Gidon Kremer bei einem Konzert in Zagreb. (Quelle: imago-images/Dalibor Urukalovic)
Audio: Inforadio | 19.10.2019 | Jens Lehmann | Bild: imago-images/Dalibor Urukalovic

Konzertkritik | Gidon Kremer im Berliner Konzerthaus - Spielfreudig und anrührend

Jedes Jahr im Herbst sucht sich das Konzerthaus Berlin einen Künstler aus und widmet ihm ein ganzes Festival. In diesem Jahr wird dem Ausnahmegeiger Gidon Kremer diese Ehre zuteil. Zehn Tage lang. Jens Lehmann hat sich den Auftakt der Hommage gestern Abend angehört.  

Hm. Da kommt einer der besten Geiger der Welt ins Konzerthaus, auch noch zur Eröffnung seines eigenen Festivals - und im großen Saal am Gendarmenmarkt bleiben viele Plätze leer. An Schuberts Großer C-Dur-Sinfonie wird es wohl nicht liegen. Die las­sen sich ja selbst die schreckhaftesten Abonnenten gefallen. Zumal, wenn sie so frisch und mit so viel Spielfreude musiziert wird, wie vom Konzerthausorchester an diesem Abend.

Gidon Kremer hat sich diese Sinfonie explizit gewünscht. Schubert treffe den Tonfall seiner Seele, sagt der Geiger. Und er habe einfach keine überflüssigen Noten komponiert. Und das obwohl gerade für diese Sinfonie der berühmte Ausspruch von den "himmlischen Längen" erfunden wurde. Aber an diesem Abend hätte ich dieser Musik, die so perfekt zwischen Beethoven und Bruckner passt, wirklich ewig zuhören können.

Ein "musician's musician"

Das liegt sicher auch an David Zinman, ein langjähriger Weggefährte von Kremer - und einer meiner Lieblings-Dirigenten. Das Konzerthausorchester hat ihn gerade erst wieder für sich entdeckt, nachdem er lange Jahre vor allem bei den Philharmonikern und dem DSO zu erleben war. Der kleine Mann mit dem gütigen Gesicht ist wahrlich kein Pult-Diktator, sondern ein echter "musician's musician". Er wird also von den Musikern besonders geschätzt, weil er ihnen vertraut, ihnen zuhört, sie mit kleinen Gesten motiviert, aber oft den Dingen einfach ihren Lauf lässt.

So kommt auch Schubert wunderbar in Fluss, sonst so schroffe musikalische Klippen werden hier ganz selbstverständlich umschifft. Viele Musiker haben schon beim Spielen ein breites Grinsen im Gesicht - und Zinman lehnt sich auf seinem Barhocker zurück, der Mann ist ja auch schon 83, und genießt. So hat er das auch schon im ersten Teil gemacht, während Gidon Kremer sich in die Solokadenzen im Violinkonzert von Sofia Gubaidulina gestürzt hat. Richtig: Moderne Musik. Das könnte auch der Grund für den eher schütter besuchten Saal gewesen sein. Dabei ist das Stück auch schon 40 Jahre alt.

Kremer hat Gubaidulina groß gemacht – und umgekehrt

Die russische Komponistin hat es Gidon Kremer auf den Leib geschrieben, musste die Partitur allerdings aus der Sowjetunion schmuggeln lassen, damit der Geiger das Stück überhaupt spielen kann. Der hatte nämlich seinen vom Staat geduldeten Auslandsaufenthalt eigenmächtig verlängert und war im Westen geblieben. Dort machte er Gubaidulina, und nebenbei sich selbst, über Nacht berühmt - und hat das „Offertorium“, so heißt das Konzert ganz fromm, seitdem zigmal auf der ganzen Welt gespielt.

Auch heute noch rühren einen die Bearbeitung von Bachs "Musikalischem Opfer" und der große, stille Streicherchoral, diese orthodoxe Hymne am Schluss zutiefst an. Kremer wird auch ordentlich beklatscht, man weiß nur nicht, ob für das Stück - oder mehr für die Lebensleistung. Vielleicht lässt die Ehrfurcht vor diesem Jahrhundertgeiger in den weiteren Konzerten des Festivals ja ein bisschen nach.

Da ist Kremer unter anderem mit Christoph Eschenbach, Dirigenten-Shootingstar Mirga Grazinte-Tyla und seinem eigenen, wundervollen Streicherensemble, der Kremerata Baltica zu erleben. Es gehe gar nicht darum, dass er selbst so von Bedeutung sei, sagt Gidon Kremer. Die Welt, die ihn inspiriert, die sei viel eher von Bedeutung - und die will der Geiger seinem Publikum zeigen.

Morgen zum Beispiel, da steht ein Duo-Abend mit Starpianistin Martha Argerich auf dem Programm im Konzerthaus am Berliner Gendarmenmarkt.

Sendung: Inforadio, 19.10.2019, 07:55 Uhr

Beitrag von Jens Lehmann

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