Historische Aufnahme: Kerzenkreis (Bild: Robert-Havemann-Gesellschaft/Andreas Kämper)
Audio: Inforadio | 31.10.2019 | H. Ackermann | Bild: Robert-Havemann-Gesellschaft/Andreas Kämper

Ausstellung im "Machmit-Museum für Kinder" - Mit Kerzen leuchtet der Mauerfall auch Kindern ein

Mit der friedlichen Revolution in Deutschland vor 30 Jahren befasst sich eine neue Ausstellung im Berliner "Machmit-Museum für Kinder". Um große Themen für Kleine begreifbar zu machen, befragten für die Schau Kinder Zeitzeugen des Mauerfalls. Von Hans Ackermann

Svea ist acht Jahre alt und hat sich in der Ausstellung im Berliner "Machmit-Museum für Kinder" gerade einige der kurzen Video-Porträts angesehen. In den Gesprächen, die man auf kleinen Bildschirmen sehen und über Kopfhörer verfolgen kann, ist von der "Mauer" die Rede, von der "Stasi" - aber Svea weiß danach auch, dass ein "Kerzenmeer" auf jeden Fall was mit einer Demo zu tun hat.

Historische Aufnahme: Kinder mit Kerzen vor einer Kirche (Bild: Robert-Havemann-Gesellschaft/Andreas Kämper)
Historische Aufnahme: Kinder mit Kerzen vor einer Kirche | Bild: Robert-Havemann-Gesellschaft/Andreas Kämper

Die Kerzen hängen irgendwie mit Demonstrationen zusammen, und Demos haben vor 30 Jahren die Mauer zum Einsturz gebracht - so verblüffend einfach entsteht hier für die Kinder ein anschaulicher Zusammenhang.

"Was ist ein Kerzenmeer? - 30 Jahre friedliche Revolution" ist auch der Titel der neuen Ausstellung im "Machmit-Museum" für Kinder in Berlin-Prenzlauer Berg. Kinder befragten dafür Zeitzeugen des Mauerfalls. Auf diese Weise entstanden Porträts von Menschen, die vor genau 30 Jahren Teil einer friedlichen Revolution waren.

Bespitzelung anschaulich gemacht

Die achtjährige Ronja ist eines der Kinder, die für die Ausstellung eines der Gespräche mit einem Zeitzeugen geführt hat. Über die Mauer weiß sie schon Bescheid: "Ich bin schon mal mit meiner Freundin dahingegangen, weil wir das Thema in der Schule haben", erzählt sie. "Da war auch ein Stück von der echten Mauer." Für die Ausstellung hat sie ihren Nachbarn Frank über seinen Sprung in den Brunnen am Alexanderplatz befragt. Ein spannende Geschichte, die man sich "da drüben" im Video anschauen kann, wie Ronja sagt. Sie selbst ist nämlich gerade mit dem Gestalten einer Kerze beschäftigt. Und, nein, sie wisse nicht, wer da in der oberen Etage des Museums eigentlich in diesem großen runden Raumschiff schläft.

Nur durch zwei kleine Fensterluken kann man dort hineinschauen. Wer da schläft und wer bespitzelt - die dazugehörige Geschichte wird auf einem Bildschirm gegenüber erzählt. Es geht um lückenlose Stasi-Überwachung, vor der man nicht mal im Schlaf sicher war. Aber man müsse das nicht alles haarklein erklären und womöglich jede Installation beschriften, meint Kuratorin Uta Rinklebe. "Die Kinder sollen ins Museum kommen und sollen mit viel mehr Fragen wieder herausgehen", meint sie. "Es wäre toll, wenn sie dann ihre Großeltern, Eltern, Nachbarn dazu fragen, was eigentlich los war, woran sie sich erinnern, auch an die Zeit davor, an diesen Mut, den wir aufgebracht haben, auf die Straße zu gehen. Und deshalb habe ich auch diese Akteure ausgesucht."

"Da haben sich alle Demonstranten vor den Bus gesetzt"

Einer dieser insgesamt elf Protagonisten ist Mario Schatta, der von seiner Enkelin Liah befragt wurde. "Mich hat am meisten die Geschichte interessiert, wo mein Opa verfolgt wurde, abgehauen ist und trotzdem verhaftet wurde", erzählt die Schülerin.

Mit dem Motorrad konnte Opa Mario damals der Stasi gerade noch entkommen. Gern ist er dem Aufruf der Museumsleiterin gefolgt, sich mit Enkeln oder Nachbarskindern zusammenzusetzen. Im Video erzählt der frühere Bürgerrechtler aus Weißensee seiner Enkelin, wie ihn im Herbst 1989 die Solidarität gerettet hat. "Einmal haben die mich in einen Bus gezerrt, bei einer Demo. Und da war ich der einzige, da hatte ich wirklich Angst. Die haben das Auto zugemacht, wollten losfahren, aber da haben sich alle Demonstranten - auch Oma übrigens - vor den Bus gesetzt und gesagt, entweder lasst ihr den Schatta raus, oder ihr müsst uns alle einladen."

Ein Mauerspecht in der Ausstellung "30 Jahre friedliche Revolution" im MACHmit-Museum für Kinder in Berlin-Prenzlauer Berg (Bild: rbb/Hans Ackermann)
Bild: rbb/Hans Ackermann

Mauerspecht in Aktion

Mit seinen beiden Enkeln Liah und Jonah ist auch Mario Schatta in die Ausstellung gekommen. Er freut sich über das große Interesse und sieht den Zusammenhang zwischen den damaligen Demos und den Protesten heute: "Ich finde es wichtig, dass wir als Ältere die Geschichten erzählen, damit die Kinder davon lernen und es als ein Geschenk schätzen können, in so einer Gesellschaft leben zu dürfen. In Freiheit, wo man zu 'Fridays for Future' gehen kann - wie die beiden hier. Ohne dass man verhaftet wird - das ist ein Schatz."

Die Bezüge zur Gegenwart werden in dieser kleinen Ausstellung mit großer Sorgfalt hergestellt. Die Kinder nehmen das Angebot an und bestaunen auch den Mauerspecht: Mit einer Schnur erweckt Svea den bunten Vogel aus Holz zum Leben - und fasst dabei kurz zusammen, was in so einer Ausstellung wichtig ist: "Wenn man es interessant findet, dann schaut man sich das auch an und kann nachher alles gut behalten."

Beitrag von Hans Ackermann

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1 Kommentar

  1. 1.

    Politunterricht gab es früher auch. Mir ist gerade schlecht geworden.

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