Pip Blom (Quelle: dpa)
Audio: Inforadio | 10.09.2019 | Lennart Garbes | Bild: dpa

Konzertkritik | Pip Blom in der Kantine am Berghain - Pop-Punk mit der unwiderstehlichen Energie des Anfangs

Pip Blom schreibt an seinem eigenen Indie-Rock-Märchen: Vom Internetphänomen arbeitete sich die niederländische Band hoch zum Low-Fi-Geheimtipp, mit Festivalauftritten, Debüt-Album und Tournee. In Berlin, einem der ersten Stopps, überzeugte sie auch Lennart Garbes.

In welchem Karrierestadium sich eine Band befindet, lässt sich oft am besten noch vor dem Konzert beobachten: Die Anzahl der mittourenden, helfenden Hände verrät etwas über den Status der Musikerinnen und Musiker. Und hier wird deutlich: Pip Blom stehen noch am Anfang ihrer vielversprechenden Karriere. Die Feinjustierung der Instrumente übernimmt die Band selbst. Das einzige erkennbare Paar helfender Hände - die des Tourmanagers - bittet die letzten Gäste noch zweimal in den Konzertsaal. Bassist Darek Mercks holt sich ein Bier, dann beginnt das Konzert.

Eingängige Gegensätzlichkeiten

Genauso nahbar wie sich die Band vor ihrem Konzert gibt, genauso zugänglich ist auch ihre Musik. Pip Bloms Mischung aus Low-Fi-Punk, College- und Indie-Rock mit eingängigen Melodien strotzt vor übertragbarer Energie. Es dauert nur bis zum zweiten Lied, bis das Publikum in der gut gefüllten Kantine am Berghain ordentlich in Bewegung ist.

Die kleinen Gegensätzlichkeiten und Brüche machen Pip Bloms Musik dabei erst so richtig interessant. Auf der einen Seite die klare, unbeschwerte Stimme der 23-jährigen Frontfrau und Namensgeberin Pip Blom. Auf der anderen Seite übersprudelnde, rotzig-schrammelige Gitarrenriffs, die wiederum durch melodische, langsamere Songelemente unterbrochen und verschleppt werden.

Vom Internetphänomen zur kleinen Welttournee

Seit 2016 veröffentlicht Pip Blom Musik: zu Beginn - in bester Arctic-Monkeys-Manier - einfach von zu Hause übers Internet. Das fanden schnell so viele Menschen gut, dass sich Pip Verstärkung für Liveauftritte suchen musste. Dazu kamen ihr Bruder, Tender Blom, als Leadgitarrist und zweite Gesangsstimme, Bassist Darek und Schlagzeugerin Gini Cameron. Zusammen waren sie als Vorband mit "Franz Ferdinand" und "The Breeders" auf Tour, haben in Glastonburry in England und bei der Musikveranstaltung "South by Southwest" (SXSW) in den USA und dieses Jahr auch beim Berliner Festival Lollapalooza gespielt, und gehen jetzt mit ihrem Debüt-Album auf Europa- und Amerika-Tournee.

Im Mai erschien Pip Bloms erste LP "Boat", die insgesamt melancholisch-melodischer klingt als die etwas punkigeren Singles und EPs aus der Zeit davor. Die Texte von Pip Blom handeln von der anstrengenden Entscheidung zwischen wildem und vernünftigem Leben, von Zuständen mentaler Erschöpfung, von Prokrastination, Isolation, dem Sieg über die Apathie, sowie dem daraus erwachsenden Dilemma, was man mit der neu gewonnen Zeit anfangen soll, wenn es einem nicht mehr einfach nur schlecht geht.

Spürbare Freude über die eigene Musik

Obwohl die Songtexte durchaus schwierige Themen behandeln, kommt live vor allem das rockige Selbstverständnis der Band zum Tragen. Schlagzeugerin Gini schlägt mit an Gewalt grenzendem Enthusiasmus auf ihr Instrument ein, Pips Bruder Tender hüpft ab dem dritten Lied ohne Hemd über die Bühne, und auch Frontfrau Pip lässt trotz hipper Ponyfrisur und schwarzem Cocktailkleid immer wieder die Locken fliegen.  

Pip Blom wollen dabei gar nicht allzu glatt und poliert klingen. Das führt dazu, dass ein paar der feineren gesanglichen und harmonischen Elemente in ihrer Musik während des Konzerts dann etwas untergehen. Trotzdem macht es großen Spaß der Vierer-Kombo dabei zuzusehen, wieviel Freude sie an der eigenen Musik und dem gemeinsamen Spielen haben, und die Euphorie auf der Bühne überträgt sich ohne Verlust auf das Publikum. Nur wer zu spät mit dem Tanzen angefangen hat, wird bestraft: Nach einer Stunde ist das Konzert leider etwas zu schnell zu Ende.

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