Bill Callahan auf der Bühne
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Audio: Inforadio | 09.10.2019 | M. Bienert | Bild: imago images / PA Images Download (mp3, 2 MB)

Konzertkritik | Bill Callahan im Admiralspalast - Songs ganz ohne Sonne - aber mit Countryflair

Der amerikanische Singer-Songwriter Bill Callahan gilt als Pionier des Lo-Fi. Dass er inzwischen mit weitaus mehr als vier Spuren umzugehen weiß, hat er bei seinem einzigen Deutschlandkonzert am Dienstagabend unter Beweis gestellt. Von Magdalena Bienert  

Fast ausverkauft ist der Admiralspalast und das Publikum bunt gemischt. Viele englische Sprachfetzen fliegen durch den Saal. Pünktlich um acht allerdings verstummen alle andächtig, als die leise und sehr spezielle Vorband auf die Bühne kommt. Das Trio "Dallas Acid" kommt wie Bill Callahan auch aus Austin, Texas:  die perfekte Symbiose, die am Ende dieses Vorspiels in einem gemeinsamen Song endet.

Als Callahan dann eine Stunde später mit drei weiteren Musikern wieder auf die Bühne kommt, sind seine Fans wohlig in die roten Plüschsessel versunken und bereit, sich voll und ganz in diese sonore Stimme einzumummeln.

Orange-grüne Nebelkegel und kitschige pink-rote Lichter

Callahan und seine Band - Gitarrist, Kontrabassist und Schlagzeuger - stehen alle nebeneinander, kompakt eingerahmt von einer bemerkenswerten Lichtshow. Retro-orange-grüne Nebelkegel wechseln sich mit herrlich kitschigen pink-roten Lichtern ab oder werden giftgrün, wenn es lauter wird. Songs seines früheren Projektes Smog hat der Sänger genauso dabei, wie vieles, was er ab 2007 unter seinem bürgerlichen Namen veröffentlicht hat. Zum Beispiel das epische "America" von 2011, das sich über fast acht Minuten dehnt. Keine Sekunde davon erscheint zuviel.

Bill Callahan, der „Schäfer in Schaffell-Weste“

Im Juni war Callahans 17. Studioalbum "Shepherd In A Sheepskin Vest" erschienen. Sechs Jahre hatte er sich dafür Zeit genommen, beziehungsweise diese Zeit sinnvoll mit Heirat und Kindererziehung überbrückt.

Sein Album erschien natürlich digital, aber auch auf Vinyl - und dann auch noch als Kassette - das ließ sich der einstige Vierspur-Rekorder-Fan und Vorreiter der simplen Lo-Fi-Technik nicht nehmen.

Keine Sonne in Europa

Seit über einer Woche sei er jetzt in Europa auf Tour, erzählt Callahan. Seitdem habe er keine Sonne gesehen. In Texas würde die ja immer scheinen.

Callahan lacht, redet weiter, verliert den Faden. Das macht den 53jährigen sehr sympathisch. Man könnte dieser Stimme einfach stundenlang zuhören. Sie erinnert an Nick Cave, wohingegen musikalisch auch mal Johnny Cash grüßt. Oder liegt das einfach an der Lap-Steel-Gitarre, die für Countryflair sorgt? Denn dann wieder reißen Callahan und seine Mitmusiker die sanften Songs mit den lyrischen Texten plötzlich lautstark in eine ganz andere Richtung.  

Beim einzigen Deutschlandkonzert abgeliefert

Die warme Luft im vollen Saal wird immer dünner, Callahan würde auch gut in einen lockereren Rahmen passen, in einen verrauchten Club vielleicht, denn immer wieder stehen Fans auf, holen Biernachschub, jubeln ihm zwischendurch zu, aber mehr Extase lässt der Rahmen kaum zu. Die Stühle machen auf Dauer träge. Aber bitte, das ist Kritik auf sehr hohem Niveau! Bill Callahan ist live kurzweilig und ein überzeugender und berührender Musiker. Die Fans, die für sein einziges Deutschlandkonzert extra nach Berlin gereist sind, dürften diese Mühe nicht bereut haben.

Sendung: Radioeins, 09.10.2019, 8.50 Uhr

Beitrag von Magdalena Bienert

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