Selbstbildnis von Sabine Lepsius in einer Ausstellung in der Alten Nationalgalrie (Quelle: rbb)
Video: rbbKultur | 12.10.2019 | Anne Kohlick | Bild: rbb

Ausstellung in Berlin - Der lange Weg zur künstlerischen Anerkennung von Frauen

Vor 100 Jahren öffnete die Berliner Akademie der Künste für Studentinnen. Aber wie wurden Frauen vor 1919 Künstlerinnen? Dieser Frage geht eine Ausstellung in der Alten Nationalgalerie nach - mit Werken, die zuvor im Depot schlummerten. Von Anne Kohlick

Selbstbewusst schaut Sabine Lepsius die Ausstellungsbesucher aus halb geschlossenen Augen an. Palette und Pinsel hält die junge Künstlerin in der Hand auf ihrem Selbstporträt von 1885 - ein Frühwerk, das zeigt, wie souverän die erst 21-jährige Berlinerin schon damals malt.

Heute ist ihr Gemälde das Titelbild der Ausstellung "Kampf um Sichtbarkeit", die gerade in der Alten Nationalgalerie auf der Berliner Museumsinsel eröffnet hat. Die Schau versammelt Werke von Künstlerinnen wie Sabine Lepsius: insgesamt 43 Malerinnen und Bildhauerinnen, die im 19. Jahrhundert so erfolgreich waren, dass ihre Arbeiten in die Sammlung der Nationalgalerie aufgenommen wurden.

Aktzeichnen? Unschicklich für Frauen

Und das, obwohl es Frauen meist verwehrt war, an Kunstakademien zu studieren. "Es galt damals das Vorurteil, dass Frauen aus sich selbst heraus nicht schöpferisch tätig werden könnten", erklärt Ralph Gleis, Direktor der Alten Nationalgalerie. Allenfalls Imitation wurde ihnen zugetraut. Aktzeichnen, die Grundlage jedes damaligen Kunststudiums, galt für Frauen als unschicklich. "Perversion und Impotenz" unterstellte der Kunstkritiker Karl Scheffler noch 1908 Künstlerinnen, die man um die Jahrhundertwende oft verächtlich "Malweiber" nannte.

In diesem geistigen Klima hielt die Berliner Akademie der Künste ihre Türen bis 1919 für Studentinnen verschlossen. Genau 100 Jahre ist die Öffnung der Universität für Frauen jetzt her. Ein Anlass für die Alte Nationalgalerie zu fragen: Wie haben es Künstlerinnen zuvor geschafft, sich auszubilden und ihre Werke zu verkaufen? "Wir wollen unseren Besuchern Einblicke darin geben, was für Möglichkeiten, aber auch was für Einschränkungen für Frauen im 19. Jahrhundert in der Kunst galten", erklärt Kuratorin Yvette Deseyve.

Bildhauerinnen hatten es noch schwerer

Dafür hat sie gemeinsam mit ihren Kollegen die Sammlung der Alten Nationalgalerie nach Werken von Künstlerinnen durchsucht. "Das sind neben Malerinnen auch Bildhauerinnen", betont Yvette Deseyve, "die werden häufig übersehen, hatten es aber oft noch schwerer als ihre Kolleginnen." Mit dem Pinsel zu malen, sei Frauen eher zugetraut worden, als mit dem Meißel einen Marmorblock zu bearbeiten, erklärt die Kunsthistorikerin, die selbst gelernte Bildhauerin ist.

Für ihre Ausbildung mussten Künstlerinnen im 19. Jahrhundert auf Privat-Ateliers ausweichen. "Für die männlichen Künstler war das ein schöner Nebeneffekt", erklärt die Kuratorin. "Frauen nahmen bei ihnen Unterricht und mussten dafür teuer bezahlen. Das war ein lukratives Geschäft für so manchen Maler."

Ausstellung zeigt "Kampf um Sichtbarkeit"

Paris hatte für Künstlerinnen "wesentlich mehr Freiheit"

Gegen Ende des Jahrhunderts gingen immer mehr deutsche Künstlerinnen nach Paris, um sich ausbilden zu lassen. Sabine Lepsius zum Beispiel entschied sich 1890 für die private Académie Julian, wo Frauen dieselben Kurse belegen durften wie Männer. "Das war ein künstlerisches Umfeld mit wesentlich mehr Freiheit, als es das kaiserliche Deutschland damals bot", sagt Yvette Deseyve. "Die Künstlerinnen haben es genossen, in Paris ohne männliche Begleitung auf die Straße zu gehen oder sich Ausstellungen anzuschauen." Von der deutschen Malerin Maria Slavona sei aus dieser Zeit der Aufruf an ihre Kolleginnen in der Heimat überliefert: "Kommt doch nach Paris. In Berlin ist nichts los."

Während der Vorbereitungen für die Ausstellung ist Yvette Deseyve in den Depots des Museums auf Skulpturen und Gemälde von Frauen gestoßen, die noch nie in der Alten Nationalgalerie zu sehen waren. Manche der Arbeiten waren in einem schlechten Zustand, konnten aber jetzt für die Ausstellung restauriert werden, so wie das Gemälde "Deutsches Volksfest im 16. Jahrhundert" von Paula Monjé aus dem Jahr 1883. Das großformatige Historienbild hatte die Künstlerin der Nationalgalerie geschenkt - unter der Bedingung, es werde in den noblen Hallen auf der Berliner Museumsinsel ausgestellt.

Manche Künstlerinnen geraten aus der Mode

Aber daran hielt sich das Museum nur kurze Zeit. "Das hier sind die Briefe, die wir von Paula Monjé haben", sagt Yvette Deseyve und zeigt auf eine Vitrine. "In denen beklagt sie sich beim damaligen Direktor der Nationalgalerie und fragt, warum ihre Werke hier nicht gezeigt werden." Man vertröstete die Künstlerin, verlieh das Gemälde in Verwaltungsgebäude nach Hannover. Denn das Thema ihres Bilds – ein Volksfest aus der Lutherzeit – und der Stil, in dem sie malt, waren schon um die Jahrhundertwende aus der Mode geraten. Erst jetzt ist das Werk für die Ausstellung wieder in der Alten Nationalgalerie zu sehen.

Ähnlich erging es der ungarischstämmigen Malerin Vilma Parlaghy. Als Porträtistin war sie einst so erfolgreich, dass sie Kaiser Wilhelm II. malen durfte. Davon zeugt sein Bildnis in der Ausstellung. Ab 1908 lebte sie in einer luxuriösen Hotelsuite in Manhattan und porträtierte die New Yorker High Society. Doch ihr Stil verlor während des Ersten Weltkriegs an Beliebtheit. Sie starb 1923 schließlich hochverschuldet, umgeben von vielen ihrer Kunstwerke, die niemand mehr kaufen wollte. Heute ist ihr Werk weitgehend vergessen.

Werke von Frauen wurden nicht systematisch gesammelt

Dieses Schicksal teilt Vilma Parlaghy mit vielen Künstlerinnen des 19. Jahrhunderts, die zu ihren Lebzeiten berühmt waren, wie Yvette Deseyve berichtet. "Das Spannende an diesem Ausstellungsprojekt war zu untersuchen: Wie sichtbar waren diese Frauen in ihrer Zeit? Es war für uns erstaunlich, dass Künstlerinnen damals auf sehr vielen Ausstellungen präsent waren." Dennoch seien Werke von Frauen in der Nationalgalerie nicht systematisch gesammelt worden. Manche Namen von Künstlerinnen seien heute nicht einmal mehr Experten bekannt.

Wer zum Beispiel war Pauline Lehmaier? In der Ausstellung beeindruckt ihr Porträt eines alten Mannes. Ganz in Sepiatönen hat sie das faltige Gesicht des Bärtigen mit melancholisch gesenktem Blick gemalt - ein intensives Bildnis voll psychologischer Spannung und gleichzeitig das einzige Werk der Künstlerin, das in die Gegenwart überliefert ist.

"Wir wissen über diese Arbeit nur, dass sie 1908 auf einer Ausstellung in Rom angekauft und hier in die Nationalgalerie nach Berlin überstellt wurde", sagt die Kuratorin. "Von Pauline Lehmaier existiert sonst nur ein Briefwechsel mit einem Bekannten, aus dem hervorgeht, dass sie noch 1920 an einer Ausstellung beteiligt war. Aber ansonsten wissen wir gar nichts. Wir wissen noch nicht einmal das Todesdatum." Yvette Deseyve hofft, dass die Ausstellung Nachforschungen über solche Künstlerinnen anregt.

Sendung: rbbKultur im rbbFernsehen, 12.10.2019, 18:30 Uhr

Beitrag von Anne Kohlick

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3 Kommentare

  1. 3.

    Ein sehr interessanter Hinweis, vielen Dank dafür! Ich werde mir die Ausstellung auf jeden Fall ansehen.

    So viel ich weiß, gibt es in Berlin immerhin einen Ort, der explizit Werke von Frauen ausstellt. Er heißt ausgerechnet "Das Verborgene Museum", dieser Name verwirrt, denn es geht ja gerade um die Sichtbarmachung von Künstlerinnen auf dem bis heute männlich dominierten Kunstmarkt.

  2. 2.

    Haben Sie den Text gelesen? Hier geht es um eine Ausstellung in der Alten Nationalgalerie. Frauen war es bis 1919 verboten Kunst zu studieren, deswegen war es für Sie schwerer als Künstlerinnen zu arbeiten.
    Beste Grüße

  3. 1.

    Ich bin ein Mann von sechzig Jahren und werde voll ignoriert. Hat dieser Bericht irgend einen sittlichen Nährwert?
    Oder geht es hier um die Anwendung der Frauen-Opferkarte?

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