Szene aus "Im Stillen laut" mit Christine Müller-Stosch und Erika Stürmer-Alex (Quelle: DOK Leipzig 2019)
Bild: DOK leipzig 2019

DDR-Doku "Im Stillen laut" - Wenn die Stasi-Akte so richtig zum Lachen bringt

Wer alternative Kunst schuf oder unkonventionell lebte, machte sich in der DDR angreifbar. Die Brandenburger Künstlerin Erika Stürmer-Alex und ihre Partnerin ließen sich davon nicht beirren. Der Film "Im Stillen laut" dokumentiert nun ihr Leben. Von Mona Ruzicka

"Er fuhr auf den Hof und sah circa zehn Personen an einer Kaffeetafel und alle waren völlig nackt." Als Erika Stürmer-Alex diesen Satz vorliest, bricht das Lachen aus ihrer Partnerin heraus. "Das kann gar nicht stimmen! Weil es niemals so war, dass alle nackt waren", beschwert diese sich. Die zwei 81-jährigen Frauen blättern weiter durch eine Akte, amüsieren sich über die Beschreibungen und gleichen das Geschriebene mit ihren eigenen Erinnerungen ab.

Eigentlich ist es keine lustige Lektüre, die die zwei da lesen: Es ist die Stasi-Akte der Künstlerin Erika Stürmer-Alex. Zu DDR-Zeiten wurde sie überwacht, immer wieder kamen Spitzel auf ihren Kunsthof in Lietzen (Märkisch-Oderland) und lieferten Beobachtungen ab - wie die über das nackte Kaffeekränzchen. Heute kann Stürmer-Alex darüber lachen.

Kunst zwischen Staatsideologie und Widerstand

Der Film "Im Stillen laut" lebt von den Szenen, in denen Erika Stürmer-Alex und ihre Partnerin Christine Müller-Stosch mit Humor auf die Vergangenheit blicken. Der Film wirft viele Fragen auf: Wie war es damals, als nicht-staatskonforme Künstlerin in der DDR zu arbeiten? Welche Strategien entwickelten die Frauen, um sich selbst treu zu bleiben, aber nicht im Stasi-Gefängnis zu landen?

"Es gab nicht nur sozialistische Staatsideologie oder radikale Opposition, es gab auch vieles dazwischen - gerade auch in der Kunst", sagt Therese Koppe. Die 34-Jährige aus Berlin wollte zunächst einen Film über verschiedene Künstlerinnen machen, sei dann aber bei Erika und Tine "hängen geblieben", wie sie sagt. "Die beiden sind so spannend und charmant. Und eine Generation, die nicht so oft porträtiert wird." Nach mehreren Jahren Recherche und über einem Jahr Drehzeit feierte die Dokumentation diese Woche Premiere beim "Internationalen Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm", kurz DOK Leipzig.

Archivaufnahmen von wilden Performances

Geboren sind beide Frauen 1938, aufgewachsen in unterschiedlichen Verhältnissen. Stürmer-Alex ein eher klassisches Arbeiterkind, schon mit 20 Jahren studierte sie an der Kunsthochschule in Berlin-Weißensee. Christine Müller-Stosch wuchs als Kind eines evangelischen Pfarrers auf und wurde deshalb in der DDR früh stigmatisiert, der Schulabschluss wurde ihr verwehrt.

Szene aus "Im Stillen laut" mit Christine Müller-Stosch und Erika Stürmer-Alex (Quelle: DOK Leipzig 2019)
Szene aus "Im Stillen laut" | Bild: DOK Leipzig 2019

Im Film sieht man, was die zwei Frauen verbindet: eine unglaubliche Offenheit und Lebenslust. Sie blicken zurück auf ihr Leben, das sich oft auf dem Kunsthof in Lietzen, in der Nähe von Frankfurt (Oder), abgespielt hat. Sie erzählen von Workshops mit anderen Künstlerinnen, gemeinsamen Festen und Aufführungen. Auf alten Aufnahmen sind Performances zu sehen, mit extravaganten Kostümen oder wilder Musik. Vieles davon versuchte der Staat zu torpedieren. Doch während sich befreundete Kunstschaffende auf den Weg in den Westen machten, blieben die beiden.

Lebensauffassung als Auftrag

Eine Szene zeigt Bilder von Erika Stürmer-Alex bei einem Besuch in Paris, dazu liest sie aus ihrem Tagebuch vor. Sie zweifelt, wo ihr Platz in der Kunstszene sei - in der DDR war eigentlich kein Platz für Querdenkerinnen wie sie vorgesehen. Ihre Bilder finden keine Abnehmer. Trotzdem schrieb sie damals: "Ich denke wirklich, dass ich in der DDR mehr gebraucht werde. Nicht nur mit meiner Kunstauffassung, sondern auch mit meiner Lebensauffassung."

Diese unbeugsame Haltung wird im ganzen Film deutlich. Er zeigt zwei Frauen, die mit ihrem Lebensentwurf stillen Widerstand leisten - daher der Titel.

Und auch sonst geht es eher ruhig zu. Die langen, bedachten Aufnahmen zeigen das gemeinsame Leben der Frauen - auch die viele Arbeit, die es bedeutet, einen Vierseitenhof mit über 80 Jahren in Schuss zu halten und immer weiter Kunst zu schaffen. Gemälde müssen verstaut, Holzscheite gehackt oder hohe Bäume beschnitten werden. Stets unterstützt sich das Paar liebevoll. Es ist ein ständiger Austausch zwischen den beiden, egal ob sie über die Vergangenheit diskutieren oder sich im Alltag necken.

Szene aus "Im Stillen laut" mit Christine Müller-Stosch und Erika Stürmer-Alex (Quelle: DOK Leipzig 2019)
| Bild: DOK Leipzig 2019

Zwischen Schwere und Lockerheit

"Ihre Gespräche sind ein Pingpong Spiel zwischen Schwere, Reflektion und Humor", beschreibt Regisseurin Therese Koppe ihre Protagonistinnen. "Gesellschaftlich relevante Themen betrachten sie immer mit Selbsthumor und Ironie." Auch bei der Premiere in Leipzig melden sich nach dem Film viele Zuschauer, die beeindruckt sind von der Lockerheit, mit der der Film und die Frauen ihre Lebensgeschichte und die Vergangenheit behandeln.

Viele Lehren für die Gegenwart

Mit der Wende kamen weitere Herausforderungen, doch die Künstlerinnen haben unbeirrt weiter gemacht. Erika Stürmer-Alex wurde inzwischen für ihr Lebenswerk mit dem Brandenburgischen Kunstpreis ausgezeichnet; sie wird in Deutschland und international ausgestellt. Das Durchhalten und die Treue zum eigenen, ehemals unkonventionellen Stil zahlen sich aus - auch das zeigt der Film.

"Ich hoffe, dass der Film Inspiration sein kann", sagt Regisseurin Therese Koppe. "Dass man politisch und historisch einschneidende Zeiten mit Humor, Offenheit und einem konstruktiven Umgang nehmen kann." Obwohl es in "Im Stillen laut" viel um die Vergangenheit geht, kann man daraus auch viele Lehren für die Gegenwart ziehen.

Beitrag von Mona Ruzicka

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1 Kommentar

  1. 1.

    Wann und wo gibt es den mal eine Ausstellung in Berlin - scheinen Bilder zu sein die mir gefallen!

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