von diesem wirklich eindrucksvollen Film zu lesen, da dieser Film das schafft, was man dem deutschen Film immer nicht zutrauen möchte... Mal ganz anders zu sein. Und das Helena Zengel eine beachtliche Nachwuchsdarstellerin ist, hat sie bereits 2018 in dem Film „Die Tochter“ gezeigt, welcher ebenfalls auf der Berlinale lief.

    Wie oft höre ich, das der deutsche Film nur dann gut ist, wenn es eine Komödie ist...
    Und dann bekommt man auch mal einen recht ungefilterten Einblick in all das, was Pädagogen täglich leisten müssen. Sicherlich ist die Darstellung von Benni ein Extremfall, aber es gibt auch bereits im Kindergarten immer wieder Kinder die Hilfe brauchen, auch weil Eltern mal überfordert sind und sein dürfen. Pädagogen sind Pflaster für die Eltern und wir versuchen täglich unser bestes.

    Ich habe den Film bereits zweimal auf der Berlinale gesehen und werde mich auch noch einmal ins Kino bewegen für diesen Film.

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