Berlin Burlesque Festival (Quelle: Berlin Burlesque Festival)
Audio: Inforadio | 17.10.2019 | Magdalena Bienert | Bild: Berlin Burlesque Festival

Berlin Burlesque Festival - Der Burlesque-Tanz von heute ist feministisch und sexy

Der Burlesque-Tanz hat sich seit seiner Erfindung in den 1920ern verändert: Heute geht es nicht mehr nur ums Ausziehen, sondern eher ums Flirten und vor allem um Persönlichkeit. Ein Besuch in einer Tanzschule zum Start des Berlin Burlesque Festivals. Von Magdalena Bienert

Bei Burlesque Shows denkt man an die 1920er Jahre, an pure Verheißung, wenn sich leicht bekleidete Frauen gekonnt eines Handschuhs entledigen oder ihre Federboas kreisen lassen. Auch 2019 dreht sich bei dieser Performance alles ums Ausziehen. Das darf auch schräg sein, witzig oder wild. Neo-Burlesque ist die moderne Weiterführung des einstigen Striptease. Aber es geht eben um mehr, als nur ums Ausziehen: Jede Tänzerin habe ihre eigene Persönlichkeit, sagt Ariane Freund. Die Tänzerin wird mit ihrer Bühnenfigur Marlene von Steenvag als die deutsche blonde Antwort auf die US-Amerikanerin Dita von Teese gehandelt.

"Die Herausforderung ist nicht unbedingt, dass man sich eine bestimmte Schrittfolge merken oder sich besonders gut verdrehen muss", sagt Ariane Freund über die Kunst einer guten Performance, "sondern es kommt auf den Charakter an: Wer bist du und welche Geschichte hast du zu erzählen? Und kannst du mich mitnehmen in deine Fantasie und deinen Traum?" Je besser das eine Künstlerin könne, umso ansprechender und schöner sei die Show.

Ihre Bühnenfigur Marlene sei verführerisch, lustig und habe Spaß, so Freund. Dennoch gebe es auch eine düstere Seite.

Kein zu blond, zu dunkel, zu dick, zu dünn

Ariane Freund hat Schauspiel studiert, bevor sie vor zehn Jahren zu Marlene von Steenvag wurde und sich ganz dem Burlesque verschrieben hat. Eine einfache Entscheidung: "Ich konnte mich bewegen und erfinden, wie ich wollte, - und da war kein Regisseur, der gesagt hat: Du bist aber zu blond, zu dunkel, zu dick, zu dünn, zu groß, zu klein", sagt Freund rückblickend, "Ich wollte selber ein kleines Gesamtkunstwerk schaffen".

Berlin Burlesque Festival (Quelle: Berlin Burlesque Festival)
Bild: Berlin Burlesque Festival

Mit Burlesque habe sie damals eine Möglichkeit gefunden, ihre eigenen Stücke auf die Bühne zu bringen - mit eigener Dramaturgie samt selbst geschneiderten Kostümen und ausgesuchter Musik. "Das Kokettieren, das Flirten, mit dem Gegenüber in Aktion treten, das macht mir unheimlich viel Spaß und deshalb bin ich so glücklich, dass ich Burlesque gefunden habe, weil sich da alles verbindet", sagt Freund.

Das Publikum ein bisschen "zum Fürchten bringen"

Neben ihren eigenen Shows leitet die 38-Jährige die Berlin Burlesque Academy in Prenzlauer Berg. Vier Wochen vor dem Beginn des ebenfalls von ihr initiierten Berlin Burlesque Festivals (17. bis 20. Oktober) treffen sich hier einmal pro Woche fünf Frauen, um die Kunst der tänzerischen Verführung zu lernen. Die Performerin Arden Delacour leitet sie an.

Sie gießt allen Frauen einen Sekt ein. "Das große Merkmal von Burlesque ist die Bühnenpräsenz. Wir spielen mit dem Publikum, vielleicht auch, um es ein bisschen zum Fürchten zu bringen", sagt die Tänzerin lachend und fügt hinzu: "Neben dem Striptease."

Arden Delacour trägt ein schwarzes durchsichtiges Spitzenoberteil, durch das eine Korsage blitzt, eine enge schwarze Hose und hohe Plateau-Stilettos, dazu einen perfekten schwarzen Lidstrich, dunkelroten Lippenstift und die braunschwarzen Haare elegant im Nacken geknotet. Wenn die Tänzerin ihren Schülerinnen ihre Pin-up-Girl-Posen vormacht, ist unübersehbar, dass sie ihre Berufung gefunden hat.   

Bühnenpräsenz und Persönlichkeit zählen

Das Besondere an der Burlesque-Szene ist: Es gibt kaum Schönheitsideale, wie die bunte Frauentruppe im kleinen verspiegelten Tanzraum der Academy zeigt. Vielmehr geht es um die Persönlichkeit. Caroline ist 36 Jahre alt und 1,84 Meter groß und eher kurvig. Sie habe Burlesque in Zürich kennengelernt und es mache ihr "unheimlich Spaß". "Das ist eine tolle Verbindung von Tanzen, hat mit Persönlichkeit und Selbstliebe zu tun", sagt sie.

Neben Caroline steht die 17-jährige Mette. Sie ist eigentlich schon Profi - im Ballett. "Seit ich drei bin, tanze ich", sagt sie. Sie habe aber vor drei Jahren aufgehört, alle größeren Schulen hätten sie abgelehnt, "weil ich zu dick bin". So sei sie zum Burlesque gekommen: "Ich wollte tanzen, ohne dass es schlimm ist, wenn man nicht unter 50 Kilogramm wiegt". Die Schülerin lacht verlegen. Arden Delacour nickt verständnisvoll.

Jede in diesem geschützten Raum hat ihre eigene Geschichte: Ellen ist extra aus Dortmund angereist. Sie arbeite als Domina und tanze aber auch viel, sagt sie - vor allem Standard und Tango. "Domina sein ist ja auch eine Performance." Besonders interessiere sie, was sie noch ausdrücken könne, welche Bewegungen und Outfits es gebe, die sie später in ihr Repertoire aufnehmen könne.

Nachdem sich alle vorgestellt haben, bekommen alle goldene High Heels und Arden Delacour dreht die Musik auf. "Und jetzt alle einmal zum Spiegel und schaut Euch dabei fest in die Augen!" Für den knapp fünf minütigen Auftritt beim Burlesque Festival in den kommenden vier Tagen darf jede der Frauen selbst entscheiden, wie weit sie gehen möchte und wieviel nackte Haut sie zeigen mag.

Burlesque. (Quelle: rbb/M. Bienert)
Die Reporterin Magdalena Bienert (links) und die Tänzerin Marlene von Steenvag (rechts) | Bild: Burlesque. (Quelle: rbb/M. Bienert)

"Was ich in der Zeit mach, ist mir überlassen"

Für Profi Ariane Freund ist längst klar, wie weit sie in ihrem Spiel als Marlene geht. Ihr gehe es nicht darum etwas zu versprechen oder im Gegenteil etwas nicht zu tun, sondern Spannung aufzubauen. Der Zuschauer solle die ganze Zeit überlegen: Was kommt als Nächstes? "Wenn wir ein Gewand öffnen oder eine Federboa von der Schulter fallen lassen, dann präsentieren wir eine Seite und verdecken sie wieder. Gebe ich dir was oder nicht? Stimmt der Applaus oder nicht? Was gibst du mir als Zuschauer, damit ich mich auf dieses Spiel einlasse", erklärt Freund das "Teasen", das Anheizen des Publikums.

Wenn das Publikum sie gelangweilt auflaufen lässt, bleibt die Tänzerin eben angezogen. "Ich hatte mal einen Auftritt, wo die Leute schon so satt und gelangweilt wirkten", erzählt sie. "Ich wollte gerade den BH ausziehen und habe nochmal so in die Runde geguckt, ob ich noch etwas Applaus abholen kann  - da kam aber rein gar nichts. Dann habe ich beschlossen: Nee, das mache ich jetzt nicht." Dann habe sie den BH angelassen und die Show beendet: "Das war mir zu doof", sagt sie. Es habe ihr aber den Respekt des Publikums gebracht. "Ich muss nichts machen. Der Kunde kauft meine Show und die geht so und so lange - aber was ich in der Zeit mache, das ist absolut mir selbst überlassen", sagt die Tänzerin.

Keine Reminiszenz "an die veraltete Frauenrolle"

Die Burlesque-Tänzerin beschreibt sich selbst als absolut selbstbestimmt. Trotzdem: Ist diese Form der Selbstdarstellung heute noch zeitgemäß? Darauf hat Ariane Freund eine klare Antwort: "Burlesque ist sehr feminin, aber es ist keine Feminität, die Frauen stört oder untergräbt, sondern eine, die sie wertschätzt." Die Show-Art sei sehr feministisch, auch wenn man das nicht denke - trotz oder gerade wegen des Lippenstifts, der Ohrringe und der Zeit, die für das Schminken und Anziehen verwendet wird. Ariane sagt: "Das wirkt erst mal wie eine Reminiszenz an die alte Zeit, aber es ist eine Reminiszenz an die zelebrierte Schönheit, nicht an die veraltete Frauenrolle."

Sendung: Inforadio, 17.10.2019, 17:50 Uhr

Beitrag von Magdalena Bienert

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4 Kommentare

  1. 4.

    Auf eine Antwort werden Sie lange warten müssen. Denn“was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht“. Anders ausgedrückt verstehen so manch gestandene Männer den Zusammenhang von feministisch und sexy gar nicht.

  2. 2.

    Die Begriffe "feministisch" und "sexy" zusammen in einer Überschrift zu nennen, ist schon schräg.

  3. 1.

    Sehr interessanter Bericht mit Blick hinter die Kulissen. Bei den Berühmtheiten des Burlesque-Tanzes viel immer wieder der Name Dita von Teese. Ich weiß jetzt mehr darüber. Danke:-)

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