Senftenberg Theater Neue Bühne Ausstattungsprobe AUS DEM NICHTS von Fatih Akin / Theaterfassung von Armin Petras (Quelle: Theater Neue Bühne/Steffen Rasche)
Audio: Inforadio | 22.09.2019 | Sylvia Belka-Lorenz | Bild: Theater Neue Bühne/Steffen Rasche

Theaterkritik | "Aus dem Nichts" an der Neuen Bühne Senftenberg - Fabelhaftes Ensemble, glänzender Abend

Fatih Akins Film erzählt davon, wie Katjas Leben zerbricht, nachdem ihre Familie bei einem Neonazi-Anschlag stirbt. Die Neue Bühne Senftenberg wagt nun eine Theater-Adaption des komplexen Stoffes – die viele Zuschauer tief bewegt. Von Sylvia Belka-Lorenz

Die zweite Explosion wird zur Katharsis. Der Campingwagen mit dem Neonazipärchen fliegt in die Luft. Völlige Stille auf einmal, auf der Bühne und im Zuschauerraum. Über die Videoleinwand laufen Namen. Viele Namen. Die Opfer rechter Morde seit 1990. Der Applaus, der danach aufbrandet, gleicht einem kollektiven Aufschrei. Die ersten Zuschauer springen auf, noch bevor sie klatschen. Manche sitzen noch auf ihren Plätzen, als die meisten schon Richtung Premierenfeier oder Parkplatz geströmt sind.

Die erste Explosion bringt Katjas Leben zum Einsturz. Die junge Frau kommt dazu, als ihr Mann Nuri und der gemeinsame Sohn Rocco von einer Nagelbombe zerfetzt worden sind. Die Details wird sie erst später vom Gerichtsgutachter erfahren. Wieviele Einschüsse den Bauch des Jungen zertrümmert haben. Welche Teile des Kinderkörpers wie weit vom Rest weggesprengt wurden. Dass Roccos Haare bis zu den Wurzeln geschmolzen, seine Augen in der Hitze der Explosion gekocht worden sind. Rocco war 6. Es gibt Särge für so kleine Körper, da kommen alle Reste mit hinein, zumindest die, die aufgefunden worden sind. Katja kann sich einen aussuchen.

Die Hauptdarstellerin Helene Jordan spielt zum Heulen gut

"Aus dem Nichts" ist Katjas Leben… praktisch keins mehr. Sie zieht das alte Brautkleid an, das zerfleddert und angekokelt von früher kündet, und taumelt durch polizeiliche Ermittlungen und Alltag. Und Marianne Helene Jordan macht das zum Heulen gut. Ob sie sich vor stummem Entsetzen gegen die Absperrbänder wirft oder impertinente Verhöre erträgt, ob sie das (ehemalige) Zuhause der (ehemaligen) Familie aufräumt, ob sie Roccos Kinderbettwäsche faltet, ob sie kotzt oder kokst. Eine Frau, die alles verloren hat: was hätte die wohl noch zu verlieren?

"Aus dem Nichts" ist eines jener Theaterprojekte, von denen jedes Theater, das noch zu retten ist, besser die Finger lässt. Zu groß der Druck der Filmvorlage von Fatih Akin. Zu präsent das Gesicht von dessen Hauptdarstellerin Diane Kruger. Zu komplex die Stoffe, die Fatih Akin da verwebt: die Rekonstruktion des individuellen Super GAUs von Katjas Familie mit dem NSU Prozess. Zu klein dagegen die Mittel des Theaters.

Kein Firlefanz, Konzentration auf ureigene Theatermittel

Die Neue Bühne Senftenberg wagt als zweites Haus überhaupt das Unterfangen, die Theaterfassung des Filmes auf die Bühne zu bringen. Samia Chancrin führt Regie, sie hat selbst im Film mitgespielt und es dennoch geschafft, sich davon vollkommen frei zu machen.

Saskia Wunsch baut ihr dafür die Drehbühne, die es möglich macht, gleichzeitig Schlaglichter auf die vielen parallelen Handlungsabläufe zu werfen: Katjas Hochzeit mit Nuri im Knast, das Familienbett, die Polizei (zwischem fiesem Ermittlerschnösel und kette rauchend, besessen in den Aktenordnern wühlend: Jan Mixsa). Der Bestatter, die Beratungen mit Katjas Anwältin (herausragend ausbalanciert zwischen professionellem Funktionieren und tiefer Menschlichkeit: Catharina Struwe), der Staatsanwalt, vor den Videos der Überwachungskameras koksend und onanierend. Eine Videowand sendet Grüße aus einem anderen Leben.

Hier spielt kaum jemand miteinander, dafür sind die meisten der handelnden Personen zu starr geworden. Wie kommuniziert man nach der Katastrophe? So sind die stärksten Momente auf der Bühne die, in denen Samia Chacrin allein die Bilder für sich sprechen lässt: kein Firlefanz, stattdessen die Konzentration auf die ureigenen Theatermittel: Spieler, manchmal grotesk verzerrt, Licht, Ton. Es braucht nicht mehr. Roccos Kinderstimme auf dem Anrufbeantworter einer Familie, die es nicht mehr gibt. Im Zuschauerraum wagt kaum jemand zu atmen.

Kleiner als antike Tragödie geht gerade nicht

Das Lachen der Nazis, der beiden Attentäter, bestimmt den kurzen zweiten Teil des Abends. Die Morde an Nuri und Rocco werden vor Gericht verhandelt, aber das ist kein Prozess, bei dem Recht und Wahrheit große Chancen hätten. Katja greift zur Selbstjustiz. Sie jagt das triumphierende Nazi-Pärchen in die Luft. Großer Knall. gleißende Scheinwerfer. Katharsis.

Nein, kleiner als mit den Begriffen der antiken Tragödie geht es hier gerade nicht. Rechte Gewalt in Deutschland. Der stehende Applaus am Schluss ist gleichsam eine Verneigung vor dessen Opfern. Fabelhaftes Ensemble. Glänzender Abend. 

Beitrag von Sylvia Belka-Lorenz

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