Ausstellungsansicht "original bauhaus" mit Oskar Schlemmer, Eröffnung am 06.09.2019 in der Berlinischen Galerie. (Quelle: Catrin Schmitt)
Audio: rbbKultur | 05.09.2019 | Maria Ossowski | Bild: Catrin Schmitt

Ausstellung in der Berlinischen Galerie - "Das Bauhaus kommt nicht aus dem Nichts"

Vor 100 Jahren wurde das Bauhaus gegründet, seine Designs werden heute weltweit gefeiert. Eine Ausstellung in der Berlinischen Galerie zeigt Hunderte von Originalen - und stellt die Frage, was ein Bauhaus-Original überhaupt ist. Von Maria Ossowski

Es ist im Bauhaus-Jubiläumsjahr eine Ausstellung, die zu den Idealen der berühmten Schule passt. Auf 1.200 Quadratmetern treffen wir in der Berlinischen Galerie auf alte Bekannte und entwickeln überraschende neue Sichtweisen auf eine Ästhetik, die wir alle zu kennen glauben und die doch so viel mehr ist als Breuers Sessel, Brandts Teeextrakt-Kännchen oder Schlemmers Treppe.

"Im Kern der Ausstellung stehen Originale aus den 14 Jahren, in denen die Schule in Weimar, Dessau und Berlin rund 1.200 Studentinnen und Studenten ausgebildet hat", sagt Kuratorin Nina Wiedemeyer. "Es geht um Unikate, die in Serie kopiert wurden – und es geht darum, dass manche funkionelle Bauhaus-Formen schon 7.000 Jahre alt sind. Damit soll auch das Bauhaus in einen Kontext gestellt werden, um deutlich zu machen: Es ist nicht alles eine Neuerfindung, das Bauhaus kommt nicht aus dem Nichts."

Was ist ein Bauhaus-Original?

Am Eingang der Berlinischen Galerie treffen wir auf Oscar Schlemmers berühmte Treppe aus dem Museum of Modern Art (MoMA) in New York. Moment - ist sie es wirklich? Oscar Schlemmer hat sie  1932 nach einem Foto von T. Lux Feininger "Die Weberinnen auf der Bauhaustreppe" gemalt, sie hängt seit 1942 im MoMA - und hier in Berlin sehen wir die Treppe von Oscar Schlemmers Bruder Carl, genannt "Casca" - eine nahezu identische Kopie, die er für die Familie geschaffen hat. Carl war ebenfalls Bauhäusler und unterstützte seinen Bruder. Dieses Werk ist erstmals öffentlich ausgestellt. Es gehört zum Konzept und dem Titel der Ausstellung. 

"'Original Bauhaus' heißt die Ausstellung nicht allein deshalb, weil wir rund 1.000 Bauhaus-Originale aus der Sammlung des Bauhaus-Archivs zeigen, sondern weil ich mich zusammen mit Beraterinnen und Kolleginnen auf Spurensuche begeben habe", sagt Kuratorin Wiedemeyer. "Wir haben nach künstlerischen Haltungen gesucht zur Frage: Was ist ein Bauhaus-Original? Gibt es überhaupt ein Bauhaus-Original?"

Marianne Brandt, Tee-Extraktkännchen (MT 49), 1924 Bauhaus-Archiv Berlin. (Quelle: Gunter Lepkowski © VG Bild-Kunst Bonn)
Das Teeextraktkännchen von Marianne Brandt | Bild: Gunter Lepkowski © VG Bild-Kunst Bonn

Ein Kännchen tanzt aus der Reihe

Wunderbar lässt sich diese Frage besprechen bei einem Höhepunkt der Ausstellung, den Teeextraktkännchen aus dem Jahre 1924 von Marianne Brandt. Es gibt acht Stück insgesamt auf der Welt, sieben dieser Klassiker präsentieren die Kuratoren in einer Glasvitrine. Tee aus starkem Sud aufzugießen nach türkischer Art war damals Mode. Die Kännchen sind glattpoliert oder grob gehämmert, mal gülden, silberfarbig oder im Bronzeton. Nur der Griff, eine halbrunde Scheibe, ist immer aus Ebenholz.

Eines tanzt aus der Reihe, aber das muss man wissen. "Dieses Teeextraktkännchen unterscheidet sich von den anderen – es ist nämlich nicht in mühsamer Handarbeit über Wochen mit dem Hammer in Form geschlagen worden, sondern der Corpus, die Halbkugel, wurde gedrückt", sagt Annemarie Jaeggi, die Direktorin des Bauhaus-Archivs. "Hier wurde mit maschinellen Mitteln experimentiert. Wir gehen davon aus, dass die Tülle dieses Kännchens auch gegossen wurde.“ Damit hätte das Kännchen in Serie gehen können. Warum dies damals nie geschah, gehört zu den großen Geheimnissen des Bauhauses.

Auch welche schlanke Dame in kurzem Kleid mit übergeschlagenen Beinen und Spangenschuhen auf Marcel Breuers Stahlrohrsessel sitzt und eine Maske trägt: Wir wissen es nicht, auch wenn das Foto weltberühmt wurde. Wir können uns aber einfühlen. Eine Fotostation lädt Besucherinnen ein, sich selbst als Frau mit Maske zu fotografieren. Breuers Sessel selbst - er trug den Namen Klubsessel B3 - ist zum Symbol des Schöner-Wohnen-Lifestyles geworden und zum Prestigeobjekt in stylischen Arztpraxen, großen Bankfoyers oder ambitionierten Designerapartments avanciert. Die Ausstellung zeigt hervorragend, dass das Gleiche nicht dasselbe ist - und dass das Bauhaus eine Schule war, deren Geist Künstler bis heute inspiriert.

Beitrag von Maria Ossowski

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1 Kommentar

  1. 1.

    Aus dem Nichts kommt Bauhaus tatsächlich nicht.

    Ich denke, es kam aus der Überladenheit und teilweise auch abgrundtiefen Verlogenheit der Wilhelminismus, der sich von der Bautradition bspw. eines Karl-Friedrich Schinkel oder vorhergehenden mittelalterlichen Bautraditionen grundsätzlich unterschied. Auf den Wilhelminismus war Bauhaus eben eine sehr radikale Antwort. Allerdings kaum gefühlsverankert, mehr kopfbetont. Der Endpunkt des kreativen Schaffens waren da die Dadaisten: den Tag in 10 Stunden eingeteilt, die Woche in 10 Tagen, über die Tag- und Nacht-Helligkeitsunterschiede hinweg.

    Nicht alles taugt zur Bauhaus-Fortführung. Das Mitropa-Kännchen gewiss, die von Eisenach bis nach Wladiwostok überstülpende Platte nicht.

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