Deniz Yücel, deutsch-türkischer Journalist und Publizist, nimmt an der Premiere seines Buches «Agentterrorist» im Festsaal Kreuzberg teil (Bild: dpa/Soeder)
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Audio: Inforadio | 08.10.2019 | Hans Ackermann | Bild: dpa/Soeder

Lesung | Deniz Yücel im Festsaal Kreuzberg - Gesprächig geblieben

Eine fesselnde Persönlichkeit, ein mitreißendes Buch: Der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel arbeitet seine einjährige Inhaftierung in einem türkischen Hochsicherheitsgefängnis auf - mit seinem Buch "Agentterrorist". Von Hans Ackermann

"Agentterrorist", erzählt Deniz Yücel dem Publikum zu Beginn, "ist eine Wortschöpfung von Tayyib Erdogan, extra mir zuliebe. Ich hoffe, dass er keine Copyright-Ansprüche stellt!"  Tantiemen an Erdogan zahlen - auch sein Humor hat Deniz Yücel geholfen, das Unrecht im Gefängnis zu ertragen. Diesen Eindruck gewinnt man schnell bei dieser äußerst gesprächigen Buchpremiere.

Ein langatmiger Einstieg

Befragt wird Yücel auf dem Podium von der Journalistin Doris Akrap, zugleich seine "beste Freundin", wie er sagt. Vor der eigentlichen Lesung aus dem neuen Buch erzählt der 1973 in Deutschland geborene Autor dann erst einmal ausführlich, wie er im türkischen Gefängnis sein vorheriges Buch geschrieben hat. Mit Texten, die er für verschiedene seiner bisherigen Arbeitgeber verfasst hatte: "Also, wir haben die ganzen Texte aus 'Jungleworld' und TAZ und WELT in diese Zelle reingeschmuggelt. Und ich fing an, an diesem Buch zu arbeiten. Das  waren am Ende 511 handschriftliche Seiten und ich dachte - krass."

Nach gut 50 Minuten angenehmster und entspannter Einleitungsplauderei - die man diesem geschundenen Journalisten von Herzen gönnt - könnte an dieser Stelle aber nun langsam mal die Lesung beginnen. Immerhin steht das neue Buch doch schon von Beginn an vor dem Autor auf einem kleinen Tisch. Dazu hatte die Moderatorin noch ein paar Sträuße Petersilie aufgestellt. 

Im Publikum wissen natürlich die meisten, das ihn seine Ehefrau Dilek damals, nach der Entlassung im Februar 2018, mit einem großen Strauß des grünen Krauts empfangen hatte - Bilder, die um die Welt gegangen sind. Mit einer Erinnerung an seine Frau fängt dann die Lesung nach einer Stunde auch endlich an.

Ein entschlossener Journalist und erfahrener Autor

"Wir sitzen in einer Besucherkabine, zwischen uns eine fingerdicke Glasscheibe. Reden können wir nur über die Sprechanlage. Es ist wie Telefonieren, nur dass man sich dabei sieht, ohne sich berühren zu können."

Mit dem Beginn der Lesung spürt man sofort die enorme sprachliche Gestaltungskraft dieses Autors, der in seinem 400 Seiten starken Buch von einem an sich unerträglichen Jahr erzählt. Mit Isolationshaft, Erniedrigungen und Kontaktverboten, einer umfassenden Einschränkung der Bürgerrechte, ohne dass je eine Anklageschrift verlesen worden wäre.

Selbstachtung trotz widriger Haft

Neben den persönlichen Schilderungen der Haft liefert das Buch auch Analysen der türkischen Politik. Denn Yücel ist vor allem ein brillianter politischer Journalist. Seine Situation im Gefängnis läßt ihn im Buch eine interessante Parallele zu einem anderen, "berühmten" politischen Gefangenen ziehen:

"Nachdem ich 27 Jahre gewartet hatte, könnte ich ohne weiteres noch einmal 7 Tage warten, erinnert sich Nelson Mandela in seiner Autobiographie, nachdem er das Angebot der südafrikanischen Apardheidsregierung zu seiner sofortigen Freilassung abgelehnt hatte."

Die Freiheit wiederzuerlangen, ohne die Selbstachtung zu verlieren - bei allen Unterschieden zu Nelson Mandela, hat auch Deniz Yücel diesen Anspruch an sich selbst bis zum Ende seiner Haft durchgehalten. Die eigene Freilassung gegen die Zusage von Waffenlieferungen an die Türkei, diesen durchaus denkbaren Deal zwischen den Regierungen beider Länder hatte Yücel stets abgelehnt.

Emotional, aber doch etwas kurz

Das Ende des ersten Kapitels handelt dann noch einmal von seiner Ehefrau Dilek. Sie hatte ihn in seiner Haftzeit im Gefängnis geheiratet, verständlich, dass dem Autor beim Lesen des Textes dann kurz die Stimme versagt - emotionaler Abschluss einer sehr gesprächigen, aber dadurch leider viel zu kurzen Lesung.

"Zwischen uns ist diese verfluchte Trennscheibe. Also drücke ich meine Hand an die Stelle, an der ihre Hand liegt, als könnten wir uns durch Glas berühren. Wir blicken uns eine Weile in die Augen. Dann unterbricht Dilek das Schweigen: 'Ich verstehe dich, mein Herz', sagt sie."

 

"Agentterrorist", das neue Buch von Deniz Yücel, erscheint am Donnerstag im Verlag  Kiepenheuer & Witsch, 400 Seiten kosten 22,00 Euro

https://www.kiwi-verlag.de/buch/agentterrorist/978-3-462-05278-7/

 

Sendung:

Beitrag von Hans Ackermann

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