Dieter Bohlen am 31.8.19 in der Berliner Zitadelle (Bild: DEAG Concerts)
Bild: DEAG Concerts

Konzertkritik | Dieter Bohlen in der Spandauer Zitadelle - Mega-Schnack mit Schnuckelhasen

Rund 10.000 Menschen wollten am Samstagabend Dieter Bohlen sehen und hören - und erlebten einen unterhaltsamen Abend in der Zitadelle. Der DSDS-Chef sang sogar, überzeugte aber vor allem mit seinem Supertalent zum Schnacken. Von Hans Ackermann

"You can win if you want" - jeder kann ein Sieger sein! Mit diesem aufmunternden Motto eröffnet Dieter Bohlen das Konzert, presst in seiner typischen Mischung aus Kopfstimme und Sprechgesang den Text heraus. Ganz so, wie man ihn in den 1980er-Jahren an der Seite von Thomas Anders bei "Modern Talking" hören konnte - Anders vorn, Bohlen gesanglich immer schön im Hintergrund.

"Totaaale" Redseligkeit in der Zitadelle

An diesem Abend nun ist Bohlen aber der Frontmann, doch steht er trotzdem nicht allein an der Rampe: Er hat "Joel" dabei. Ein "Mega-Sänger", wie Dieter Bohlen später dem Publikum noch erzählen wird. Beide weichen an diesem Abend nur selten voneinander, präsentieren zusammen "Synchron-Singen" in Vollendung. Mächtige Beats, ein dröhnender Bass und ein erfahrener Tonmeister lassen diesen Doppelgesang dann gekonnt im Live-Sound untertauchen.

Aber ob und wer und wie hier einer singen kann oder nicht, ist letztlich gar nicht die richtige Frage, will man den Erfolg von Dieter Bohlen verstehen. Denn für das, was nach dem ersten Lied kommt, braucht Bohlen dann kein Double. Was jetzt kommt, ist sein eigentliches Talent, hier schwimmt er wie ein Fisch im Wasser: beim Reden. Das Reden und das Erzählen, in einer gewinnenden, gern großspurigen, immer charmanten Haltung - in Norddeutschland nennen wir so einen wie Bohlen einen "Schnacker" - und das kann man nicht lernen, das ist eine Gabe.

"Hallo Schnuckelhasen" ruft Dieter Bohlen also zur Begrüßung in das Publikum und nennt den Aufritt hier in Berlin "ein Wunder". Er freue sich "totaaal" und dehnt dabei das "a" so lässig in die Länge, wie es eben nur Norddeutsche können. Geboren 1954 in Ostfriesland, lebt Bohlen ja bekanntlich in einem kleinen Dorf bei Hamburg. Tötensen heißt der Ort, wie man sogar bei Wikipedia nachlesen kann - und dort sprechen wirklich alle so wie Dieter Bohlen.

Erinnerungen an den Kalten Krieg

"Ich singe für Euch, nicht für die Kritiker, die immer was zu meckern haben" - so steckt Bohlen an diesem Abend dann die Fronten ab. Beim nächsten Lied "Love me on the rocks", beginnt er sogar mitten im Gewummer zu reden. Erzählt, dass er den Song "damals in der DDR" auch immer schon gern gesungen habe. Dazu gibt es auf den beiden großen Videoleinwänden Bilder von Tourneen im ehemaligen "Ostblock". Bohlen vor der Weltzeituhr in Ost-Berlin, Porträts von Lenin und Marx-Büsten, Bohlen auf dem Roten Platz in Moskau. In Russland, so heißt es, werden Bohlen und Modern Talking bis heute verehrt.

Dieter Bohlen und Band am 31.8.19 in der Berliner Zitadelle (Bild: DEAG Concerts)

Die exzellente Band, die Bohlen für diesen Abend zusammengestellt hat, besteht aus richtig guten Musikern. Leider geht diese Qualität oft im Bumm-Bumm des gnadenlosen "Eurobeats" unter. Zum Glück bringt die erste Ballade des Abends dann ein wenig Ruhe in den Hof. "Call my name" heißt das Lied, geschrieben von Dieter Bohlen für seinen Schützling Pietro Lombardi, der damit 2011 die  Castingshow "Deutschland sucht den Superstar" gewonnen hat. Bohlen singt an diesem Abend viele solcher von ihm für andere komponierte Siegertitel. Lieder, die einst von Mark Medlock oder Alexander Klaws gesungen wurden. Klaws ist in diesem Sommer bei den Karl-May-Spielen in Bad Segeberg immerhin in der Rolle des Winnetou zu sehen - ein guter Sänger, der eine Musical-Karriere geschafft hat.

Minderwertigkeitskomplexe eines Multi-Millionärs

Später flimmert dann auch Götz George über den Videoschirm. Für seine Rolle als "Schimanski" in einem ARD-"Tatort" von 1986 hat Bohlen seinerzeit den Song "Midnight Lady" komponiert. Bevor er das Lied an diesem Abend singt, gibt es wieder die passende Anekdote. Mit den Noten für diesen Song sei er extra zu Rod Steward nach London geflogen. Der habe aber abgelehnt, und so habe er Chris Norman, den Sänger der Band "Smokie" gefragt - "Naja, die beiden klingen ja fast ähnlich".

Die schnoddrigen, oft gehässigen Kommentare, die Bohlen als Juror bei DSDS zum Besten gegeben hat, füllen Bibliotheken. Manch ein singendes Nachwuchstalent wurde damit nachhaltig aus der Fassung gebracht, "Gesangs-Tsunami der ersten Klasse", ist dabei noch ein harmloses Beispiel für Bohlens Sticheleien. Doch meint der Sänger-Juror bei all dem vielleicht immer auch sich selbst? In einem alten Interview mit Spiegel-TV hat sich Dieter Bohlen 1995 jedenfalls einmal als "arme, kleine Wurst" bezeichnet und von seinen "Minderwertigkeitskomplexen" gesprochen.

Mitleid muss man mit diesem Musik-Millionär aber nicht haben, immerhin steht er auf Platz 600 der reichsten Deutschen, mit einem Vermögen von geschätzen 250 Millionen Euro. Erworben mit  perfektem Entertainment, für das Bohlen an diesem Abend dann auch reichlich Applaus erntet. Nach mehr als zwei Stunden gibt es schließlich auch die alten Erfolgstitel  "Cheri, cheri, Lady" und natürlich "You’re my heart, you’re my soul" zu hören.

Mit Wundertuch gegen tropische Temperaturen

Das alles passiert bei über 30 Grad, weshalb die Menschen auf und vor der Bühne leichte Oberteile tragen - nur Bohlen behält über dem makellos weißen Hemd bis zum Schluss seine schwarze Jacke an. Die Hitze scheint ihm nichts auszumachen. Wie man überhaupt mit 65 noch so gut aussehen kann, dafür hat er sich natürlich auch eine kleine Schnackerei ausgedacht: Wer gesund aussehen will, erzählt er dem Publikum, brauche dafür nur ein "weißes Wundertuch". Gemeint ist ein Waschlappen, den er dabei hoch hält. Den solle man schön nass machen und sich dann "links und rechts zehn Mal in die Fresse hauen", das gebe diesen rosigen Teint. Noch Fragen, Leute?

Sendung: rbb88.8, 30.08.2019, 7 Uhr

Beitrag von Hans Ackermann

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12 Kommentare

  1. 12.

    Es war eine super Stimmung, die Band war großartig und er hat - wider allen Erwartungen seiner Gegner - live gesungen und das nicht schlecht :).
    Es hat echt Spaß gemacht und ich ziehe meinen Hut vor dem Allrounder Dieter Bohlen.

  2. 11.

    Ich war 1991 im Tempodrom (dem alten), als Dieter mit Blue System (Naddel im Background) auftrat. 10 DM hab ich damals gezahlt. Dabei muss ich gestehen, dass ich auch einer von denen war, die so taten, als wäre Modern Talking Scheiße und hatte zu Hause Platten im Schrank oder Cassetten im Auto.... :) Auch wenn ich mir heute davon nichts mehr kaufen würde; ein Mitsingen, falls mal was im Radio laufen sollte, ist garantiert. Aber mich freut auch, wenn ich hier lese, dass viele von dem Konzert positiv überrascht waren. Und ehrlich: jetzt ärgere ich mich doch etwas, dass ich nicht dabei war.

  3. 10.

    Ja, ich war auch dabei und ehrlich gesagt, hatte ich keine großen Erwartungen. Aber ich ziehe vor der Leistung von Dieter Bohlen einen Hut. Er hat eine tolle Show abgeliefert, hatte eine tolle Band mit einem tollen Sänger und hat überzeugt. Mit dieser Leistung kann er zurecht anderen sagen, was im Showgeschäft erwartet wird und man 100 % geben muss. Er hat es selbst bewiesen !!!! War toll und hat richtig Spaß gemacht dabei zu sein.

  4. 9.

    Es war Montag, der der 23.12.1985!! - Montags kam auf SFB2 nach den 22h Nachrichten die Sendung Musik Tendenz Progressiv - die habe ich immer aufgenommen und das Band weiterlaufen lassen - es waren C90´er !!
    Daher auch die Aufnahme der ARD-Musiknacht - die Nachfolgesendung des ARD-Nachtexpress bis morgens 4h.


  5. 8.

    Genau so, es gehörte zur Jugendzeit dazu. Egal, ob und wie damals das Liedgut vorgetragen wurde, wichtig ist, daß alles authentisch war. Und da hat Dieter Bohlen den Laden gerockt.
    Habe vorhin durch Zufall eine MC gehört mit einer Aufzeichnung der ARD-Musiknacht, des SFB2 vom 23.12.84 (84 muss es gewesen sein) mit Jürgen Jürgens als Moderator mit den Hits des Jahres. Diverse Lieder von MT wurden angekündigt, "Your'e My Heart...." als Maxiversion u. A. ist auf der Kassette drauf, neben Paul Hardcastle usw.
    Hat Spaß gemacht zu hören :-) und macht Spaß, die alten Sachen (Rock/Pop/Elektro) ganz oldschool auch noch auf Kassetten und Vinyl zu haben.
    Was ist schon MP3....... Bequem, aber ohne Charakter.

  6. 6.

    Ich war eine von den "Glücklichen", die dabei waren. War früher auch nie wirklich Fan, es war aber irgendwie auch der Sound meiner Jugend und ich bin aus Nostalgischen Gründen mitgegangen. Hab nicht viel erwartet vom Dieter und schon garnicht, dass er sogar tatsächlich singt! Und es war einfach MEGA,
    eine wirklich gute Show und überraschend gute Musiker, die den Dieter unterstützten.
    Euer Bericht ist voll zutreffend.

  7. 5.

    Ich kann den Bericht nur voll und ganz teilen. Das Konzert war große Klasse, Entertainment vom Feinsten. Natürlich war der Gesang keine Offenbarung, aber dafür eben live und kein Playback. Das fand ich echt stark, auch das neue Arrangement der alten Songs ist wirklich absolut zeitgemäß und richtig gut gelungen. Und auch die Band war absolute Extra-Klasse. Tolle Saxofon-Soli und "Joel" als stimmliche Unterstützung sowie großartiger Tanzdarbietung haben das ganze abgerundet. Die Stimmung war ebenfalls sehr gut und Bohlens Kniefall vor den Fans wirkte absolut authentisch. Ich werde das Konzert so schnell sicher nicht vergessen.

  8. 4.

    :-) wahre Worte wir hatten auch mit dieser Musik unseren Spaß, obwohl ich eigentlich auch eine andere Musikrichtung mochte.

  9. 3.

    Naja, D.B. hat in den 80 ern nur Vollplayback von der Bühne Pantomime gespielt.
    Er ist Kaufmann und verkauft sich.
    Konzerte via VPB muß man sich nicht geben.

  10. 2.

    Jo, man muss seine Musik und seine Art nicht mögen - aber Respekt zollen - das hat er sich verdient. Als Antifan von Modern Talking der Achtziger wäre ich trotzdem gerne dabei gewesen - einfach nur so - denn auch das gehört dazu - auch wenn man in den Achtzigern völlig andere Musikrichtungen gemocht hat und dies heute noch macht.
    Und dann noch in der Zitadelle - was ein Veranstaltungsort.
    Los Ihr Bohlen und Modern Talking-Fans - wo bleibt Ihr? Schreibt mal.... :-)

    Und seien wir doch mal ehrlich: bei dem einen oder anderen Lied hat doch JEDER schon bei ner Party, mit zwei/drei Bieren im Kopf, irgendeinen Refrain von Bohlen/Anders mitgesungen oder gar mitgebrüllt.......egal ob Rockabilly, Punk, Snob, Headbanger usw.


  11. 1.

    Danke für diesen Bericht aus der Zitadelle....muss ein unterhaltsamer Abend mit Dieter gewesen sein. Ein Glück für die, die gestern dort waren.

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