Muse: Eine britische Grammy-prämierte Rockband, die 1994 in Teignmouth, Devon, gegründet wurde. (Quelle: dpa/Mikhail Tereshchenko)
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Audio: Inforadio | 11.09.2019 | Martin Spiller | Bild: dpa/Mikhail Tereshchenko

Konzertkritik | Muse in Berlin - Pathos ist nichts dagegen

Seit rund 20 Jahren liefert die britische Band Muse bombastische Rockmusik - und dazu bombastische Shows. Für die neue Tour versprechen Muse, nie um Superlative verlegen, etwas nie zuvor Gesehenes. Martin Spiller konnte in Berlin einen Blick drauf werfen.

 

Der Countdown läuft. Spacige Musik und bunte Farben wehen am Dienstag durch die Berliner Mercedes-Benz-Arena. Eine bombastische Ouvertüre erklingt, mit fetten Bläsersounds aus dem Synthesizer. Echte Posaunen werden dazu auf einem langen Steg, der von der Bühne durch das Publikum führt, geschwenkt. Es erklingt "Algorithm". Dann kommt Sänger Matthew Bellamy aus dem Boden hochgefahren. Im Gesicht: eine bunt blinkende LED-Brille. Auf einem riesigen Bildschirm hinter der Bühne erscheint der Schriftzug "We are caged in simulations". Der Mensch - gefangen in Simulationen.

"Simulation Theory" heißen aktuelles Album und Show - ein Spiel mit Science Fiction und 80er Jahre Popkultur. Ein perfektes Thema für Muse. Die drei Briten greifen immer wieder tief in den Sternenkasten, zu Astronomie, Futurismus und Science Fiction. Das Album "Resistance" behandelte Orwells 1984 - zumindest hat die Band das behauptet. In "Drones" wurde die Entmenschlichung moderner Kriegsführung zu bombastischer Musik verrührt.

Muse: Eine britische Grammy-prämierte Rockband, die 1994 in Teignmouth, Devon, gegründet wurde. (Quelle: dpa/Iris Edinger)
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Interstellarer Kitsch

Außerplanetarische Verschwörungen, bedrohliche schwarze Löcher: Das ist natürlich alles totaler Quatsch - interstellarer Kitsch -, aber Muse nehmen das furchtbar ernst. Also: Kopf lieber ausschalten - und mit 17.000 begeisterten Fans in ein Spektakel fallen lassen.

Es kommen und gehen halb echte oder virtuelle Zombies, Androiden, Space Troopers. Bei "Propaganda" versprühen sie Nebel. Dann wieder trommeln sie sinnfrei auf riesigen Pauken herum. Manchmal schweben sie auch von der Decke, zum Beispiel als Gospel singende Weltraumengel. Auch blinkend natürlich. Überhaupt leuchtet und blinkt ständig alles. Auch die Brille von Matthew Bellamy, die er kaum absetzen mag. Noch schlimmer: Später kommt eine blinkende LED-Jacke dazu.

Inhaltliche Tiefe nimmt man Muse nicht ab. Die ernsten Themen werden durch Überwältigung einfach nicht ernster. Muse sind nicht nur Künstler, sondern auch Kinder. Sie wollen spielen.

Inmitten der videoclipartigen Show geht gelegentlich unter, dass Muse das eigentlich gut machen. Aber die sympathische Band zum Anfassen ist Muse noch nie gewesen. Ansagen geben sie praktisch keine. Dazu ist Matthew Bellamy viel zu verliebt in seine Rockstar-Posen: Eben noch hoch ins Falsett geschluchzt, das Gesicht dabei schmerzverzerrt, dann schnell auf der mit Effektpad ausgerüsteten Gitarre einen schlimm pfeifenden Ton produziert  - und schon der Übergang in eine heroische Geste Richtung Arenahimmel, das Mikrofon dabei siegessicher in der Hand haltend wie eine soeben ergatterte Trophäe. Pathos ist nichts dagegen! Bei "Mercy" hüllt sich der Frontmann in eine Deutschland-Fahne. Vom Himmel fallen Konfetti und Luftschlangen - fluoreszierende natürlich. Kann man spacig finden - oder peinlich.

Space Rock, wie er in den 70ern nicht möglich war

Wie die Show, so die Musik: Aufgeblasen bis ins Gigantische. Eine Mischung aus Progrock, Disco-Space-Pop, Elektronika - und ganz viel Glam. Hauptsache groß. Hier klingt das Electric Light Orchestra an, dort Queen, nur noch viel effektüberladener: Vocals werden durch Harmonizer und Vocoder gejagt. Aus dem Bass machen Synthpedale ein Melodieinstrument. Und natürlich leuchten dabei auch die Bünde. Muse fahren technisch alles auf, und das Ergebnis klingt auch noch ziemlich gut. Space Rock, wie er in den 70ern nicht möglich war - wie er heute zuweilen fassungslos macht. Live macht das richtig viel Spaß.

Eine zertrümmerte Gitarre oben drauf

Der Schwerpunkt der Setliste liegt auf den letzten vier Alben. Aber zum Glück kommen dann doch noch Klassiker wie "Hysteria" und "Plug in Baby". Hier gibt es mal keine große Show, hier darf das Publikum kurzzeitig echtes Rockkonzert-Feeling erleben. Auch wenn man den einen oder anderen Song schon mal kraftvoller erlebt hat.

Besonderer Höhepunkt: ein Metal-Medley mit Stücken wie "Stockholm Syndrome" und "New Born". Im Hintergrund bläst sich dazu "Murph The Robot" aus dem Video von "The Dark Side" auf - ein riesiges Skelett. Iron Maidens Monster-Maskottchen Eddie wäre vor Neid erblasst. Schließlich gibt es auch noch eine Art Reminiszenz an "The Who": Eine Gitarre muss als Wurfgeschoss dran glauben. Das macht aber nichts, denn die Gitarrenfirma gehört Herrn Bellamy selbst.

Ein Gefühl von Zukunft

Nach gut zwei Stunden endet das Konzert mit "Knights of Cydonia". Und dann fallen allen Ernstes auch noch Luftballons von der Decke - die ausnahmsweise mal nicht blinken.

Auf dem Rückweg fährt die S-Bahn am neuen Zukunftsmuseum Futurium entlang. Das ist, verglichen mit einer Muse-Show klein, unspektakulär und unauffällig - und hat auch schon zu. Aber von der Zukunft hab ich jetzt, glaub ich, sowieso schon alles gesehen.

Beitrag von Martin Spiller

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5 Kommentare

  1. 5.

    Du hast total recht. Ich war immer Queenfan und werde ich auch immer bleiben. Aber die Show und die Musik von MUSE gehen in eine andere Dimension. Beste Grüße Lutz

  2. 4.

    Besser haette man das nicht kommentieren können. Glückwunsch!!!

  3. 2.

    Es war nicht alles futuristisch: John Williams 40jahre altes Leitthema aus Die unheimliche Begegnung der 3. Art wurde genauso kongenial in die Setlist eingebaut wie auch Ennio Morricones Thema aus Spiel mri das Lied vom Tod. Das hat perfekt gepasst und war eine tolle Überraschung!

  4. 1.

    "KlugscheissermodusAn" ...stimmt leider nicht...die weißen Ballons haben geblinkt... ;-) "KlugscheissermodusAus"...Ansonsten wie immer eine Schippe draufgetan...Super Event!

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