Archivbild: <<A Certain Ratio>> beim Green Man Festival in Glanusk Park, Wales. (Quelle: imago images/R. Gray)
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Audio: Inforadio | 29.10.2019 | Bruno Dietel | Bild: imago images/R. Gray

Konzertkritik | "A Certain Ratio" im Columbia Theater - Bester Post-Punk aus der zweiten Reihe

Im Gegensatz zu New Order oder den Talking Heads gelang der britischen Post-Punk-Band "A Certain Ratio" nie der kommerzielle Durchbruch. Trotzdem macht die Gruppe seit 40 Jahren Musik. Von Bühnenmüdigkeit war im Columbia Theater nichts zu spüren. Von Bruno Dietel

Nein, voll ist es leider nicht. Nur etwas mehr als 100 Leute haben sich am Montagabend durch das nasskalte Berlin ins Columbia Theater gekämpft. A Certain Ratio-Sänger Jez Kerr trägt einen dunklen Seitenscheitel, hat ein schmales Gesicht, ist ganz in schwarz gekleidet. Kerr bittet zu Beginn alle ganz nach vorne, dass es zumindest direkt vor der Bühne voll aussieht. Es wird auch deswegen ein sehr persönlicher Abend, kündigt er an – und A Certain Ratio werden ihr Versprechen halten.

Die britische Post-Punk-Band <<A Certain Ratio>> im Columbia Theater. (Quelle: rbb/B. Dietel)
A Certain Ratio im Columbia Theater. | Bild: rbb/B. Dietel

Das Publikum erspielen

Der Club ist nicht einmal zur Hälfte gefüllt  - wenn man wie A Certain Ratio schon 40 Jahre Bühnenerfahrung hat, könnte man jetzt in eine routinierte Lethargie verfallen und das Set einfach runterspielen. Aber vielleicht ist genau das der Vorteil dieser Band, die in 40 Jahren nie in so großem Rampenlicht wie ihre Zeitgenossen von New Order oder Talking Heads standen. Die Gruppe aus Manchester ist immer ein Geheimtipp geblieben, sie erspielen sich ihr Publikum jeden Abend aufs Neue. Der Abend beginnt durchaus verstohlen, fast schüchtern, dann werden die Basslinien intensiver, die Gitarren schneller, die Synthies wilder, der düstere Gesang von Jez Kerr nimmt immer mehr Raum ein.

Post-Punk mit unpunkiger Präzision

Vielleicht ist es ein historisches Klangbild – A Certain Ratio führen ihren Post-Punk-Sound mit einer ganz "unpunkigen" Präzision auf: Knarzende Bässe, wild wirbelnde Synthies, prägnante Trompeteneinwürfe und schwebende Funk-Gitarren mit Flanger-Effekt. Dazu Trillerpfeifen und Bongo-Trommeln - es geht vom Talking Heads-Cover bis zum großen Percussionfeuerwerk, Drummer und Gitarrist tauschen die Plätze. Klang und Ästhetik mögen etwas aus der Zeit gefallen sein und mit modernem Popsound wenig zu tun haben. Er ist aber weit weg davon, sperrig und schwer zugänglich zu sein.

Kleine Schwächen, große Live-Qualitäten

Die wenigen Ansagen im schmutzigen Manchester-Englisch von Jez Kerr versteht man kaum. Und auch winzige Augenblicke der Schwäche gibt es – Frontmann Jez setzt sich auf einen Hocker, ihm rutscht kurz der Bass aus der Hand, dem Trompeter Martin Moscrop brechen ein paar Töne weg. Aber allein an der Song für Song auftauenden Mimik der Band und der immer intensiver tanzenden Menge vor der Bühne ist zu sehen, dass A Certain Ratio in Sachen Live-Qualitäten mit der ersten Reihe ihrer musikalische Generation auf jeden Fall mithalten können.

Beitrag von Bruno Dietel

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2 Kommentare

  1. 1.

    Was hat das denn bitte mit Punk zu tun? Oo

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