Helmet im SO36 in Berlin Kreuzberg. (Quelle: rbb/Bruno Dietel)
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Audio: Inforadio | 06.09.2019 | Bruno Dietel | Bild: rbb/Bruno Dietel

Konzertkritik | Helmet in Berlin - Wenn dem Gitarren-Veteran die Stimme abhanden kommt

Trockener Metalsound, wütende und rhythmische Gesangseinlagen: Helmet aus den USA haben sich getrennt, wiedervereint und feiern nun 30-jähriges Bandjubiläum. Am Donnerstag haben sie im SO36 Halt gemacht. Bruno Dietel über einen irritierenden Abend.

Mit einem Dreisatz sind Helmet auf Geburtstagstour – 30 Jahre, 30 Songs pro Abend und keine Vorbands. So auch im SO36 in Berlin-Kreuzberg. Es ist Punkt 20:15 Uhr, da betritt die Band ohne Tamtam und Getöse die Bühne. Der ganz große Jubel bleibt aus – das Publikum ist kurz perplex. Ein so unspektakulärer Auftritt zum Jubiläumskonzert?

Rohe Musik gegen Verrohung

Zum allergrößten Teil sind Männer gekommen. Sie tragen dunkle Klamotten, die Mehrheit ist eher jenseits der 30. Ihr Idol und Helmet-Frontmann Page Hamilton hat schon mit David Bowie und Limp Bizkit gespielt, war Filmmusik-Studiomusiker. Hamilton ist ein wütender, alter, weißer Mann im positiven Sinne: Ein Kämpfer gegen den moralischen und ethischen Niedergang. Er spielt mit roher Musik gegen Verrohung und Diskurszerfall an. Der Sound von Helmet ist stampfend, schnörkellos, zum kollektiven Kopfnicken.

Archivbild: Die Metal-Band Helmet bei einem Konzert in der Schweiz. (Quelle: dpa/Gutfleisch)
Helmet bei einem Konzert in der Schweiz. | Bild: dpa/Gutfleisch

Die Stimme geht vollkommen unter

Bei aller rhythmischen Präzision – Page Hamiltons Stimme geht an diesem Abend im SO36 völlig unter. Übertönt von der Schlagzeugmaschinerie und den quietschenden Gitarren kann man seine Texte höchstens von den Lippen ablesen. Was ist da los? Ist der Auftritt einfach nur schlecht abgemischt oder haben seine Stimmbänder nach 30 Jahre Bühnenleben und Musikkarriere einfach schon ziemlich nachgelassen? Nach einer halben Stunde spricht Hamilton das erste Wort – er packt seine Deutsch-Kenntnisse aus. Es sind überwiegend Kraftausdrücke und Beschimpfungen. Später meint er, er wolle nach Berlin ziehen, wenn es in den USA politisch so weitergehe. Die 30 Songs im Set stammen nicht nur aus den insgesamt acht Alben, die New Yorker haben für ihr Jubliäum auch Coverversionen von Black Sabbath und Björk mitgebracht.

Musikalischer Kraftakt mit Moshpit

Handwerklich laufen Helmet an ihren Instrumenten zu Höchstleistungen und dreckig-ausufernden Eskapaden auf. Die Gitarrenriffs sind mathematisch und staubtrocken, der Bassist schuftet wie ein Tier. Der wildgewordene Drummer schafft den Spagat zwischen feingliedrigen Soli und brutalen Trommelgewittern. Es ist ein düster-kreischender musikalischer Kraftakt mit Moshpit, einem Kreis, in der ersten Reihe.

Veteran mit schwacher Stimme

Ein Blues Intermezzo und kniend gespielte Soli - Page Hamilton kann die virtuosen Spielereien nicht lassen und wirkt dabei manchmal fast abwesend und alleine. Noch dazu ist er abgelenkt von technischen Problemen. Ständig dreht er sich zu Technikern auf der Bühne um und fummelt an seinen Kabeln. Der Applaus kommt zwischendurch nur noch verhalten.

Vielleicht treten wir diesem Veteran der harten Gitarrenmusik mit Respekt gegenüber, um seine musikalische Lebensleistung wissend. Aber es ist nicht zu verleugnen, dass seine Stimmkraft nach 30 Jahren Helmet nicht mehr die gleiche ist.

Beitrag von Bruno Dietel, Inforadio

Kommentar

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Antwort auf [Tüp] vom 06.09.2019 um 09:04
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2 Kommentare

  1. 2.

    Bei jedem Instrument sowie dem Gesang die richtigen Frequenzen angehoben bzw. abgesenkt und zudem den Gesang durch einen Kompressor gejagt, kann man jede Stimme durchaus nach vorne bringen und einen durchsichtigen Mix schaffen. Das ist in erster Linie ein Problem des Abmischens. Wenn allerdings die Gitarrenverstärker so laut aufgedreht sind, daß sie ohne PA den Saal zudröhnen, kann das mit dem Mischen schon mal schwierig werden. Das ist dann nicht zuletzt auch die Frage, wie professionell die Bands sind. Sinnbefreites Drauflosdreschen ergibt selten guten Sound.

  2. 1.

    Bruno.
    Ich stand hinter Dir und hab Deine Textschnipsel gesehen und dachte noch: Das hört sich zu positiv an, lyrisch umwabernd ein schlechtes Konzert schönreden, aber was kann der jungsche Reporter das schon einschätzen...

    Letztlich muss ich sagen: Kurve gekriegt. Es stimmt. Ich war sehr enttäuscht von den Helden aus der Jugend. Schönreden konnte ich es mir nichtmal mit dem chronisch schlechten Sound im Schlauch des SO36.

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