Frau Reich (Michaela Schuster) und Sir John Falstaff (René Pape) (Quelle: opernfan.de/Hildebrand)
Audio: Inforadio | 04.10.2019 | Maria Ossowski | Bild: opernfan.de/Hildebrand

Opernkritik | "Die lustigen Weiber von Windsor" - MeToo, Tattoo und Grönemeyer

Ist der Kerl dick! René Pape, Baß und Star an der Staatsoper und normalerweise von ansehnlicher Gestalt, debütiert als Falstaff in einem Fatsuit. Die Maskenbildner haben sich selbst übertroffen. Die Wampe hängt über beigefarbenen Shorts, monströse Oberarme quellen aus dem ausgeleierten Unterhemd, die fetten Schenkel und feisten Waden enden in Socken und Sandalen. Über dem Stiernacken hängen strähnig die Haare, und dieser Mann ist hinter den lustigen Weibern her, die ihn dafür mächtig mobben.

Premiere vor 170 Jahren

Vor 170 Jahren hatte dieses Singspiel an der Berliner Staatsoper Premiere. Daniel Barenboim befand, es sei ein Meisterwerk und Regisseur David Bösch, reich ausgestattet mit Meriten aus Bochum, Zürich, Salzburg, Frankfurt oder München, gab mit dieser "komisch-phantastischen" Oper nach einem Shakespearestoff seinen Einstand an der Staatsoper. Er hat den Dreiakter verlegt in eine spießigen Bungalowsiedlung mit Billiggrill, Satellitenschüsseln und Wäschespinnen.

Da versucht Sir John Falstaff, zwei Nachbarinnen anzugraben: Frau Fluth und Frau Reich in Bademänteln, die sich aus Langerweile die Hornhaut von den Füßen schaben und ziemlich viel saufen. Eine romantische Idylle sieht anders aus, die Ladies lassen Falstaff voll auflaufen, bis er schließlich in der Themse landet und Grönemeyer grölt. "Männer sind so verletzlich. Männer sind einfach unersetzlich."

Knutscherei nach Ränkespielen

Derweil eifersüchtelt Herr Fluth ganz fürchterlich. Jeder Mann gucke seiner Frau hinterher, schimpft er, der Pfarrer, der Postbote und, böser Blick in den Orchestergraben, der Generalmusikdirektor. Hintersinnig, mit Ironie und und intelligenter Chuzpe amüsiert sich das Team hier über die Auswüchse der MeToo-Vorwürfe in der Opernwelt.

Ein junges Paar, die bezaubernde Anna Prohaska singt die Anna Reich und Pavol Breslik der Fenton, liebt ohne Hinterlist, hat sich die Namen des Anderen auf die Oberarme tätowiert und darf nach allerlei Ränkespielen endlich bei Mondschein knutschen.

Kritiker unglücklich, das Publikum wohl nicht

René Pape singt und spielt den Falstaff melancholisch, der Fettwanst frisst, weil er dauergeil keine Frau rumkriegt. Michael Volle, vergangene Woche noch der Göttervater Wotan im "Ring des Nibelungen", kann auch Komödie und überzeugt als eifersüchtiger Fluth. Mandy Fredrich, seine Frau, bekam besonders viel Applaus für ihre gelangweilte Vorstadtintrigantin.

Die Sängerin ist hochschwanger, im Schlussbild halten alle ihren Bauch. Schließlich Daniel Barenboim, der gerade Wagners Ring dirigierte und auf Wunsch von Emanuel Macron beim Staatsakt für den verstorbenen französischen Präsidenten Jacques Chirac Schuberts Impromptu gespielt hatte, er wirkte gelassen, heiter, die Staatskapelle hat herrlich und inniglich und fast zu schön gespielt, der Chor hat fein gesungen.

Ob dieses ein bisschen altbackene Singspiel so aufgehübscht zu einer Saisoneröffnung ausgerechnet am Tag der Einheit taugt? Einige Musikkritiker wirkten gar nicht glücklich, ich habe mich trotzdem amüsiert und das Publikum, dies verrät mir die Kritikerkristallkugel, wird die leichtheitere Aufführung auch in Zukunft genießen.

Beitrag von Maria Ossowski

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