Archivbild: Die Ensemble-Mitglieder des Kabaretts "Die Stachelschweine" posieren im Burgkeller am Kurfürstendamm in den 50er Jahren mit ihrem Maskottchen, einem präparierten Stachelschwein. (Quelle: dpa/Gert Schulz)
Bild: dpa/Gert Schuetz

70 Jahre "Die Stachelschweine" - Einmal alles, bitte!

Satire in Zeiten von Trump, Brexit & Co? Auch nach 70 Jahren satirischer Gesellschaftskritik beweist die Urberliner Theater-Institution "Die Stachelschweine", dass die Welt nie verrückt genug ist, um auf der Kabarett-Bühne noch einen obendrauf zu setzen. Von Lotte Glatt

Wer sich am 29. Oktober 1949 den ersten Auftritt des Kabarettensembles der "Stachelschweine" ansehen wollte, musste dafür nicht einmal etwas zahlen: Für einen Knopf pro Person als Eintritt bekamen die Zuschauer einen satirischen Blick auf die Wirren der Nachkriegsgesellschaft serviert. Ein Blick, für den später auch viele Besucher bereit waren zu zahlen.

"Liebe Stachelschweine, lasst Euch nie rasieren!", schrieb im Jahr 1953 der Autor Erich Kästner ins Stammbuch der "Stachelschweine". Diesen Rat scheint das Ensemble befolgt zu haben: Seit 70 Jahren fahren die "Stachelschweine", mit mehr als 80 Bühnenprogrammen, erfolgreich ihre satirische Attacken.

Schauspieler Rolf Ulrich gründete 1949 gemeinsam mit seinen Kollegen Alexander Welbat, Klaus Becker und Joachim Teege das erste politische Nachkriegskabarett in Deutschland. Der tierische Name des Schauspielerkollektivs "Stachelschweine" geht dabei auf eine gleichnamige Satire-Zeitschrift der 1920er zurück. In wechselnden Besetzungen, darunter die Ensemble-Mitglieder Wolfgang Gruner, Günter Pfitzmann und Edith Hancke, durchlebte das Kabarett-Kollektiv in der Folgezeit vier Umzüge. Seit 1965 haben die "Stachelschweine" im Europa-Center in Berlin-Charlottenburg ihr festes Zuhause.

"Viel Tunnel am Ende des Lichts"

Ihr nun 70-jähriges Dasein in der Berliner und gesamtdeutschen Kabarettszene feiern die "Stachelschweine" gleich mit zwei Jubiläumsprogrammen: "Viel Tunnel am Ende des Lichts" hatte bereits am 31. August Premiere. Hier begegnen sich drei Menschen zufällig auf dem Dach des Europa-Centers - eigentlich wollten sie sich alle drei dort das Leben nehmen.

Das Stück stammt aus der Feder von Frank Lüdecke. Der vielfach ausgezeichnete Kabarettist und Autor hat in diesem Jahr die künstlerische Leitung des Hauses übernommen, in dem er vor 40 Jahren selbst die Begeisterung für das Kabarett entdeckt hatte. 1979 besuchte er hier als Schüler seine erste Kabarett-Veranstaltung.

Das Jubiläumsstück Nummer zwei trägt den Namen "Überall ist besser als nichts" und ist eine Aneinanderreihung von Sketchen, die alle zeigen, wie übergeschnappt die Welt von heute ist. Schauspielerin Andrea Wesenberg, eine von drei Darstellerinnen und Darstellern, besingt das so: "Die Welt ist verrückt, was läuft da nur? Guck dir den Trump an mit seiner Frisur. Dann weißt du Bescheid, so ist unsere Zeit. Eine bekloppte Mixtur."

Kein Aufregerthema bleibt aus

Egal ob Brexit, Mietenwahnsinn oder glutenfreie Ernährung - im Jubiläumsprogramm der "Stachelschweine" wird kein Aufregerthema ausgelassen. Der Zuschauer kann da schnell den Überblick verlieren, gerade wenn zwischen den verschiedenen Sketchen kein Zusammenhang besteht.

Das ist aber nicht weiter tragisch, denn als Zuschauer wird man durchgehend hervorragend unterhalten: Als humoristisches Stilmittel wählen die Autoren Frank Lüdecke und Sören Sieg die Übertreibung. Obwohl die Welt sowieso aus den Fugen geraten scheint, schaffen es die Schauspieler, immer noch einen obendrauf zu setzen: wie die Frau, die schon während des Zeugungsaktes ihres noch ungeborenen Babys bereits einen Kita-Platz beantragt, oder der neuesten Schrei auf dem Beerdigungsmarkt: die Weltraumbestattung.

Humor schlägt Bühnenshow

Mit absurden Szenarien, allerhand Dialekten und Sprachwitz befeuern die Darsteller die Vorstellungskraft des Publikums. Eine aufwendige Bühnenshow haben die Schauspieler nicht - und brauchen sie auch nicht. Um von einer Rolle in die nächste zu schlüpfen, werfen sich die Schauspieler fix einen Blazer oder ein Jackett über. So wird aus der SUV-Mutti aus dem Prenzlauer Berg eine Firmen-Chefin, die sich gerade von einem bayerischen Coach zeigen lässt, wie man einen langjährigen Mitarbeiter authentisch feuert.

Selbst wenn am Ende nicht alle Szenen im Kopf bleiben: Auch in ihrem Jubiläumsprogramm zum 70. beweisen die "Stachelschweine" Biss und einen klaren Blick auf die Absurditäten der Welt.

Satire in guten wie in schrägen Zeiten

Beitrag von Lotte Glatt

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

Das könnte Sie auch interessieren

Sängerin Lizzo bei einem Konzert in London im November 2019.
www.imago-images.de

Konzertkritik | Lizzo in der Columbiahalle - Sterile Schubladensprengung

Spätestens ihre Single "Truth Hurts" katapultierte Lizzo dieses Jahr in die Liga der Superstars. Während sie im Juni noch im Festsaal Kreuzberg auftrat, füllte sie am Donnerstagabend schon die Columbiahalle. Ein vielseitiger Abend - mit Widersprüchen. Von Dave Rossel