Szenenfoto aus "The Black Rider. The casting of the magic bullets" von Tom Waits, William S. Burroughs und Robert Wilson im Staatstheater Cottbus: (oben) Markus Paul (Wilhelm) und (unten) Gunnar Golkowski (Robert) (Bild: Marlies Kross)
Audio: Inforadio | 16.09.2019 | Sylvia Belka-Lorenz | Bild: Marlies Kross

Theaterkritik | "Black Rider" im Staatstheater Cottbus - Leistungsschau der Theatertechnik

Das Musical "Black Rider" - die Musik ist von Tom Waits, die Texte von William S. Burroughs - sorgte bei seiner Uraufführung vor 30 Jahren für Begeisterung. Nun feierte das Stück in Cottbus Premiere - und wurde viel zu aufwendig inszeniert, meint Kulturredakteurin Sylvia Belka-Lorenz.

Was man Regisseur Malte Kreutzfeld nicht vorwerfen kann, ist, dass er irgendetwas ausgelassen hätte. "Black Rider" im Cottbuser Staatstheater ist eine Leistungsschau der Theatertechnik. Es kracht, es knallt, es pufft. Es gibt nichts und niemand, der nicht an irgendeiner Stelle des Stücks vom Schnürboden durch die Lüfte gezogen würde. Ein Bravo für die Technikabteilung, für Requisiteurinnen, Bühne, Licht, Maske und Werkstätten. Was sie an diesem Premierenabend leisten, ist eine Messe.

Eine Rockoper um Macht, Drogen, Sex und Gewalt

"Black Rider" ist eine Rockoper auf der Basis von Webers "Freischütz". Der US-amerikanische Regisseur Robert Wilson war Ende der 80er in Hamburg auf den Stoff gestoßen. Der kalifornische Sänger Tom Waits, damals gerade 40, war zufällig in der Nähe und wollte sich, auf dem ersten Gipfel seines Erfolgs, ohnehin mehr der Oper widmen. Das Libretto dafür konnte eigentlich nur von William S. Burroughs kommen, dem durchgeknalltesten aller Autoren der Beat-Generation, der auch noch die passende Lebenserfahrung mitbrachte: Er hatte einst versehentlich seine Ehefrau erschossen, als er im Drogenrausch Wilhelm Tells Apfelschuss nachspielen wollte. Die kurze szenische Anspielung darauf freut zumindest die Insider.

Von Webers "Freischütz" ließen die drei kaum etwas übrig, sondern bedienten sich nach Leibeskräften bei der zugrundeliegenden Volkssage über die Försterstochter Käthchen und den jungen Literaten Wilhelm. Um Käthchen zu bekommen, muss Wilhelm sich im Schießen beweisen. Das wird er, das ist nun auch ohne Freischütz-Vorkenntnisse zu ahnen, nicht können - jedenfalls nicht ohne die Hilfe von irgendetwas Illegalem. Das Trio Waits/Burroughs/Wilson hat das zur Drogen-Allegorie umgedeutet. "Black Rider" ist der attraktive Bösewicht, der dem guten Wilhelm die "Magic Bullets" anbietet - die magischen Kugeln, die immer treffen, aber natürlich ihren Preis haben. Von da an wird es in dem Stück kaum mehr ums Schießen gehen, sondern um Macht, um Sex und Drogen, um Verführung und Gewalt.

Szenenfoto aus "The Black Rider. The casting of the magic bullets" von Tom Waits, William S. Burroughs und Robert Wilson im Staatstheater Cottbus: Sigrun Fischer (Stelzfuß) mit einer Eule (Bild: Marlies Kross)
Lebende Eule auf der Bühne | | Bild: Marlies Kross

Was in Kiel gut ankam, geht in Cottbus nicht auf

Regisseur Malte Kreutzfeld hat das Stück vor Jahren sehr ähnlich schon einmal in Kiel inszeniert. Das kam dort gut an. Und das funktioniert in Cottbus leider so nicht. Das liegt nicht daran, dass sich auf großer Bühne die gesanglichen Grenzen der Schauspieler offenbaren: Sechs für sich fabelhafte Musiker, die man in der Orchesterwanne versenkt, können sich die Seele aus dem Leib spielen und trotzdem klingt das nicht nach Tom Waits, der eine durchgeknallte, in den musikalischen Stilen wütende, nach Whiskey riechende Musik komponiert hat.

Von der Oper über Exzess und Abgrund ist hier wenig übrig. Die Schauspieler kämpfen tapfer mit den Songs und den eigenwilligen Texten, die sich, wie von den Schöpfern gewollt, zwischen Schüttelreim und Lothar-Matthäus-Denglisch bewegen. ("Easy said - but schwer getan!", "Wer so gut mit der Flinte kann, der trifft auch gut als Ehemann."). Gunnar Golkowski und Thomas Harms erspielen sich eigene kleine Etüden, die wenigstens einen Hauch von Suff und Waits atmen. Sigrun Fischer ist herausragend als hinkender, fliegender, steppender Black Rider: intelligent, ironisch, irre und zu Recht vom Publikum gefeiert. Alles andere scheint trotz der vielen Mühe nervig, ziellos und vor allem viel, viel zu aufwendig.

Ein freundliches Singspiel

Auf dieser Bühne agiert allein die arme Eule existentiell, die aus nicht nachvollziehbaren Gründen dekorativ auf Schauspielerinnen und im Bühnenbild sitzen muss. Das majestätische Tier hat offensichtlich eine Heidenangst und will einfach nur weg.

Der Schluss ist eigentlich ganz schön, denn die Betrügerei mit den gezinkten Kugeln geht natürlich nicht gut. Die letzte Kugel lenkt der Black Rider gegen Wilhelms Liebste. Käthchen stirbt (wie einst in Kiel) einen langsamen Bühnentod mit viel Theaterblut, der verführte Bösewicht fährt zur Hölle.

Vielen im Premierenpublikum gefällt der zumindest kurzweilige Abend sehr gut. Der Eule und der Kritikerin nicht. Das gleiche Stück, die gleiche Besetzung nebenan in der Kammerbühne und mit dem Bildertheater von Schauspielchef Jo Fabian, der das alles schließlich zu verantworten hat: Das hätte das Zeug für Rock’n’Roll gehabt. So ist es ein freundliches Singspiel geworden.

Sendung: Kulturradio, 16.09.2019, 07:45 Uhr

Beitrag von Sylvia Belka-Lorenz

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

Das könnte Sie auch interessieren