Andreas Nachama ist Direktor der Stiftung Topographie des Terrors in Berlin (Quelle: imago images/Stefan Boness).
Audio: Inforadio | 09.09.2019 | Anne Winter | Bild: imago images/Stefan Boness

Auszeichnung für Rabbiner - Andreas Nachama erhält Moses Mendelsohn Medaille

Mit der nach dem deutschen Philosophen Moses Mendelssohn benannten Medaille werden Persönlichkeiten ausgezeichnet die sich für Toleranz, Völkerfreundschaft und gegen Fremdenfeindlichkeit engagieren. Anne Winter stellt den diejährigen Preisträger vor. 

Andreas Nachama trägt eine Kippa, ein langes schwarzes Gewand und einen weißen Schal über den Schultern und betet. Allerdings steht der Rabbiner an diesem Tag nicht vor seiner Synagogen-Gemeinde Sukkat Schalom in Charlottenburg, sondern in einem Pavillon aus Holz und Glas auf dem Petriplatz an der Fischerinsel in Berlin-Mitte.

Seite an Seite mit Pfarrer Gregor Hohberg und Imam Kadir Sanci erläutert er den Gästen aus Politik und Gesellschaft, wie hier im zukünftigen "House of One" der Schulterschluss von drei Religionen geübt werden soll:  "Juden, Christen und Muslime gemeinsam, schon jetzt Tag für Tag in der Stiftung: Wir versuchen, nicht nur mit Toleranz, sondern mit Respekt miteinander umzugehen und ein Miteinander zu entwickeln, das diese Gesellschaft doch so sehr braucht." Religionen seien nicht dazu da, um zu trennen, sondern dazu, um zusammenzuführen, so Andreas Nachama. "Und dieses 'House of One' ist dafür das richtige Forum und der richtige Platz."

Hier auf dem Petriplatz soll das House of One, das erste Bet- und Lehrhaus, das gemeinsam von Juden, Christen und Muslimen gebaut und genutzt wird, entstehen (Quelle: imago images/Peter Meissner).
Auf der Fischerinsel entsteht das Dreireligionenhaus "House of One". | Bild: imago images/Peter Meissner

Nachamas Eltern überlebten den Holocaust

Seit 2015 ist Andreas Nachama als Vertreter für das Judentum in dem Sakralbau mit Synagoge, Kirche und Moschee tätig, für den im Frühjahr 2020 der Grundstein gelegt werden soll. "Also es ist ein Projekt, das in der jüdischen Gemeinde und Gemeinschaft eine große Resonanz hat und wo natürlich alle drauf hoffen." Frieden zwischen den Religionen sei ein hohes Gut, so Andreas Nachama. Wenn man das ein Stück befördern und herstellen könne, sei das natürlich für alle gut.

1951 wurde Andreas Nachama als Sohn von Holocaust-Überlebenden in Berlin geboren. Seine Mutter hat den Zweiten Weltkrieg versteckt in Berlin überstanden, sein Vater, der Kirchenmusiker Estrongo Nachama, wurde aus Thessaloniki nach Auschwitz deportiert und überlebte nicht nur dort, sondern auch später im Konzentrationslager Sachsenhausen.

"Vorteil, wenn unserer Gesellschaft bunter wird"

Als Direktor der Stiftung Topographie des Terrors beschäftigt sich der Sohn, der Geschichte und Judaistik an der Freien Universität Berlin studiert hat, seit 32 Jahren mit den Verbrechen der NS-Zeit - eine Zeit, aus der man viel lernen könne, meint Andreas Nachama, denn Politiker mit einer ähnlichen Gesinnung  gebe es auch heute: "Kein Land ist gefeit davor, Freiheit zu verspielen. Freiheit muss man jeden Tag neu erobern und bewahren, und das ist glaube ich die größte Lehre, die wir ziehen müssen." Demokratie habe man nicht, sondern Demokratie müsse man erkämpfen und wollen.

Wenn der 67-Jährige im November in den Ruhestand geht, wird er verstärkt für den interreligiösen Dialog werben: als Vorsitzender des deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit und als Rabbiner im "House of One". Mit seinen christlichen und muslimischen Mitstreitern will er auch Geflüchtete, die in ihren Herkunftsländern antisemitisch indoktriniert wurden, von den Vorzügen einer toleranten, offenen Gesellschaft überzeugen. "Ich persönlich glaube ja, dass es ein Vorteil ist, wenn unserer Gesellschaft noch ein bisschen bunter wird." Deshalb sehe er dem Ganzen nicht so skeptisch entgegen wie das andere tun. Aber: "Man muss sehen, wir müssen da alle viel leisten, und uns aufeinander zu bewegen und nicht voneinander weg."

In einer Reihe mit Stolpe und Barenboim

Für sein Engagement für Toleranz und Völkerfreundschaft und gegen Fremdenfeindlichkeit wird Andreas Nachama am Montag mit der Moses Mendelsohn Medaille geehrt. Der Preis ist nach dem deutschen Philosophen und Vertreter der Aufklärung im 18.Jahrhundert, Moses Mendelssohn, benannt und wird seit 1993 an Persönlichkeiten aus Politik, Gesellschaft und Kultur vergeben. Zu den bisherigen Preisträgern gehören unter anderem der ehemalige Brandenburgische Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD) sowie sein früherer Sächsischer Amtskollege Kurt Biedenkopf (CDU), aber auch Dirigent Daniel Barenboim und Verlegerin Friede Springer.

Hinweis: Dieser Text ist eine redigierte und leicht veränderte Fassung. Den Hörfunkbeitrag können Sie hören, wenn Sie auf das Abspielsymbol im oberen Bild klicken.

Sendung: Inforadio, 09.09.2019

Beitrag von Anne Winter

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