Rocko Schamoni und sein Orchester <<Mirage>>. (Quelle: rockoschamoni.de/Kerstin Behrendt)
Bild: rockoschamoni.de/Kerstin Behrendt

Konzertkritik | Rocko Schamoni und Mirage im Lido - Willkommen zur souligen "Bodynight" mit echten "City-Gefühlen"

Tausendsassa King Rocko Schamoni und seine Band Mirage bringen das Publikum im Lido am Samstagabend zum Tanzen, Lachen und Mitsingen. Victor Buzalka erlebte ein musikalisch vielseitiges und sehr selbstironisches Nostalgiekonzert.

 

Das illustre Ü-35 Publikum hat das Lido am Schlesischen Tor in Kreuzberg gegen 20 Uhr noch gar nicht ganz betreten, da legt der Entertainer, Musiker, Autor, Schauspieler, Clubbetreiber, Komiker und Satiriker Rocko Schamoni mit seiner achtköpfigen Band "Mirage" bereits voll los. Man will gar nicht genau wissen, wie das etwas heruntergekommene Tanzlokal bei Tageslicht eigentlich aussieht. Bei dem schummrigen Licht in blau und magenta, unter einer riesigen Diskokugel fühlen sich die Gäste auf dem sehr abgenutzten Holzparkett sichtlich wohl und freuen sich auf einen Abend voller Soul, Schlager und Unterhaltung.

Der Tausendsassa King Rocko Schamoni spielt an diesem Samstagabend den großen Vermittler - zwischen seiner quasi Big-Band und dem Fanpublikum, sowie zwischen seinen nachdenklichen Chansons und den eher klamaukigen Schlagern.

Rocko Schamoni, Musiker, Schrifsteller und Entertainer, aufgenommen in seiner Wohnung. Schamoni veröffentlicht ein neues Album auf dem er unter anderem auch den Tod seiner Vaters verarbeitet. (Quelle: dpa/Axel Heimken)
Bild: dpa/Axel Heimken

Der schwere Duft der Anarchie liegt in der Luft

Es ist der zweite Abend der Tour, auf der das - nach längerer Pause - neu erschienene Soloalbum "Musik für Jugendliche" von Rocko Schamoni präsentiert wird. Obwohl das Hamburger Publikum am Vorabend nach eigenen Angaben natürlich viel geiler gewesen sei, verspricht Schamoni dennoch eine erotische "Bodynight" mit echten urbanen "City-Gefühlen".

Der Entertainer tänzelt, singt, erzählt, säuselt, macht große Gesten und posiert ausdrucksvoll zu seinen Songs. Dabei kommen sowohl die melancholischen und souligen Lieder vom neuen Album, wie "Dein Gesicht" und "Der Weg hinab", als auch ältere Hits, wie das sozialkritische "Geld ist eine Droge" und das zynische "Leben heißt sterben lernen" bei den Gästen sehr gut an. Das bunt gemischte Publikum tanzt, singt und freut sich lautstark über die Showeinlagen des Entertainers.

Und wenn Schamoni vor seiner Band, in einer kurzen Atempause, einen Schluck Bier trinkt und eine Zigarette raucht, schimmert auch mal der alte (Dorf-)Punk durch, in seinem schwarzgrauen Haar.

Wer nicht mitmacht, der kann nur langweilig oder Hannoveraner sein

Dafür, dass neun Musiker und Musikerinnen auf der Bühne stehen und der Frontmann Schamoni, der die Band impulsiv anleitet und immer wieder unterbricht, weder gut singen noch "dirigieren" kann, ist der Sound wirklich gut an diesem Abend im nicht ganz ausverkauften Lido. "Der Gesang ist doch scheißegal, wenn ihr so weitertanzt und euch so küsst", ruft Schamoni an einer Stelle ins Publikum und fordert die Gäste dazu auf, sich doch einfach auf den Boden zu legen und rumzumachen.

Überhaupt nutzt Schamoni jede Gelegenheit, um mit dem Publikum und seiner Band zu interagieren und einen weiteren selbstironischen Spaß anzubringen. Dass es sich dennoch um ein ernstzunehmendes Konzert handelt, wird einem spätestens bei den virtuosen Soli des hervorragenden Mirage-Ensembles oder bei den ausgiebigen Mitsingchören klar, bei denen erst nicht alle, dann aber - nach Schamonis Überredungskünsten - doch alle gerne das politische "Wehre dich gegen den Staat" mitkreischen.

Eine Polonäse der Gewalt zum Abschied

Angeblich verarbeitet Schamoni mit seinem neuen Album unter anderem den Tod seines Vaters, der während der Aufnahmen starb und befasst sich ferner mit der eigenen Vergänglichkeit und dem Älterwerden. Diese tiefgründigen und melancholischen Seiten gehen bei dem Tanz- und Mitsingkonzert etwas unter. Aber es gehört wohl zum Charme des norddeutschen Unterhalters, dass er auch ernsthafte Themen immer mit einem Augenzwinkern und einer eingängigen Schlagermelodie versieht.

Schamoni rückt seine Brille an diesem Abend ungefähr zweihundertmal selbstironisch zurecht, feuert sein ratlos applaudierendes Publikum ganz beseelt an und wünscht sich "eine Polonäse der Gewalt, rund um den großen Michel mit dem Glas oben", womit er wohl den Fernsehturm am Alexanderplatz meint. Bevor sich das Publikum auf den Heimweg, "Richtung Prenzlauer Berg" macht, singen alle gemeinsam und freudig: "Die Sonne geht auf und die Erde geht unter. Ganz oben steht der Mond - und er schaut jeden Tag auf die Erde herunter".

Das Cover des Albums «Musik für Jugendliche» von Rocko Schamoni (undatierte Aufnahme). Seit 06.09.2019 hat Multitalent Rocko Schamoni nach langer Pause ein neues Soloalbum draußen. Darin befasst er sich mit der eigenen Vergänglichkeit - und dem Tod seines Vaters, der während der Aufnahmen starb. (Quelle: dpa/Bildfunk)
Bild: dpa/Bildfunk

Beitrag von Victor Buzalka

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