Archivbild: Pierre Boulez Saal: Streichquartett der Staatskapelle mit Elisabeth Leonskaja; © Monika Rittershaus
Monika Rittershaus
Audio: Inforadio |10.09.2019 | Jens Lehmann | Bild: Archivbild: Monika Rittershaus

Konzertkritik | Kammermusik im Pierre-Boulez-Saal - Vier Bs für eine Saisoneröffnung

Der Pierre-Boulez-Saal geht erst in seine vierte Saison – und ist aus dem Berliner Konzertleben nicht mehr wegzudenken. Am Montag wurde die neue Saison großartig eröffnet. Einzig Hausherr Barenboim am Klavier war nicht sehr dialogfähig. Von Jens Lehmann

Okay, nochmal zum Mitschreiben: Daniel Barenboim ist 76 Jahre alt. In dem Alter wird manch einer schon durch Altenheimflure geschoben. Barenboim dagegen hat am Wochenende die erste Hälfte von Wagners "Ring des Nibelungen" dirigiert - "Rheingold" und "Walküre" machen zusammen fast sechs Stunden Musik. Jetzt, am dritten Abend, sitzt er als Pianist inmitten des ausverkauften Pierre-Boulez-Saals und begleitet mal eben den wunderbaren Radek Baborak bei Beethovens Hornsonate. Jubiläum, ick hör dir trapsen.

Barenboim zockt das vom Blatt

Ob er noch schnell jemanden durchgeschüttelt und angeschrien hat, ist nicht bekannt. Ob er dazwischen überhaupt noch zum Proben gekommen ist, ehrlich gesagt, auch nicht. Sagen wir es, wie es ist: Barenboim zockt das vom Blatt. Eigentlich sollen sich Horn und Klavier in Beethovens Werk umgarnen oder gegenseitig anstacheln. Aber so sehr sich Baborak, der ehemalige Solo-Hornist der Berliner Philharmoniker, auch müht: Barenboim ist - mancher wird sagen: auch hier - nur wenig dialogfähig.

Zu sehr ist er damit beschäftigt, sich nicht zu verspielen. Während sich das Horn also zwischen Jagd-Ruf und leise fragendem Unterton im kürzesten Adagio der Musikgeschichte ins Herz der Zuhörer spielt, pflügt Barenboim mit viel Pedal durch dieses erste Stück - und muss zum Schluss fast schon in eine kleine musikalische Verzögerung gezwungen werden. Wie schade!

Da ist man fast froh, wenn der Chef sich dann doch mal eine Pause gönnt. Als zweites Werk des Abends steht Bartoks Sonate für zwei Klaviere und Schlagzeug auf dem Programm. Warum hört man diese geniale Musik nur so verflucht selten? Ja gut, die Antwort gebe ich mir selbst: Die Besetzung ist halt sehr ungewöhnlich. Nicht jeder hat mal eben so zwei Konzertflügel und genügend Schlagwerk parat - und zudem ein eingespieltes Team, das diese hanebüchen schwere Musik fehlerlos auf die Bühne bringen kann. Das Boulez-Ensemble kann so etwas.

Bartok lässt Herzen höher schlagen

Die beiden Pianisten Denis Kozhukhin und Michael Wendeberg sitzen da Dominic Oelze und Lef Loftus an Pauken, Trommeln, Becken, Xylophon und Gong gegenüber. Und ab geht die wilde Fahrt. Nur einer der beiden Klavierparts würde einen Normalsterblichen schon an den Rand seiner Möglichkeiten bringen. Doch hier spielen sich zwei Ausnahmepianisten in halsbrecherischem Tempo die Motive zu, das Xylophon übernimmt und übergibt weiter an die Pauke, die beiden Schlagzeuger tauschen schnell die Schlegel aus, damit der eine innerhalb von Sekunden noch die Becken schlagen kann - es ist einfach herrlich, diesen Musikern beim Spielen zuzusehen. Und dazu dieser Rhythmus! Bartok lässt mir das Herz eine halbe Stunde lang bis zum Hals klopfen.

Nicht minder virtuos geht es dann nach der Pause bei Musik von Pierre Boulez zu. Der ist nicht nur Namensgeber dieses irrsinnig schönen Saals, sondern war auch einer der wichtigsten Partner von Daniel Barenboim. Sein "sur incises" für drei Klaviere, drei Harfen und drei Schlagzeuger ist die logische Weiterentwicklung des Bartok-Sounds vor der Pause - und schon eine liebgewonnene Tradition. Das Stück gehört zum Kernrepertoire des Boulez-Ensembles und steht immer wieder auf dem Programm des Boulez-Saals. Ist ja auch ein großartiges Glockengeläut!

Barenboim ist übrigens auch wieder auf der Bühne und dirigiert das Stück augenzwinkernd - als könnte er tatsächlich keiner Fliege was zuleide tun. Mit den vier großen Bs, Beethoven, Bartok, Boulez und Barenboim, eröffnet der schon nach wenigen Jahren wichtigste Kammermusiksaal Berlins seine Saison. Und auch ich kann mich der Aura dieses Ortes nicht entziehen - und will immer noch mehr moderne Musik dort hören.

Sendung: Inforadio, 10.09.2019, 06:55 Uhr

Beitrag von Jens Lehmann

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