Eine Odyssee nach Homer neu erzählt von Thorleifur Örn Arnarsson und Mikael Torfason. Regie: Thorleifur Örn Arnarsson. v.l.n.r.: Daniel Nerlich (Odysseus), Robert Kuchenbuch (Agamemnon) (Quelle: Vincenzo Laera)
Bild: Vincenzo Laera

Theaterkritik | "Eine Odyssee" - Die Volksbühne muss man sich erst mal erarbeiten

Thorleifur Örn Arnarsson hat am Donnerstag sein Regiedebüt als Schauspieldirektor der Berliner Volksbühne gegeben. "Eine Odyssee" bescherte eine überwältigend gute erste Stunde - und drei eher durchwachsene weitere. Von Fabian Wallmeier

Kurz vor dem Ende sitzen sie da auf einer Art Floß. Drei Krieger, in sich versunken und mit sich hadernd, sprechen düstere Worte über den Krieg: Agamemnon windet sich, der Krieg sei nun einmal zu komplex, um ihn wirklich zu begreifen. Menelaos behauptet schlicht, er habe diesen Krieg nicht gewollt. Und Odysseus, der Niedergeschmettertste der drei, vergleicht sich mit einer Termite, die alles zerstört.

Mehr als vier Stunden hätte es nicht gebraucht, um die Botschaft auf die Bretter zu hauen, dass Kriege uns alle kaputt machen, dass das immer schon so war und es auch immer so sein wird, so müde wir dessen auch sein mögen. Doch auf genau diese Botschaft läuft "Eine Odyssee", das Debüt des neuen Schauspieldirektors Thorleifur Örn Arnarsson an der Berliner Volksbühne, an diesem Donnerstagabend langsam und redundant immer deutlicher zu.

Kein Vergleich mit "Dionysos Stadt"

Doch zum Glück ist die Inszenierung eben bei Weitem nicht nur reines Botschaftstheater. Arnarsson erzählt die Geschichte des nach dem Trojanischen Krieg auf den Weltmeeren umherirrenden Odysseus und einige andere antike Stoffe, die im direkten oder etwas weiter entfernten Zusammenhang damit stehen, nämlich eigentlich nicht als Lehrstück. Vielmehr bringt er die vier Stunden als sattes, andeutungsreiches, bildstarkes, lautes Überwältigungstheater auf die Bühne.

Wer allerdings im Jahr 2019 eine ausschweifende Inszenierung mit Stoffen aus der Antike herausbringt, muss sich natürlich Vergleiche mit "Dionysos Stadt" gefallen lassen. Christopher Rüpings zehnstündiges Spektakel von den Münchner Kammerspielen wurde jüngst von der Zeitschrift "Theater heute" zur Inszenierung des Jahres gekürt und war der Höhepunkt des Berliner Theatertreffens im Mai. Dabei kann Arnarsson aber nur verlieren. Seine Inszenierung hat kein vergleichbar starkes Grundkonzept, nicht dieselbe feine Austariertheit zwischen Tiefe und Klamauk, nicht dasselbe Timing.

Eine Odyssee nach Homer neu erzählt von Thorleifur Örn Arnarsson und Mikael Torfason. Regie: Thorleifur Örn Arnarsson. v.l.n.r.: Theo Trebs (Menelaos), Jella Haase (Helena). (Quelle: Vincenzo Laera)

Wie Ulrich Rasche auf Speed

Am ehesten funktioniert "Eine Odyssee" als Annäherung an den Ort. Die Volksbühne muss man sich erst einmal erarbeiten. Als Arnarssons hochgelobte Hannoveraner "Edda"-Inszenierung vor einigen Monaten als Gastspiel an der Volksbühne lief, wirkte sie verloren im riesigen Bühnenraum. Das hat der Isländer sich offenbar zu Herzen genommen - hier wird nicht gekleckert, hier wird geklotzt. In der rauschhaft starken ersten Stunde nimmt er den Raum in Beschlag, macht sich seine Schauwerte zu eigen.

Dabei wird das Publikum nicht pausenlos zugedröhnt, sondern Arnarsson arbeitet dramaturgisch geschickt mit einem ständigen Auf- und Abwallen. Die Darstellerinnen und Darsteller sind beim Einlass schon auf der Bühne. Mit zerschlissener Unterwäsche und Bandagen bekleidet deuten sie Marschieren und andere soldatische Handlungen an. Frank-Castorf-Veteran Sir Henry und später noch andere Musiker unterfüttern die Bewegungen mit einem zunächst sphärischen, dann immer kraftvolleren Soundtrack.

Von oben werden Lettern mit Textzeilen in den Bühnenraum herabgelassen. Nach und nach positionieren sich die Darsteller vor Mikrofonen und verharren dort. Dann beginnen sie im Chor zu sprechen, erst mit langen Pausen und abgehackt, dann immer schneller, lauter, dringlicher, teilweise singen sie sogar. Es wirkt ein bisschen so, als hätte Ulrich Rasche, Theatertreffen-Dauergast und Spezialist für gigantische Theatermaschinen und monoton-künstliches Chor-Sprechen, versucht, auf Speed ein Musical zu inszenieren.

Nicht alles ist zu verstehen, doch es geht um den Trojanischen Krieg, um blutige Schlachten. Die Bühne beginnt sich zu drehen, erst langsam, dann immer schneller. Die Musik schwillt dazu an, wird nahezu ohrenbetäubend. Doch kaum ist ein erster Höhepunkt erreicht, fährt Arnarsson alles deutlich herunter - und dreht dann wieder voll auf, noch stärker als zuvor, zum nächsten, noch größeren Höhepunkt.

Hommage statt Eigenständigkeit

Dieses Überwältigungstheater im besten Sinne erreicht Arnarsson in den folgenden drei Stunden nicht mehr. Er setzt nun andere Schwerpunkte und knüpft unverkennbar an die Ästhetik und Stilistik der Volksbühne unter Castorf an. Da beschimpft Odysseus' Frau den gemeinsamen Sohn Telemachos als "unbrauchbare kleine Arschfotze", erklärt Telemachos, wie und warum er sich gleich mit einem Player-Konsolen-Kabel aufhängen will, faselt Menelaos von Ernährungsumstellung auf nichts als Wasser, Salz und Rind.

Künstlichkeit, behauptete Gegenwärtigkeit, herber Klamauk, dazu die ganz großen Stoffe, verschiedene Quellen und die Lust, alle Stellschrauben ein bisschen zu überdrehen. Nur ist das zwar teilweise witzig, vor allem Nils Strunk als Telemachos. Doch in der Summe wirkt all das, vor allem nach der intensiven ersten Stunde, eher wie eine überlange Hommage als wie eine konsequente Weiterentwicklung der eigenen Mittel.

Zum Erbe der Castorf-Volksbühne gehört es sicher auch, einen blinkenden Panzer auf diese riesige Bühne zu rollen und eine Darstellerin (hier der im gigantischen Bühnenraum der Volksbühne noch etwas ungelenke und verlorene Filmstar Jella Haase) darauf überzogen dümmlich-aufreizend posieren zu lassen. Und noch mehr gehört es zu diesem Erbe, einen Elefanten aus der Oberbühne abzuseilen, ihn dort dann ein paar Minuten baumeln zu lassen und dann wieder hochzuziehen. Nicht weil das irgendeinen offensichtlichen Sinn ergäbe, sondern einfach weil es geht.

Arnarsson wird seinen Platz am Rosa-Luxemburg-Platz weiter suchen - und es spricht viel dafür, dass ein so überwältigungsbegabter Regisseur ihn auch finden wird: mit einer starken eigenen Bildsprache, in der intensiven Übertragung alter Stoffe in die Gegenwart, zwischen alter Castorf-Volksbühne und Prä-Pollesch-Interims-Volksbühne.

Sendung: Inforadio, 13.09.2019, 07:55 Uhr

Beitrag von Fabian Wallmeier

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