Archivbild: Christine Bovill bei einem Auftritt in Edinburgh. (Quelle: marionwaechter.de/Kris Kesiak)
marionwaechter.de/Kris Kesiak
Audio: Inforadio | 03.09.2019 | Ute Büsing | Bild: marionwaechter.de/Kris Kesiak

Konzertkritik | Christine Bovill in Berlin - Weitgehend schmucklos, wohltemperiert

Die Schottin Christine Bovill wurde mit französischen Chansons bekannt. Jetzt hat sie ihr neues Programm "You Belong to Me" in der Berliner Bar jeder Vernunft vorgestellt. Der Abend mit amerikanischen Jazz-Standards hat Ute Büsing überzeugt.

Eigentlich steht Christine Bovill nur da - in rostfarbener Samtjacke, darunter das kleine Schwarze, mit langer Perlenkette und verziertem Haarband, wie es einst "Flapper" genannte selbstbewusste Jazzladies trugen. Aber sie besingt ein neues Zeitalter, die Dekade von 1919 bis 1929 in Amerika, vor allem in New York, so beseelt, mit viel Vibrato, dass nach ein paar der kleinen Lieder von Cole Porter ("Let’s Do It, Let’s Fall in Love"), Irving Berlin ("Puttin' on the Ritz") und George Gershwin ("How Long Has This Been Going On") atmosphärische Dichte aufkommt.

Das liegt auch an Bovills klugen aufklärenden Moderationen, die das Zeitkolorit des amerikanischen Aufbruchs nach dem ErstenWeltkrieg und vor der Großen Depression punktgenau einfangen. Diese wilde Mischung aus "Höher, größer, weiter, schneller" und tiefen Abstürzen, aus neuen Freiheiten, auch durch das Frauenwahlrecht, und der Rückkehr des Ku Klux Klan und Rassendiskriminierung - auch gegen afroamerikanische Jazzmusiker.

Archivbild: Christine Bovill bei einem Auftritt in Edinburgh. (Quelle: marionwaechter.de/Kris Kesiak)
Christine Bovill bei einem Auftritt in Edinburgh. | Bild: marionwaechter.de/Kris Kesiak

Das Auf und Ab des amerikanischen Aufbruchs

Es ist ein bisschen so wie eine Geschichtsstunde im Jazzclub. Prallvoll mit Legenden. Die Schottin aus Glasgow huldigt den Literaten F. Scott Fitzgerald ("The Great Gatsby") und Dorothy Parker, den Jazzladies Bessie Smith und Josephine Baker, der Stummfilmikone Charlie Chaplin. Sie erzählt von deren Höhen und Tiefen wie vom Auf und Ab des amerikanischen Aufbruchs in eine neue Ära mit Automobil, Telefon, Filmindustrie, Broadwaymusicals, Jazzclubs.

Uraufgeführt hat Bovill das neue Programm, ihr erstes mit amerikanischen Songs, gerade erst beim Edinburgh Fringe Festival. Dort war die ehemalige Lehrerin zuvor bereits mit französischen Chansonprogrammen gefeiert worden. Jetzt, bei der Deutschlandpremiere von "Tonight You Belong to Me", hat die Sängerin in der Bar jeder Vernunft ein geneigtes Publikum vor sich, dass sie sich vor knapp zwei Jahren mit ihren Paris-Chansons erobert hatte. Den uramerikanischen Liedern vom Broadway und aus den Clubs in Harlem, wo schwarze Musiker für ein weißes Publikum spielten, haucht sie ebenso gekonnt neues Leben ein. Weitgehend schmucklos. Wohltemperiert.

Eigene Interpretation statt bloßer Cover-Songs

Das perlende Pianospiel ihres Begleiters Michael Bradey verstärkt und veredelt die intime Clubatmosphäre. Die beiden packen den Blues aus und beschwören die Prohibition, während der in New York 30.000 illegale Kneipen, florierten. Bei "Alcoholic Blues" umklammert Bovill eine Whiskyflasche, als wäre darin ihr Timbre eingeschlossen. Sie lässt die Harlem Renaissance wieder aufleben und das Musical "Showboat" mit dem durch Paul Robeson bekannt gewordenen Song "Ol’ Man River", den diese weiße Frau mit schwarzer Inbrunst interpretiert.

Christine Bovill covert nicht bloß, sie bleibt eigen. Auch im zweiten Programmteil, wo die Lady mit Chaplin-Hut und Bärtchen zum Tramp wird. Den Bart legt sie bald wieder ab, Chaplins "Smile" bleibt auf ihren Lippen. Für Berlin hat die schottische Sympathieträgerin sogar eine Strophe aus "Just a Gigolo" auf Deutsch einstudiert. Mit dieser Geste macht sich die wohltemperierte Schottin noch mehr Freunde.

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

Das könnte Sie auch interessieren