Poetry-Slammer Julian Heun © radioeins/Schuster
Audio: Radioeins | 22.10.2019 | Interview mit Julian Heun | Bild: radioeins/Schuster

Interview | Poetry Slammer Julian Heun - "Unsere Jury ist das Publikum"

Bis Samstag finden die deutschsprachigen Meisterschaften im Poetry Slam statt. Mit dabei ist der Berliner Meister Julian Heun - diesmal allerdings als Moderator. Im Interview spricht er über seinen ersten Auftritt, die Slam-Szene und warum Poetry Slam als Schulfach gut ist.

rbb: Erinnerst Du Dich eigentlich an deinen ersten Slam? Den ersten Text, den Du vor langer, langer Zeit mal vorgetragen hast?

Julian Heun: Ja, das war 2007, als die letzten deutschsprachigen Meisterschaften in Berlin stattgefunden haben. Damals war ich einfach wahnsinnig aufgeregt. Ich hatte meinen Text auswendig gelernt, hatte aber Angst vor einem Blackout und hab meinen Text abgelesen. Aber meine Hände haben so gezittert, dass ich ihn eigentlich nicht mehr lesen konnte. Und dann war es doch wieder gut.

Hast Du Deine Technik danach oder im Laufe der Jahre maßgeblich geändert? Oder ist vieles noch so wie damals, wenn Du heute auf die Bühne gehst?

Ich hoffe, ich bin ein bisschen besser geworden. Aber mache ich das, was ich gerne mache: Dinge, die ein bisschen berühren und ein bisschen nachdenklich sind, ein bisschen lustig. Die Mischung ist geblieben. Die Themen haben sich geändert. Meine Stimme hat sich geändert. Ich sehe inzwischen anders aus. Ein Glück.

Gibt es Texte, die ganz kurz vor Auftritten entstehen?

Nein, bei mir nicht. Beim Poetry Slam ist es theoretisch möglich, Texte einfach auf der Bühne zu improvisieren. Aber es gibt nur sehr wenig Menschen, die das können. Und meistens sind gut vorbereitete Dinge, die man auswendig gelernt hat und wo man sich einen zweiten Gedanken auch noch gemacht hat und im dritten und vierten doch besser.

Wo steht denn generell Poetry Slam in Deutschland? Es haben ja einige den Sprung auch in die Bestsellerlisten geschafft: Marc Uwe Kling ist der große Name. Dann gibt es fließende Übergänge auch zum Comedy Business. Du hast für das "Neo Magazin Royale" geschrieben und gearbeitet. Können viele von denen, die in den kommenden Tagen antreten, von ihren Bühnenauftritten und Texten leben?

Für viele ist Poetry Slam ein Sprungbrett. Andere haben sich aber in dem, was sie da auf der Bühne machen, schon sehr gefunden und leben davon. Und es gibt aber auch ein paar Leute, die das noch als Hobby machen. Und die sind natürlich ganz besonders aufgeregt, mit allen anderen auf der Bühne zu stehen.

Im Team reisen kommt ja eher seltener vor, weil es mit höheren Kosten verbunden ist. Aber es gibt bei den Meisterschaften auch einen Wettbewerbsteil, der nur den Teams gewidmet ist.

Neben dem Einzeltitel gibt es auch einen Teamtitel. Teams sieht man sehr selten, weil es sehr teuer ist, es ist aber total spannend. Die Slam-Szene weiß das und diese gehen auch selber alle zu den Team-Halbfinals und Finals, weil das eigentlich das Spannende ist. Da sieht man nämlich ab und zu noch Ding auf der Bühne, die hat man so noch nicht gesehen, weil die performativen Möglichkeiten so groß sind. Es hat etwas Theatrales, teilweise was Musikalisches und es ist Druck drauf.

Wer entscheidet eigentlich, wer am Ende als Gewinnerin oder Gewinner die Trophäe mitnimmt? Wie setzt ihr die Jurys zusammen?

Die Jury wählen wir an dem Tag selber aus dem Publikum aus. Es ist wichtig, dass das keine Leute sind, die studiert haben oder irgendwas Besonderes sind, sondern einfach aus dem Publikum. Wir kontrollieren nur, ob sie die Personen auf der Bühne persönlich kennen.

Woran erkennt man denn, dass ein Text richtig gut ist? Oder ist es mehr dann auch Text und Performance?

Text und Performance müssen stimmen. Wobei ich sagen muss, mit einem mittelmäßigen Text und einer guten Performance kommt man weiter als mit einem guten Text und einer mittelmäßigen Performance.

Kann man die Poetry Slam-Texte eigentlich auch in Bücher stecken? Muss Poetry Slam nicht eigentlich auf der Bühne gelebt werden?

Ich habe mal einen Roman geschrieben. Aber meine Texte gibt es extra deswegen nicht im Buch, weil sie auf die Bühne gehören. Die sind dafür gemacht. Manche Texte funktionieren in Büchern und andere eben nicht. Dann ist das halt nur so eine Art Zweitversion oder Kopie.

Wäre Poetry Slam nicht auch ein tolles Schulfach?

Poetry Slams sind schon in ganz vielen Rahmenplänen mit drin. Ich biete auch selber Workshops an und bin auch oft an Schulen. Es ist halt ganz gut, weil man dabei das machen kann, was viele Deutschlehrer leider nicht schaffen und zwar Freude an Sprache übermitteln. Und das ist ein Punkt, der eigentlich sehr zentral ist, aber häufig schwer rüberzubringen ist. Es geht darum, den Schülern zu zeigen: Guck mal, all diese Stilmittel, die wir lernen, können in einem Text sein, der mit deiner Lebensrealität zu tun hat und den ich so weit weg sein muss von dem, wo du lebst.

Vielen Dank für das Gespräch!

Mit Julian Heun sprach Steen Lorenzen für Radioeins. Dieser Beitrag ist eine gekürzte und redigierte Fassung. Das vollständige Interview können Sie mit Klick auf das Audiosymbol im Aufmacherbild nachhören.

Sendung: Radioeins, 22.10.2019, 14:10 Uhr

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