"Mütter und Söhne" von Karen Breece, v.l. Nico Holonics, Laura Balzer (Quelle: JR Berliner Ensemble)
Bild: JR Berliner Ensemble

Theaterkritik | "Mütter und Söhne" im BE - Warmer Kakao aus der Nazitasse

Regisseurin Karen Breece eröffnet das Neue Haus des Berliner Ensembles mit einem Doku-Theaterabend über Neonazis. Doch "Mütter und Söhne" ist schablonenhaft und harmlos - und macht am Ende einen entscheidenen Fehler. Von Fabian Wallmeier

Auf einmal habe der Sohn diese schrecklichen Tassen gehabt. Mit Hitler drauf und mit Hakenkreuzen. Kakao hat er daraus getrunken, erzählt die Mutter (Bettina Hoppe). "Die hat er nicht lange gehabt", sagt sie, die habe sie kaputtgemacht. "Warmer Kakao aus der Nazitasse", schreit sie fast.

Karen Breeces Dokumentar-Theaterabend über Neonazis und ihre Mütter ist auch ein bisschen wie warmer Kakao aus der Nazitasse. Schlimm natürlich, das mit den Hakenkreuzen. Aber lecker, dieser schöne warme Kakao! "Mütter und Söhne" tut an keiner Stelle weh, weiß sich immer auf der richtigen Seite, geht runter wie Kakao.

Vor einem Jahr inszenierte Breece am Berliner Ensemble "Auf der Straße", kitschiges Wohlfühltheater mit und über Obdachlose aus der Stadt. "Mütter und Söhne" im Neuen Haus des BE, das an diesem Freitagabend eröffnet wird, verzichtet zwar zum Glück darauf, den Schauspielern echte Protagonistinnen und Protagonisten an die Seite zu stellen, ist aber nicht viel weniger effekthascherisch inszeniert.

Neurechte Youtuberinnen und Nazi-Schablonen

Bettina Hoppe und Corinna Kirchhoff spielen die (aus realen Vorlagen collagierten) Mütter, die ihr Leid klagen, sich das Hirn zermartern, wie es dazu kommen konnte, dass ihre Söhne zu Nazis wurden. Hatten sie zu wenig Zeit? Hätten sie eher einschreiten müssen? "So ein liebes und sensibles Kind" sei ihr Sohn gewesen, sagt Kirchhoff, die an diesem Abend trotz außergewöhnlich vieler Texthänger den nuanciertesten Auftritt hat. Doch aus dem sensiblen Kind wird trotzdem ein Nazi, ein Fanatiker, der Rechtsrock liebt und alle Menschen hasst, die anders denken als er. Genauso wie Hoppes Sprössling. "Mein Sohn ist ein Nazi", sagt sie einmal, und fügt hinzu: "Trotz alledem ist er mein Sohn."

Nico Holonics und Oliver Kraushaar kennen als Nazi-Söhne zunächst kein Erbarmen. Sie jammern über langweilige Außenseiterjugenderfahrungen und fehlendes männliches Selbstbewusstsein und steigern sich immer lauter in den völkischen Wahn. "Wer gegen die Bewegung ist, muss sterben", geben sie zu Protokoll. Das gelte im Zweifel auch für die Familien. "Wir töten unsere Mütter!" Brechts und Eislers Einheitsfrontlied, zunächst in Eintracht mit den Müttern gesungen, lassen sie aus der "Arbeitereinheitsfront" die "volksdeutsche Arbeiterfront" werden, "Rechts zwo drei vier" schreit Kraushaar irgendwann nur noch.

Dem stumpfen Nazigegröle an die Seite gestellt wird die softere moderne Variante. Laura Balzer spielt eine junge neurechte Youtuberin, die sich und die anderen mit dem Handy filmt und fröhlich die deutschen Mutterfreuden lobpreist. Doch spürbare Gefahr strahlt sie an diesem Abend genau so wenig aus wie die Nazi-Schablonen, die Kraushaar und Holonics verkörpern.

"Wir haben uns selbst betrogen"

Die Bühne (Eva Veronica Born) ist vollgestellt mit pastellfarbenen Hockern und Stühlen, in mehreren Kreisen hintereinander. So ordentlich bleiben sie natürlich nicht stehen, Holonics und Kraushaar treten immer wieder welche um, fräsen sich Schneisen, indem sie die eng beieinander stehenden Stühle lärmend aufeinander schieben. Am Ende werden sie neu geordnet, mit Hilfe aus dem Publikum. Der Kreis der Gewalt ist durchbrochen, der Neuanfang kann beginnen? Oder was will Born damit sagen?

Der Recherche-Ansatz von "Mütter und Söhne" wird am Ende des Stücks zu einem seiner größten Probleme: Breece hat mit Aussteigern und deren Müttern gesprochen, nicht mit aktiven Nazis. Das spiegelt sich auch in der Struktur des Abends wieder: Nach all dem rechtsradikalen Geschrei sind die Nazis im Stück am Ende geläutert, nehmen plötzlich eine andere Perspektive ein: Sie blicken differenziert auf das zurück, dem sie da verfallen waren. "Wir haben uns selbst betrogen", gibt Holonics zu Protokoll.

So wird der Schrecken auch für das Publikum am Ende zur bewältigten Vergangenheit. Zwar hadern die Mütter auf der Bühne auch nach dem Ausstieg der Söhne noch mit sich, aber immerhin stehen die Stühle schon mal wieder halbwegs ordentlich. Beim Schlussapplaus ist dann das Unbehagen vollends gewichen. Schön haben sie das gespielt. Und was für ein Glück aber auch, dass sie das überwunden haben mit diesem garstigen Nazi-Sein! Haben wir eigentlich noch Kakao zu Hause?

"Mütter und Söhne" von Karen Breece, v.l. Bettina Hoppe, Oliver Kraushaar (Quelle: JR Berliner Ensemble)

Sendung:

Beitrag von Fabian Wallmeier

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1 Kommentar

  1. 1.

    Hätte sogar eine Karte haben können....
    doch nach der Vorveranstaltung wollte ich mir das nicht auch noch antun.
    Das Linksliberale Grauharrige 68ziger Publikum saß wie die Großmutter in einer Blase.
    An liebsten hätte ich eine Stechnadel genommen und einmal reingepiekst in den Ballon.Peng!
    Stattdessen ist meine Hopfenalergie ausgebrochen und ich musste ließen...es war so schrecklich diese Veranstaltung.
    Soviele Hetze gegen Mütter egal ob rechts oder links hatte ich in den Mutterphorbieformat schon lange nicht mehr.
    Ich durfte sogar fragen -2.Fragen hat die Regieseurin zugelassen-leider ,meine nur abgeblockt und nicht beantwortet.Hatte den Eindruck sie war vollkommen überfordert-die Dame-Ist sie Mutter? Eigenglich kann sowas nur von Frauen kommen,die keine eigene Kinderhaben oder Lehrer.Den Gesellschaftlichen Spiegel ,konnte sie nicht spiegel und es ist nicht alles Mütter-Kinder Familien-Soziale Rand-Links-oder Rechts sind Gesellschaftliche Spiegelbilder und nichts Neues.

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