ATZE-DesKaisers Neue Kleider (Quelle: David Ausserhofer/Atze)
Audio: Inforadio | 20.09.2019 | Hans Ackermann | Bild: David Ausserhofer/Atze

Theaterkritik | Berliner Atze-Theater - Fetziger Stoff über wenig Stoff

Im Berliner "Atze-Musiktheater" steht seit Donnerstag "Des Kaisers neue Kleider" auf dem Programm, neu inszeniert von Kay Dietrich. Ein durchaus aktueller Stoff, wie Hans Ackermann bei der Premiere erfahren hat.

Er schläft sogar im Kleiderschrank, dieser eitle Kaiser, und läßt sich dort zu Beginn des Stückes "Des Kaisers neue Kleider" von seinem Diener wecken. Das junge Publikum im Atze-Musiktheater macht beim Text gleich kräftig mit. "Schnauze!", fährt der müde Herrscher seinen Diener an - und  "Schnauze" kommt ein leises Echo, aus den Reihen des jungen Publikums, gefolgt von einem leisen Kichern.

Die Kinder haben richtig Spaß an dieser mit Tempo erzählten Geschichte. Manche fürchten sich aber auch ein bisschen, so durchgedreht und gruselig-komisch spielt Martin Wagner den Kaiser. Der immer mal wieder in wirres Gelächter ausbricht und seine Gewänder aus dem riesigen Kleiderschrank wütend der Reihe nach in eine große, gelbe Tonne wirft. Dabei schreit er den Jacken und Hosen hinterher: "Häßlich, häßlich, Häßlich!"

Eigentliche Bestimmung vollständig vergessen

Sein Diener, mit gelassener Miene von Nikolaus Herdieckerhoff gespielt, hatte ihn zuvor mit sanften Cello-Klängen geweckt. Das live gespielte Instrument hält auf wunderbare Weise das gesamte Stück musikalisch zusammen. Mal illustriert das Cello mit sparsamen Tönen eine Szene, dann wieder spielt es zum Tanz auf, begleitet Gesänge und ist sogar am gesprochenen Dialog der einzelnen Figuren beteiligt: etwa wenn der betrügerische Schneider, von Natascha Petz im Nonnenkostüm verkörpert, dem Kaiser die neuen Wunderkleider verspricht. Das Cello verleiht in diesem Dialog einzelnen Worten mit musikalischen Akzenten eine besondere Komik.

Die Aussicht auf die neuen Kleider läßt den Kaiser seine eigentliche Bestimmung vollständig vergessen. Statt das Volk zu regieren, klettert er in grünen Hackenschuhen und lila Strickstrümpfen lieber in seinen überdimensionalen Hochstuhl. Dort will er "eine Ausfahrt" unternehmen. Tatsächlich steuert er per Fernbedienung aber nur ein kleines Spielzeugauto über die Bühne.

Die markante Sturmfrisur des Kaisers

Ein weiterer schöner Regie-Einfall ist die markante Sturmfrisur des Kaisers: Ihre leicht orangefarbige Tönung erinnert kaum zufällig an den mächtigsten Mann der Welt, der mit seiner stets zu langen Krawatte ohne weiteres in das Themenfeld dieser Aufführung passt.

Der Kleider-Schwindel des selbstverliebten Kaisers fliegt am Ende auf, als ein Kind einfach nur die Wahrheit ausspricht: "Schluß mit dem Theater. Der hat doch gar nichts an." Der Kaiser ist empört, nennt das Kind "dumm" - dabei ist er selbst der Dumme und nur ein nackter erbärmlicher Wicht.

Nachdem die in dieser Inszenierung fast nackte Wahrheit endlich ans Licht gekommen ist, gibt es in der hervorragend gespielten Aufführung noch einen aufrüttelnden Schlussgesang zu hören: "Es ist höchste Zeit" stellen die Untertanen darin drohend in Richtung Kaiser fest. Der schmollende Herrscher im Hochstuhl singt dieses Lied natürlich nicht mit.

Sendung: Inforadio, 20.09.2019, 7:55 Uhr

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