Christian Gerhaher (Quelle: imago images/Luo Huanhuan)
Audio: Inforadio | 24.09.2019 | Jens Lehmann | Bild: imago images/Luo Huanhuan

Konzertkritik | Opernsänger Christian Gerhaher - Wer da professionell bleibt, hat kein Herz

Den Bariton Christian Gerhaher konnte man in der letzten Zeit oft als Opernsänger erleben, so bei den Berliner Philharmonikern. Am Montag sang er im Pierre-Boulez-Saal aber einfach Lieder - und Jens Lehmann fand es einfach unfassbar schön.

Nicht auszudenken, hätte sich Christian Gerhaher damals doch für eine Karriere in der Medizin entschieden. Den Doktortitel hat er ja schon. Gerhaher ist aber ein vorsichtiger Mann und hat deshalb von Anfang an Medizin und Gesang parallel studiert - vielleicht auch, weil er selbst an der Autoimmunkrankheit Morbus Crohn leidet. Und Singen war und ist seine Berufung. Deshalb ist Gerhaher inzwischen der bedeutendste Liedsänger der Welt. Punkt. Oder besser: Ausrufezeichen! Und das sage nicht nur ich, der ich seiner Stimme schon seit Jahren verfallen bin.

Diese Linien, diese lässige und doch perfekte, nie manierierte Aussprache, diese emotionale Bandbreite seines Gesangs! Gemeinsam mit seinem musikalischen Partner, dem Pianisten Gerold Huber, spürt Gerhaher der menschlichen Seele und ihrem Ausdruck in der Musik nach. Und das tun die beiden schon seit 30 Jahren gemeinsam - da haben sie sich an der Musikhochschule in München kennengelernt. Nach all der Zeit verstehen sie sich blind und sind so etwas wie die neuen Dietrich Fischer-Dieskau und Gerald Moore.

Glück als Vorahnung des Unglücks

Gustav Mahler ist neben Schubert und Schumann einer ihrer Lieblingskomponisten. Kein Wunder: Das ist eben auch herzzerreißende, oft düstere, zutiefst romantische Musik. Hier steckt in jedem kleinen Glück schon die Vorahnung auf das kommende Unglück. Gerhaher hat mal gesagt, er beschäftige sich sehr gern mit düsteren Inhalten, dadurch begreife er etwas über das Menschsein. Und seine Zuhörer tun das auch - gerade am Montagabend im Berliner Pierre-Boulez-Saal. Es gibt in Berlin wohl keinen besseren Saal für Liedgesang, hier kommen die Nuancen in Mahlers Musik perfekt rüber.

Wie Gerhaher die "Lieder eines fahrenden Gesellen", Mahlers Antwort auf Schuberts tragische Zyklen, schon vom Ende her denkt, alle Fröhlichkeit einen Schatten bekommt, lässt einem schon das Herz gefrieren. Da können auch die heiteren, manchmal fast grotesken Wunderhorn-Lieder danach kaum etwas daran ändern.

Nach der Pause geht es dann unablässig abwärts - in die Schwärze der "Kindertotenlieder". An diesem Abend stellt sich auch gar nicht erst die Frage, ob Mahlers Klavierlieder denn nur Vorstufen zu den Orchesterfassungen seien. Hört man der Klavierbegleitung von Gerold Huber zu, vermisst man das Orchester keine Sekunde lang. Dazu Gerhahers Naturton - kein Gekünstel, kein Forcieren - und pure Sehnsucht in der Stimme.

Zartschmelzendes Piano

Christian Gerhaher ist gerade 50 geworden. Für einen Liedsänger ist das kein Alter. Möge diese wundervolle, mal tief gründelnde, mal glockenhelle Baritonstimme noch ewig so klingen. Kein hörbarer Registerwechsel nirgends. Und dieses langsame Verklingen der Phrasen im zartschmelzenden Piano ist unglaublich.

Auf der Fahrt vom Pierre-Boulez-Saal nach Hause habe ich dann über die Gretchenfrage meiner Zunft nachgedacht: Darf ein Kritiker im Konzert zu Tränen gerührt sein? Ist das mit der ach so hehren, professionellen Distanz vereinbar? Aber mein Gott, was kann ich denn dafür, wenn Christian Gerhaher das schönste "Urlicht" aller Zeiten singt. Wenn er nach den todtraurigen Kindertotenliedern diesen Strahl der Zuversicht aussendet, kann ich echt nicht mehr. So unfassbar schön. Wer da professionell bleibt, hat kein Herz.

Sendung: Inforadio, 24.09.2019, 07:55 Uhr

Beitrag von Jens Lehmann

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

3 Kommentare

  1. 3.

    niemand kann etwas für ihren schlechten geschmack. ungebildet sein ist heute normal. singen ist etwas anderes.
    hören sie doch einmal wirkliche künstlersãnger an.
    unglaublich diese buchstabiererrei in grauer farbe.
    rrrrollendes rrrrrr zum durchdrehen.
    was soll’s. einfach schlecht.

  2. 2.

    Genau!!!
    Lieber Herr Lehmann, ich unterschreibe jeden Ihrer Sätze!!! "So unfassbar schön." Damit lässt sich einfach alles zusammenfassen, was Christian Gerhaher singt. Und Gerold Huber dazu spielt. Selbst wenn es um das Allerschrecklichste, Schlimmste und Finsterste geht. Danke dafür, dass ich genau das bei Ihnen nachlesen konnte, was mir zu diesem Konzert und zu diesem fantastischsten aller Sänger durch den Kopf gegangen ist.
    Viele Grüße, Carolin Werren

  3. 1.

    Sehr geehrter Herr Jens Lehmann,
    nach einer langen Reise, angekommen in der fremden Stadt, in einer fremden Wohnung, -
    habe ich Ihren Bericht gelesen von diesem Konzert, das ich gerne, so gerne erlebt hätte.
    Und wenn Sie dann schreiben:

    ...wenn Christian Gerhaher das schönste "Urlicht" aller Zeiten singt.
    Wenn er (...) diesen Strahl der Zuversicht aussendet.

    Damit haben Sie mir, die dieses "Urlicht" von Christian Gerhaher gesungen in einer Aufzeichnung eines anderen
    Konzertes am 21. September im BR hörte, nicht wußte, wie sie es verstehen sollte, ... Zuversicht gegeben.
    ...
    Dank für die guten Worte eines Kenners, der diesen Sänger. dieses Künstlerpaar ebenso liebt wie ich.

    Mit Grüßen nach Berlin Beate Schwärzler

Das könnte Sie auch interessieren