Archivbild: Angus Stone in einem Konzert. (Quelle: imago images/Oscar Gonzalez)
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Konzertkritik | Dope Lemon im Gretchen - Songs, die sich jeder Hektik entziehen

Eine Stunde lang konnte sich das Berliner Publikum im ausverkauften Gretchen zum psychedelischem Blues von Dope Lemon treiben lassen. Das Konzept funktioniert zwar auch live ganz gut - für einen Vollrausch reichte es aber nicht. Von Steen Lorenzen

Wenn Angus Stone mit seiner Schwester Julia Songs schreibt, sind sie tief verwurzelt in Folktraditionen. Die beiden haben daraus ihr eigenes Pop-Konzept gemacht. Und sind damit überaus erfolgreich. In Australien haben fast alle ihre Alben Platin-Status erreicht. Doch auch das größte Familienglück braucht hin und wieder eine Auszeit. Und so gehen die beiden regelmäßig getrennte Wege. Angus Stone lässt sich dann gerne treiben: mit seinem Projekt Dope Lemon Richtung psychedelischen Blues.

Gammeln, lieben, rauschen

Zunächst einmal funktioniert das Konzept auch live ganz gut: Man denkt an JJ Cale oder Devendra Banhart, wird von einem fetten Bass durchdrungen, von einer Mundharmonika weggeblasen, und Angus Stone spielt sich lässig an seiner Gitarre durch die ersten Songs. Er pfeift sogar hin und wieder, als wäre jetzt gleich Zeit für einen Spaghetti-Western. 

Tatsächlich sieht Angus auch ein bisschen so aus, als wäre er gerade auf einem Pony - einem kleinen wohlgemerkt, denn groß ist Angus nicht - durch die Wüste bis ins Gretchen geritten. Schnell noch den Sand abgeklopft, und da ist er dann mit schwarzem Hut, mit vollem, dunklem Bart auf der Bühne und sagt nicht viel und singt dafür mit umso mehr Hall- und Echo-Effekt auf der Stimme über das Gammeln, über Liebe, die kommt und geht, und immer wieder über den Drogenrausch.

Archivbild: Angus Stone bei einem Konzert. (Quelle: imago images/Oscar Gonzalez)
Bild: imago images/Oscar Gonzalez

Coole Slacker-Musik

Während die beiden Alben von Dope Lemon dazu einladen, sich treiben zu lassen, bleibt beim Konzert dieser Drift-Effekt leider aus. Angus Stone hat es auf "Honey Bones" und zuletzt auch auf "Smooth Big Cat" verstanden, die Türen zu öffnen. Seine Songs, die meistens schon nach wenigen Momenten eine Struktur haben, an der sich dann kaum etwas ändert, leben von einer unwiderstehlichen Coolness. Sie funktionieren als Ausstieg aus dem Alltag wunderbar, entziehen sich jeder Hektik. In ihnen steckt die Attitüde des Slackers, der sich aller Produktivität verweigert. Angus Stones Fans identifizieren sich so sehr mit dieser Botschaft, dass das Bandmaskottchen - eine lächelnde Zitrone - mittlerweile als Tatoo die Runde macht.

Raum für Ausschweifungen nicht genutzt

Die Alben sind aber auch Steilvorlagen für epische Live-Versionen, in denen Musiker mal so richtig loslassen können, sich verirren dürfen. Es gibt reichlich Raum für ausschweifende Soli. Doch an zügellosen Momenten mangelt es beim Dope Lemon-Konzert. Den konsequentesten Blues-Part hat dabei noch der Mundharmonika-Spieler im Hintergrund. Der Lead-Gitarrist spielt sich nur einmal am Ende des Sets kurz frei. Und auch Angus Stone hätte aus seinen Mantra-ähnlichen Rausch-Gedichten noch viel mehr machen können. Stattdessen geht er zuweilen in seinen Effekten etwas unter. Das Konzert ist denn auch nach gut einer Stunde und nach einer Zugabe bereits zu Ende. Zu wenig für einen Vollrausch.

Sendung: radioeins, 18.09.2019, 5:00 Uhr

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