Collage: Das Publikum feiert und macht Selfies beim Lollapalooza Festival Berlin. (Quelle: dpa/Pedersen)
Audio: Inforadio | 08.09.2019 | Raffaela Jungbauer | Bild: dpa/Pedersen

Kommentar | Lollapalooza Berlin 2019 - Das Smartphone wird zum Headliner

Glitzer, Chart-Musik, Selfie-Alarm: Das Lollapalooza hat am Wochenende Zehntausende in den Berliner Olympiapark gelockt. Dabei braucht man für dieses Musikfestival ziemlich starke Nerven - und einen Hang zur Selbstdarstellung. Ein Kommentar von Jenny Barke

Eigentlich muss man gar nicht auf dem Lollapalooza gewesen sein, um es erlebt zu haben. Genauso gut wie die 85.000 Feiernden kann man das Festival nachempfinden, wenn man sich auf Instagram umschaut: #Lollapaloozaberlin #Selbstinszenierung #Iovemylife

Schnell entsteht der Eindruck, dass die vier Bühnen am Olympiastadion nur als Hintergrund dienen für Schmollmünder, Glitzerwangen und eingedrehte, hüftlange Haare. Die Besucher trotzen den herbstlichen Temperaturen in ihren knappen Shorts und Bikinioberteilen. Der Trend geht zu Netzstrumpfhosen. Frieren fürs Netz.

Besucher machen während eines Konzerts beim zweitägigen Musikfestival Lollapalooza auf dem Gelände des Olympiaparks ein Selfie. (Quelle: dpa/Fischer)
Bild: dpa/Fischer

Liebes Internet, wir haben soviel Spaß!

An viel Haut ist grundsätzlich nichts auszusetzen. Was Festivals ausmacht sind die mutigen Ausbrüche aus der gesellschaftlich akzeptierten (Kleider-)Ordnung. Die Körper zu präsentieren als Statement gegen Konventionen mit all ihren Makeln. Männer in Röckchen und Frauen mit Speckröllchen. Wo wäre "eines der bekanntesten und beliebtesten Festivals" (Quelle: Die Lolla-Gründer) besser aufgehoben als auf dem Berliner Laufsteg?

Doch im ausverkauften Berliner Olympiapark verkehrt sich dieser eigentlich so positive Grundgedanke in sein verstörendes Gegenteil. Das Smartphone ist der eigentliche Headliner. Nur wer dem Netz zeigt, ich war hier und hatte Spaß, war auch wirklich da und hatte Spaß.  

#BillieEilish

Dazu passt der am Samstagnachmittag auftretende Shooting-Star Billie Eilish. Als die 17-jährige Kalifornierin die Bühne betritt, kennen ihre Fans kein Halten mehr. Wie Motten schwärmen sie in das Licht ihrer Show, jubeln und hyperventilieren und zücken wie ferngesteuert allesamt ihre Handys: #BillieEilish.

Die Sängerin, die von sich selbst in einem Interview sagte, dass sie mit 16 gestorben sei und danach als Billie Eilish wiedergeboren wurde, hat einen kometenhaften Aufstieg hinter sich. Ihr Debütalbum schoss an die Spitze der US-Charts. Eilish ist außerdem die drittmeist gestreamte Künstlerin auf Spotify und hat über 37 Millionen Follower auf Instagram. Ihren Erfolg hat sie ihrer perfekten Selbstinszenierung zu verdanken, die immer mehr Menschen verfolgen möchten.

Wer folgt, der wirbt

"Wie viele Follower hast du“, ist bereits Stunden zuvor die entscheidende Frage in der Warteschlange für die Pressevertreter. Instagram-Influencer werfen sich Zahlen an den Kopf, als würden sie Quartett spielen. Ab 50.000 werden sie interessant für das Lolla. Denn die Veranstalter freuen sich natürlich über die einflussreichen Köpfe, die das Festival besuchen und es im Netz verbreiten. Eine kostenlose Marketingkampagne, für die die Organisatoren auch gleich insta-freundliche Fotokulissen bereitstellen. Alles ganz natürlich gestellt: ein kunterbuntes Bällebad, mit floralem Gezier bepinselte Leinwände, pastellfarbene Stoffschleier, die im Wind wehen. Die mächtige Kulisse des Olympiastadions tut ihr Übriges.

Dabei ist die ungestörte Selbstinszenierung gar nicht so einfach, das Gelände ist proppevoll und man steht viel. Nur langsam schieben sich die Massen zwischen unzähligen Fressbuden und Merchandising-Ständen hindurch. Wer die Kloschlange überstanden hat, steht später an, um echte Euro in unechte Festival-Währung umzutauschen. Lolla-Dollar für #Foodporn und #Merch. Der Lolla-Besucher grinst selig und ertränkt die Platzangst: Je später der Tag, desto dichter das Gedränge und die Leute darin.

Politik funktioniert, wenn es Kondome gibt

Wobei es auf dem Lolla auch durchaus leer sein kann: Im "Grünen Kiez" zum Beispiel. Hier warten Freiwillige der Meeresschutzorganisation Sea Shepherd und der Klima-Bewegung Fridays For Future nämlich vergebens auf Publikum. Von ein paar Betrunkenen sei man zumindest schon mal angepöbelt worden, sagt einer der Organisatoren. Immerhin eine Gruppe Jugendliche, die über HIV aufklären wollen, werden oft und gerne besucht. Wegen der kostenlosen Kondome, die sie verteilen.

Das Lollapalooza-Festival entstand einmal aus der Idee heraus, Menschen mit Musik und zirkusartigem Flair zusammenzubringen. Der Zirkus an diesem Wochenende besteht vor allem aus Inszenierungen für Social Media. Jeder scheint vor allem mit sich selbst beschäftigt.

Komm, wir rappen auf dem Pick-up-Truck

Beitrag von Jenny Barke

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3 Kommentare

  1. 3.

    Ne, man muss nichts regulieren.

    Leben und Leben lassen.
    Und nicht immer der Vergangenheit hinterherjammern.

    Diese ganze Regulierungswut der Deutschen macht dieses ganze Land und unsere Stadt kaputt und langweilig.

  2. 2.

    Oh, ja - danke für diesen Kommentar. Vielleicht nicht mal nur für Lolla, sondern ein generelles Thema zu Konzerten.
    Ich denke, ich kann auf ca. 200 Konzertbesuche zurückblicken. Von Pink Floyd bis zur kleinen Indie-Band. Es gibt zwei Dinge, die mir die Wut in die Knochen fahren lassen. Tatsächlich diese Handy-Orgien. Wenn neben / vor DIr jemand permanent das Handy in die Luft hält und mitfilmt, zerstört Dir das die gesamte Stimmung und den optischen EIndruck. Und fast noch schlimmer: Leute, die auf ein u.a. sehr lautes Konzert gehen, weil halt mal laute Musik "Programm" ist. Und dann stehen sie hinter Dir, zu zweit, zu dritt und unterhalten (bzw. schreien) sich 10 - 20 Minuten. Wie kann man so blöd sein, auf ein Konzert zu gehen und das dann entweder durch seinen verwackelten Handy-Bildschirm zu erleben, oder meinen, man müsste die Bühne überstimmen, weil man sich mit Bekannten unterhält. Ich bin für Handy-Beschränkungen auf Konzerten!

  3. 1.

    Ich geh ja auf Konzerte der Musik und der Künstler wegen, und nicht um hunderte Selfies dort zu machen, oder das halbe Konzert mit dem Handy zu filmen. Insofern wäre ich bei diesem Festival fehl am Platze.

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