Deutsches Symphonie-Orchester Berlin: Oper konzertant - "Rusalka" von Antoni Dvorzak (Quelle: DSO/Kai Bienert)
Audio: Inforadio | 20.09.2019 | Jens Lehmann | Bild: DSO/Kai Bienert

Konzertkritik | Deutsches Symphonie-Orchester - Mit "Rusalka" eine Sternstunde zum Saisonbeginn

Es ist Ende September - da glaubt man doch, die Berliner Orchester sind schon mittendrin in der neuen Saison. Das Deutsche Symphonie-Orchester aber hat sich Zeit gelassen - um beim Saisonauftakt am Donnerstag mit einem Opernabend fulminant zu starten. Von Jens Lehmann

Soso. Das Deutsche Symphonie-Orchester will sich also in dieser Saison besonders mit der Musik von Dvorak beschäftigen. Was hat der Mann denn eigentlich noch komponiert außer seiner "Sinfonie aus der Neuen Welt" und sagen wir den "Slawischen Tänzen"? Was? Zehn Opern? Unglaublich. Dvoraks vorletzte, "Rusalka", steht an diesem Donnerstagabend auf dem Programm in der Berliner Philharmonie.

Robin Ticciati, der junge, charismatische Chef des DSO, hat die Oper gerade erst beim englischen Opernfestival in Glyndebourne dirigiert. Von dort hat er fast die gesamte Besetzung nach Berlin mitgebracht. Nur die Partie des Prinzen, dem die Nixe Rusalka verfällt, von ihm aber verstoßen und damit der Verbannung preisgegeben wird, sollte eigentlich Startenor Pavol Breslik übernehmen. Doch der musste krank absagen. Eine mittelschwere Katastrophe, ist doch die Partie alles andere als leicht zu singen.

Jahrhundert-Tenor aus dem Wohnwagen

Auftritt Klaus-Florian Vogt. Genau: der Jahrhundert-Tenor vom Grünen Hügel. Der hat gerade einen Berlioz-Abend mit dem Orchester der Deutschen Oper gesungen – und offenbar seinen Wohnwagen noch in der Stadt stehen. Ein Anruf genügt, und das DSO hat den Edel-Einspringer schlechthin, der dem Prinzen seinen Naturburschensound leiht. Klar, das Chorknaben-Image wird Vogt wohl nicht mehr los. Böse Zungen behaupten, bei ihm klänge alles gleich, da könne er auch Kochrezepte singen. Hier aber passt sein Ton perfekt. Dieser Prinz ist eben kein Fiesling, der Rusalka aus Boshaftigkeit vertreibt, sondern ein junger Mann, der schlicht mit seinen Gefühlen nicht zurande kommt - und sie schließlich mit dem Tod bezahlt.

Ihm gegenüber steht mit Sally Matthews eine stimmlich erstaunlich reife Rusalka. Diese Nixe weiß ziemlich genau, worauf sie sich einlässt, als sie die Hexe Jezibaba darum bittet, ihr Beine zu schenken, auch wenn sie dafür einen halben Akt lang verstummen muss und nach dem Scheitern der Liebe aus der Welt der Wasserwesen verstoßen wird. Matthews gestaltet dieses Sehnen nach Liebe und Menschlichkeit herzzerreißend - vor allem ihre dramatischen Ausbrüche gehen einem durch und durch.

Da bewegt sich doch was!

Aus dem brillanten Ensemble ragt noch der Bass Alexander Roslavets als Wassermann heraus - mal wütende Spukgestalt, mal verzweifelter Vater. Und sie alle werden vom Deutschen Symphonie-Orchester wie auf Händen getragen. Robin Ticciati ist überzeugt davon, dass das Opernspielen auch den Orchesterklang und die Flexibilität schärft.

Recht hat er, gerade bei diesem Dvorak. Und so schafft es der junge Brite auch, eine Art musikalische Oberflächenspannung herzustellen, unter der sich erst schemenhaft etwas bewegt. Später dann kocht und brodelt es richtig - sein Orchester lässt ganze Tsunami-Wellen darunter durchrollen. "Rusalka" wird zum aufregenden Seelendrama, weit weg von der symbolistischen Grübelei der Entstehungszeit.

Und wie schön ist das bitte, diese hochemotionale Musik, in die Dvorak alle seine Erfahrung aus den Sinfonien, aus den Tondichtungen, aber auch aus den großen Chorwerken hineingesteckt hat, und die sonst kaum aus den muffigen Orchestergräben der Opernhäuser dieser Welt hervordringt, endlich mal hautnah im Konzert zu erleben. Robin Ticciati schenkt seinem Publikum schon zum Saisonauftakt eine Sternstunde. Und man darf sich schon auf den nächsten Dvorak mit ihm freuen.

In Kürze gibt's Dvorak auch beim inzwischen traditionellen Symphonic Mob vom DSO - mit 1.000 Musikerinnen und Musikern in der Mall of Berlin.

Sendung: Inforadio, 20.09.2019, 6:55 Uhr

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