Dirigent Sir Simon Rattle am 30. Juni 2018 (Quelle: PA Wire/Doug Peters)
Audio: Inforadio | 12.09.2019 | Jens Lehmann | Bild: PA Wire/Doug Peters

Konzertkritik | Sir Simon Rattle beim Musikfest Berlin - Rattles Rückkehr wird zum Triumph

Die Rückkehr des Sir Simon Rattle! Dieses Gefühl bekamen am Mittwoch viele Besucher des Konzerts des London Symphony Orchestra beim Musikfest Berlin. Für Jens Lehmann war der Abend aber viel mehr als das.

Konzerte wie dieses machen mich sprachlos. Irgendwie doof für einen Kritiker, ich weiß. Aber ich finde eben erst nach einer ganzen Weile Worte dafür, was ich gerade erlebt habe. Und wo soll ich bloß anfangen? Beim Schluss, der langen Stille nach diesem überirdischen Streicher-Choral von Messiaen, kurz bevor der Jubel losbricht? Oder gehe ich lieber ganz an den Anfang, als Simon Rattle die Bühne betritt und von diesem besonders warmen, prasselnden Sommerregen-Applaus begrüßt wird, den in der Philharmonie nur ehemalige Chefdirigenten bekommen? Schon da ist klar: Die Menschen sind seinetwegen hier. Und lassen sich eben nicht wie in anderen Konzerten beim Musikfest vom Programmzettel abschrecken.

Abrahamsen und Messiaen stehen da drauf - Werke aus den Jahren 2013 und 1991. Sonst nichts. Kein Beethoven. Kein Mahler. Rattle kommt - und macht sich mit seinem Namen für die Moderne stark. Das ist großartig, und er kann sich dafür keine bessere Partnerin wünschen als die kanadische Sopranistin und Dirigentin Barbara Hannigan. Diese Frau ist ein Naturereignis - diese Stimme, diese Bühnenpräsenz - einfach atemberaubend. In keinem anderen Werk kann man das mehr genießen als in "Let me tell you", einem Lieder-Zyklus auf die wenigen Worte der Ophelia in Shakespeares Hamlet. Der dänische Komponist Hans Abrahamsen hat ihn Hannigan auf den Leib geschrieben.

Hannigan ist ein Naturereignis

Niemand sonst kann diese zarten, hohen Töne wie aus einem verborgenen Riss im Raum-Zeit-Kontinuum holen, sie wie nach Worten ringend immer wieder nachstoßen, wie es in der Musik der Renaissance üblich war, sie aufblühen und wieder ersterben lassen. Niemand sonst kann dieses letzte Aufflackern von Hoffnung und Leidenschaft und das traurige Verlöschen so körperlich erfahrbar machen. Zum Schluss verhallen Ophelias Schritte im Schnee - in einer Winterlandschaft der Seele. Und ich hab Gänsehaut am ganzen Körper.

Es wirkt so, als fordere Simon Rattle in diesem Konzert seine "Ex" gleich doppelt heraus. Schließlich waren es die Berliner Philharmoniker, die "Let me tell you" einst in Auftrag gegeben haben. Damals folgte unter Andris Nelsons Brahms' Vierte. Und auch heute würde wohl niemand auf die Idee kommen, in einem Abo-Konzert der Philharmoniker gleich noch ein Werk von Oliver Messiaen hinterher zu schieben. Simon Rattle zeigt mit seinen Londonern, dass sowas sehr wohl funktioniert.

Sphärenharmonien und Vogelgezwitscher

Messiaens "Éclairs sur l’Au-Delà" - diese "Streiflichter über das Jenseits" - dauern eine Stunde und umfassen alles, was die Musik dieses Jahrhundertkomponisten ausmacht. Sphären-Harmonien treffen auf Vogelgezwitscher und fernöstliche Rhythmen. Aber nicht so verspielt wie in seiner viel bekannteren Turangalila-Symphonie - sondern mit heiligem Ernst. Schließlich hat der streng-religiöse Komponist sein Werk an der Offenbarung des Johannes entlangkomponiert.

Es ist zum Frommwerden, so schön spielt das London Symphony Orchestra diese Musik. Von apokalyptischen Engelserscheinungen bis hin zu den eingangs erwähnten himmlischen Chorälen.

Und Rattle hat ihn endlich gefunden: seinen Klang. Den, den er in seiner Berliner Zeit immer gesucht hat: hell, sehnig, präzise. Perfekt für diese lichtdurchflutete Musik. So wird seine Rückkehr an die alte Wirkungsstätte zu einem Triumph. Und ich weiß nach diesem Abend gar nicht so recht, wohin mit meinen Gedanken. Immerhin: Ein paar Worte habe ich noch gefunden.

Beitrag von Jens Lehmann

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

1 Kommentar

  1. 1.

    Für manche ist Musik eben ein intellektueller Klimperkasten mit schwer nachzuvollziehendem esoterischem Hintergrund.

    Wie gut, dass für mich kleinem Dummen, Musik noch etwas mit Gefühl zu tun hat

    Aus diesem Konzert bin ich völlig gefühllos heraus gekommen. Aber ich zähle mich auch nicht zur musikalischen Avantgarde.
    Herr Rattle mag ja technisch versiert sein. Seine Musikauswahl
    Nicht.

    Die lobenden Kommentare der kunstbeflissenen schreibenden Garde kann ich nur müde belächeln .

    HURZ!!


Das könnte Sie auch interessieren

Sängerin Lizzo bei einem Konzert in London im November 2019.
www.imago-images.de

Konzertkritik | Lizzo in der Columbiahalle - Sterile Schubladensprengung

Spätestens ihre Single "Truth Hurts" katapultierte Lizzo dieses Jahr in die Liga der Superstars. Während sie im Juni noch im Festsaal Kreuzberg auftrat, füllte sie am Donnerstagabend schon die Columbiahalle. Ein vielseitiger Abend - mit Widersprüchen. Von Dave Rossel