Die Autorin und Musikerin Kate Tempest (Quelle: dpa/Martin Harris)
Audio: Inforadio | 30.10.2019 | Hendrik Schröder | Bild: dpa/Martin Harris

Konzertkritik | Kate Tempest im Huxleys - Sprachgewalt im Strobo-Licht

Kate Tempest ist Dichterin und Musikerin. Sie schreibt Texte und rappt. Sie hat Preise gewonnen und ist mit Bands um die Welt getourt. Jetzt ist die Britin mit ihrer dritten Platte nach Berlin gekommen und hat im Huxleys gespielt. Von Hendrik Schröder

Die Bühne ist schwarz, bis auf ein riesiges mondförmiges Tuch und nervös flackerndes Stroboskoplicht. Strammen Schrittes kommt Kate Tempest auf die Bühne marschiert. Weites, langes, schwarzes Hemd, zottelige rot-blonde Haare. In der rechten Hand hält sie das Mikrofon, mit der linken unterstreicht sie jede ihrer Zeilen mit ausladenden Gesten. Und es sind viele, viele Zeilen. Ihr neues, drittes Album "The Book of Traps and Lessons" wurde von der Produzentenlegende Rick Rubin produziert und lässt noch mehr Raum für ihre Texte, ihre Stimme, ihre Geschichten.

Wütend und zart

Neben Kate Tempest steht eine blond gefärbte Musikerin auf einem Podest und beugt sich wiegend, versunken über Keyboards und Synthesizer. Mehr Leute sind nicht auf der Bühne, nur die zwei. Und man vermisst nichts. Tempest läuft hin und her, fast unaufhörlich, schaut gefühlt jeden im Publikum einmal an -  intensiv ist ihr Blick, aber warm. Ihre Stimme ist laut, klar, hebt sich manchmal zum Wütenden, wenn sie über die Abgründe des Kapitalismus rappt, über die Despoten in der Welt, über Rassismus und Gewalt.

Kate Tempest ist Mitte 30, aber schaut schon auf ein bewegtes Leben. Fünf Geschwister, Schule abgebrochen, um die Welt getourt, Gedichte veröffentlicht, Literaturpreise gewonnen. Ihre Texte sind kein artifizielles Blabla, da spricht irgendwas direkt aus ihr heraus. Immer wieder steht sie eine Weile wie abwesend am Bühnenrand, lässt die Beats und diese sirrenden verstörenden Sounds ihrer Musikerin über sich hereinbrechen, dann wird es bedrohlich, apokalyptisch, die weißen Strahler durchschneiden wie Messer die dunkle Bühne, Tempest singt von Ketamin zum Frühstück und Acid, das sie von fremden Fingern leckt.

"I love you Kate"

Das Publikum beginnt zu tanzen, das Huxleys ist ordentlich gefüllt, mehr Frauen als Männer sind da, zwischen 20 und 50, individuelle Klamotten, hippe Brillen, kultiviert, viel US-Englisch ist zu hören. Die Leute juchzen, schreien, einer brüllt: "I love you Kate". Tempest stellt sich neben die Synthesizer und genießt lächelnd die Begeisterung.

In den Jahren vor der jüngsten Albumproduktion ging es ihr nicht gut, erzählt sie in Interviews. Ausgelaugt von Touren, zu viele Drogen, ihre Ehe am Ende. Jetzt scheint sie alles wieder im Griff zu haben, ist ganz da, strahlt Kraft aus. Dann geht das Licht ganz aus und nur noch dieser Mond aus Stoff leuchtet rot und Kate Tempest steht davor und singt, nein spricht, nein flüstert eher von dieser ganz und gar dramatisch zerbrochenen Liebe, bewegend, berührend, tief, keiner im Publikum quatscht oder tuschelt, alle hören zu. Wahnsinn, wie Kate Tempest ihre Wut, ihre Sehnsucht, ihre Zerbrechlichkeit und ihre Ängste in diese Zeilen kleidet und mit Beats und Sounds unterlegt und alle mitnimmt. Eine große Künstlerin.

Sendung: Inforadio, 30.10.2019, 6.55 Uhr

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1 Kommentar

  1. 1.

    Der Autor hat leider eine wichtige Sache falsch verstanden: das neue Album "The Book of Traps and Lessons" erzählt nicht von einer zerbrochenen Liebe, sondern ist ein Bekenntnis zu ihrer Freundin (oder ich glaube, mittlerweile sind sie sogar verheiratet), erzählt davon, wie sie nach vielen Jahren die Nähe und das Vertrauen in eine andere Person zulassen konnte. Das ganze Album ist eine Liebeserklärung.

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