V.l. Paul Zichner, Emma Lotta Wegner, Judith Engel, Stefanie Reinsperger, Anna Sophie Schindler, Owen Peter Read, Veit Schubert, Torben Appel, Jonas Grunder-Culemann, Johannes Meier. (Quelle: BE/Birgit Hupfeld)
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Audio: Inforadio | 07.09.2019 | Cora Knoblauch | Bild: BE/Birgit Hupfeld

Theaterkritik | "Baal" im BE - "Nichts versteht man, aber manches fühlt man"

Ersan Mondtag hat am Berliner Ensemble einen überraschend klassischen Brecht inszeniert. Jedenfalls teilweise: "Baal" bricht dann aber doch noch mit den Seherwartungen - und lässt gängige Geschlechterbilder hinter sich. Von Fabian Wallmeier

Baal ist ein Frauenheld, Baal ist ein Säufer, Baal ist ein verehrtes Dichtergenie, Baal ist eine unverstandene Kreatur, Baal ist ein Ekelpaket, Baal ist ein Opfer der gesellschaftlichen Umstände. Der Titelheld aus Bertolt Brechts gleichnamigem Drama hat viele Gesichter. Ersan Mondtag hat für seine Neuinszenierung am Berliner Ensemble Brechts vier Fassungen zu einer verwoben - und alle Gesichter der Figur zugleich auf die Bühne gebracht.

Stefanie Reinsperger spielt Baal mit genau der Wucht, die man erwarten durfte. Die Grundtextur ihrer Figurengestaltung ist die Überheblichkeit, unterstrichen durch das Wienerische, das sie hier in prächtigster Arroganz zum Strahlen bringt. Sie kehrt die Großkotzigkeit Baals lustvoll hervor, wechselt blitzschnell die Tonlagen: Vom schallenden Hohngelächter geht sie in einen hysterischen Zusammenbruch über und ist im nächsten Moment schon wieder der arrogante Herr und Frauenheld der Dinge.

V.l. Anna Sophie Schindler, Veit Schubert,Johannes Meier, Emma Lotta Wegner, Peter Luppa, Torben Appel, Jonas Grunder-Culemann, Stefanie Reinsperger, Paul Zichner. (Quelle: BE/Birgit Hupfeld)
Bild: BE/Birgit Hupfeld

Spektakuläres Bühnenbild

Sensationell ist wieder das Bühnenbild, das Mondtag für die Premiere am Freitagabend entworfen hat. Die Drehbühne zeigt seine typischen düsteren, windschiefen, nur scheinbar naiven Puppenstubenvarianten der Wirklichkeit: eine perspektivisch verzerrte Gasse, eine an der Wand bis hoch oben mit Flaschen ausgekleidete Bar-Karikatur, eine mysteriöse Waldhütte. Und sie zeigt eine Art Kirchenbau, in dem statt einer Marienfigur eine mehrere Meter hohe nackte Barbiepuppe steht - mit Teufelshörnern, Stöckelschuhen, Brüsten und Penis.

Die Stärke vieler Arbeiten von Ersan Mondtag besteht darin, dass die spektakulären Bühnenbilder zusammen mit der Inszenierung und ihrem Stoff eine einzigartig geschlossene, oft beklemmende Welt entstehen lassen. Hier gehen diese Elemente nur teilweise Hand in Hand. Zu sehen gibt es über weite Strecken überraschenderweise recht klassischen Brecht. Der ist zwar toll gespielt und solide inszeniert. Dass er vor einer Mondtagschen Kulisse gespielt wird und die Schauspieler*innen im Hintergrund in Mondtagschen Nacktanzügen Mondtagsche Choreographien aufführen, ist auch eindrucksvoll anzusehen. Aber es erzeugt kein rechtes Zusammenspiel. Vielmehr entsteht erst einmal der Eindruck eines Nebeneinanders, das sich aber nicht in produktiven Irritationen auflöst.

Beim Premierenpublikum kam die verhältnismäßig gefällige, sogar mit einigen Gags angereicherte  Mischung größtenteils an. Der sonst fast immer auch mit heftiger Ablehnung konfrontierte Ersan Mondtag bekam beim Schlussapplaus keinen einzigen Buhruf zu hören. Das ist bestimmt erfreulich für ihn, aber es ist auch ein Zeichen dafür, dass dieser "Baal" nicht die großen Reibungen erzeugt, die andere seiner Arbeiten so herausragen ließen.

"Wann kommt endlich die Pause?"

Kurz vor der Pause, nach mehr als anderthalb teils etwas länglichen Stunden entsteht doch noch ein Moment der Irritation, ein Kratzen an den Nerven des Publikums: Als Baal die Bühne in der Kneipe verlassen hat, verharren die anderen Darsteller*innen, den Blick weiter auf die leere Bühne auf der Bühne gerichtet - und es passiert erst einmal nichts. Als dann aus dem Parkett erstes Husten oder nervöses Lachen nach vorn dringt, werden diese auf der Bühne im Chor kopiert - was das Publikum unten wiederum zu neuen Kopiervorlagen anstachelt. "Wann kommt denn endlich die Pause, ihr seid langweilig", ruft einer - und ebenso schallt es von der Bühne zurück.

Nach der Pause stellt sich der vertraute Mondtag-Effekt dann vollends ein: die rätselhafte Düsternis, das Vorbeiziehen von Gruselminiaturen auf der Drehbühne, der organische Fluss der Inszenierung. Baals Elend, sein Ausscheiden aus der Gesellschaft wird hier mit konsequenter Künstlichkeit und Vieldeutigkeit in die Magengrube der Zuschauer geschlagen. "Nichts versteht man. Aber manches fühlt man", sagt Baal. Und wie!

Postbinär, postgeschlechtlich

Dass übrigens ein Großteil der Rollen entgegen ihrer Geschlechterzuschreibung besetzt wurden, ist nicht neu für Ersan Mondtag: In seiner "Salomé"-Inszenierung am Maxim-Gorki-Theater gab Benny Claessens die Titelrolle - ein Statement gegen gängige Geschlechterstereotypen. Hier spielt nun Stefanie Reinsperger den Baal, Kate Strong seinen Freund Eckart - doch es ist von erstaunlich geringer Bedeutung, dass das so ist. Ganz selbstverständlich ist Reinsperger dieser Macho-Widerling.

So plakativ auch eine Szene sein mag, in der Reinsperger der Riesen-Barbie ihren Penis abrupft: Letztlich läuft Mondtags gesamte "Baal"-Besetzung nicht mehr auf eine Spiegelung oder Umkehrung der Geschlechter hinaus, sondern auf ein postbinäres, postgeschlechtliches Geschlechterbild. Es ist letztlich vollkommen egal, wer hier welches Geschlecht verkörpert. Und das ist vielleicht am Ende das Herausragende, was von diesem Abend bleiben wird.

Sendung: Inforadio, 07.09.2019, 07:55 Uhr

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1 Kommentar

  1. 1.

    Ja, das kann weg!

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