Lisa Hrdina und Samuel Finzi während der Fotoprobe zu "Ausweitung der Kampfzone" in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin
imago images / Martin Müller
Audio: Inforadio | 09.09.2019 | Ute Büsing | Bild: imago images / Martin Müller

Theaterkritik | "Ausweitung der Kampfzone" - Versöhnlicher Abend mit komödiantischen Hochämtern

Ivan Panteleev lässt in den Kammerspielen des Deutschen Theaters seine Darsteller in einer postmodernen Villa Kunterbunt zu komödiantischer Hochform auflaufen. Eine Haltung zur Romanvorlage von Michel Houellebecq entwickelt er aber nicht. Von Ute Büsing

Regisseur Ivan Panteleev kippt an diesem Sonntagabend ein Füllhorn von Einfällen auf die Drehbühne. Er tut in zwei Stunden und 15 Minuten alles, um seiner stark komödiantischen Bühnenadaption von Michel Houellebecqs Debütroman "Ausweitung der Kampfzone" (1994) weitere ausgeweitete Kampfzonen hinzuzufügen.

Erst einmal richten sich die Spieler in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin eine postmoderne Villa Kunterbunt ein - mit Laufband, Kühlschrank, einer Sauna, die auch Raucherkabine ist, Stahlgerüst, Spiegeln und einer Reliquie: einem übergroßen Houellebecq-Kopf. Requisiten, die alle noch zum Einsatz kommen sollen.

Dann schreien und strampeln sie sich, begleitet und übertönt  von einem nervenden Soundteppich, am Heimtrainer außer Puste. Schließlich soll hier die deprimierende Selbstausbeutung und Leistungsmaximierung im Wirtschaftsliberalismus bebildert werden. In Houellebecqs Quintessenz geht es dann auch darum, wie die Ökonomie den wie im Hamsterrad Rotierenden, hier sind es Softwareentwickler, die Sexualität austreibt. Dafür baumelt bald auch eine unerreichbare riesige Barbie-Puppe mit rosa Kleidchen, aber ohne Kopf aus dem Schnürboden.

Sarkastische Provokationen werden verspielt

Wie Pat und Patachon wirken Erzkomödiant Samuel Finzi und der hier bewusst auf Steifheit gepolte Ich-Erzähler Marcel Kohler in den Rollen der zwar absolut testosterongesteuerten, überarbeiteten IT-Spezialisten, die aber kein Objekt für ihre Begierde finden. Statt Fleischeslust gibt es am freien Wochenende gebratenes Biofleisch mit den Coworkern.

Finzi bereitet es in einem von vielen komödiantischen Hochämtern am Herd mit halbnacktem Hintern liebevoll zu. Die Publikumslacher erzeugenden Ersatzbefriedigungen irritieren aber von Anfang an, weil das Kotzbrockige, Weltüberdrüssige und die voyeuristische Frauenverachtung eigentlich jedes Houellebecq-Textes so entschärft wird. So verlieren auch die hier reichlich eingestreuten philosophischen Traktate ihre Pointiertheit. Sie sind, wohl Reflex auf aktuelle Gender- und #Metoo-Debatten, gleichberechtigt im Ensemble aufgeteilt. Alle kotzen denselben Lust-Frust aus.

Das Sarkastische der Provokationen des französischen Skandalautors geht der verspielten Inszenierung dennoch oder gerade deshalb ab - und eigentlich auch der tiefe Ernst der Vorlage, wenn Mann und Frau denn willens sind, Houellebecqs "Ausweitung der Kampfzone" auch als Chronik einer fortschreitenden Depression im Schrei nach Liebe zu verstehen.

Komödiantische Adaption rotiert ins Leere

Stattdessen treiben es auf der Bühne überdimensionierte bunte Plastefrösche und der Verkleidungsfuror der Darsteller wird auch vorangetrieben. Ja, sie sind toll in ihren schnellen schrillen Kostüm- und Charakterwechseln, auch Lisa Hrdina, Jeremy Mockridge und Kathleen Morgeneyer. Aber das Aufgekratzte und Überdrehte fast jeder Aktion, jedes Vortrags, rotiert doch zunehmend ins Leere und überfordert die Rezeption.

Abgeklappert werden fast alle Stationen der Roman-Reise: der Auftrag der IT-Spezialisten für das Landwirtschaftsministerium in der Provinz, das vergebliche Bemühen, dort in der Disco Mädchen aufzureißen, der unterlassene Mordanschlag auf ein kopulierendes Pärchen am Strand, der Verkehrsunfalltod des einen Kollegen und die folgende Psychiatrisierung des anderen. Bei all der Überfülle bleibt wenig hängen von streckenweise durchaus bedenkenswerter Gesellschaftskritik, durch aktuelle Essays Houellebecqs zu Feminismus und Dschihadismus noch aufgepumpt.

Eine Haltung zu den steilen, spaltenden Thesen des französischen Schriftstellers entwickelt der bunte versöhnliche Abend auch nicht. Die Zuschauer müssen sich aus der Überfülle der spielerischen Angebote selbst ein Bild machen.

Sendung: Inforadio, 09.09.2019, 08:55 Uhr

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

Das könnte Sie auch interessieren