Archivbild: Die Band Tinariwen bei einem Live-Konzert auf der Bühne. (Quelle: dpa/J. Hrusa)
Bild: dpa/J. Hrusa

Konzertkritik | Tinariwen im Festsaal Kreuzberg - Tuareg-Band bringt Wüstenflair nach Kreuzberg

Ein euphorisches Konzert spielte die afrikanische Wüsten-Rock-Band Tinariwen am Donnerstagabend im vollgepackten Festsaal Kreuzberg. Trotz sprachlicher Barrieren und schwieriger Takte konnte die Gruppe jeden für sich begeistern - auch Victor Buzalka.

Der ausverkaufte Festsaal füllt sich an diesem winterlichen Reformationstag zügig mit einem bunt gemischten Publikum. Alle Altersgruppen, Nationalitäten und Subkulturen der Großstadt sind hier vertreten. Besonders präsent sind einige patriotische Algerier, die gekommen sind, um mitzusingen, vorzutanzen und den Siegeszug ihrer musikalischen Helden zu feiern. Die Konzertbesucher sind merklich gespannt auf das Phänomen Tinariwen, eine aus dem nördlichen Mali stammende Sahara-Rock-Band. Mit ihrer originellen Mischung aus traditioneller Tuareg-Folklore und westlichen Blues-Rock-Elementen hat sie es mittlerweile zu Weltruhm gebracht.

Archivbild: Die Band Tinariwen bei einem Fototermin. (Quelle: imago images/ZUMA)
Die Band während eines Fototermins. | Bild: imago images/ZUMA

Das neue "cool" kommt aus der Sahara

Tinariwen (dt.: "Wüste" oder "leerer Ort") kommen an diesem Abend zu acht auf die Bühne. Mit ihrem Ensemble aus Schlagzeug, Bechertrommel, E-Bass, Akustik- und E-Gitarren sowie zusätzlichen Background-Sängern fegen sie die zunächst etwas unterkühlte Stimmung des 20er-Jahre-Industriebaus aus dem Festsaal hinaus.

Bei den meisten Stücken wechselt sich der kehlige Gesang der Frontsänger und Gitarristen Ibrahim Ag Alhabib, Alhassane Ag Touhami und Abdallah Ag Alhousseyni mit der Antwort des gesamten Bandchors ab. Dieses Element geht auf den Ruf-Antwort-Gesang traditioneller Tuareg-Volksmusik zurück. Getrieben wird der Wüsten-Blues der Malier von dieser Gesangsdynamik und mischt sich mit einer hypnotisch-groovenden Rhythmusfraktion und verspielten psychedelischen Gitarrensounds. Die Bandmitglieder wippen während des Konzerts ganz entspannt im eigenen Takt und müssen bei dem glasklaren Sound im Festsaal nicht mal besonders laut spielen, um das Publikum für sich zu begeistern. Mit ihren Kopftüchern und traditioniellen Tuareg-Gewändern in blau, gelb und rosa, sehen sie geheimnisvoll und doch unverschämt lässig aus.

"Ich habe kein Wort verstanden aber gefühlt, dass sie es ernst meinen"

Obwohl wahrscheinlich die wenigsten Konzertbesucher an diesem Abend etwas von den Texten auf Tamaschek (Tuareg-Sprache) oder Französisch verstehen, geschweige denn mitsingen könnten, scheint das Publikum voll auf seine Kosten zu kommen.  Nach jedem Stück wird derartig laut geklatscht, gepfiffen und gejohlt, dass einem an dieser Stelle wieder klar wird, dass über 900 Menschen hier stehen, um sich an dem experimentellen Klang von Tinariwen zu erwärmen.

Bis auf die algerischen Fans, die in ihre Landesflaggen gehüllt nahezu alles mitsingen, -tanzen und -klatschen, kommt keiner im Publikum so recht mit, mit den krummen Takten und orientalischen Rhythmen. Aber das ist alles kein Problem, denn die Bandmitglieder klatschen stoisch den Takt vor und es sind auch sonst einige Tuareg-Tanzeinlagen, sowohl von den Gitarristen, als auch von den Hintergrundsängern, zu erleben. Dabei wirkt die Interaktion mit dem Publikum keinesfalls wie eine durchchoreografierte Show, sondern vielmehr wie ein Ritual, bei dem die Zuschauer Teil des Geschehens werden sollen.

Ewige Nomaden und Freiheitskämpfer

Tinariwen spielten bereits mit internationalen Größen, wie den Red Hot Chili Peppers, Mark Lanegan und Carlos Santana zusammen und wurden mit einer Einladung zum Montreux Jazzfestival geadelt. Heute machen die Bandmitglieder einen frischen und hoffnungsvollen Eindruck, trotz ihrer krisengebeutelten Vergangenheit. Denn dem Musizieren der Gruppe geht eine Geschichte der Flucht aus der ausgedörrten Sahelzone, des Krieges in Algerien und der andauernden Suche nach einer Heimat voraus.

Sie spielen sich durch ihr zuletzt erschienenes neuntes Album "Amadjar" und lassen auch ihre erfolgreichsten Veröffentlichungen wie "Nànnuflày" und "Sastanàqqàm" zur Freude der Gäste nicht aus. Tinariwen widmen sich naturgemäß mit ihrem Werk den Themen Heimat, Widerstand und Selbstermächtigung. Auch wenn die Konzertbesucher die Tuareg-Sprache überwiegend nicht beherrschen und große kulturelle Unterschiede bestehen, setzt sich die universelle Botschaft der Band an diesem Abend sicher durch: Für Nächstenliebe, Freiheit und ein sicheres zu Hause lohnt es sich zu kämpfen, im besten Fall mit hervorragender Musik.

Beitrag von Victor Buzalka

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